Alter thrakischer Steinkalender in Vergessenheit geraten

Unter der Bergspitze Dragojnowo befindet sich der alte thrakische Steinkalender.
Foto: Archiv
Die ältesten Bewohner des heutigen bulgarischen Landes, die Thraker, galten seit jeher als gute Astronomen. Sie sollen laut antiken griechischen Quellen die Himmelskörper im Detail gekannt haben und die griechischen Herrscher in die Geheimnisse der Sternenkunde eingeweiht haben. In einer Chronik wird der thrakische Priester Deceneus genannt, der am Himmel 350 Sterne im Einzelnen kannte. Zahlreiche thrakische Heiligtümer waren nach der Bewegung der Sonne ausgerichtet – des obersten thrakischen Gottes. Sonnenanlagen gibt es nach den Worten des Archäologen Boschidar Tschaparow an vielen Orten im Rhodoppen-Gebirge, aber nur an einem Ort gibt es einen Kalender, wie den, der bei den Ausgrabungen eines antiken thrakischen Tempels ans Licht kam. Das geschah vor mehr als 30 Jahren in den Bergen in der Nähe des Dorfes Bukowo, das südlich der Stadt Parwomai liegt. Dort wurde ein Sonnentempel auf einer Bergspitze untersucht.

Diese Bergspitze hat eine Höhe von 800 Metern über Normalnull“, berichtet Boschidar Tschaparow. „In der Mitte des Heiligtums steht ein konusförmiger Stein mit einem Durchmesser von 100 bis 120 Zentimeter und einer Höhe von 30 bis 40 Zentimeter. Dieser Stein hat 6 Vertiefungen im gleichen Abstand. Wir machten mehrfache Beobachtungen mit einem Astronomen von der Plowdiwer Universität am 21. März, 21. Juni, 21. September und dem 21. Dezember. Wir warteten am Morgen auf den Sonnenaufgang und verfolgten, wie der Schatten an diesen Tagen in eine dieser Vertiefungen fiel. In einem der Löcher fanden wir auch ein Steinei, das wahrscheinlich in den verschiedenen Jahreszeiten bewegt wurde. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Kalender für die Jahreszeiten. Die Menschen haben in der Antike die Natur verehrt, weil sie von ihr abhängig waren. Die Berücksichtigung der Jahreszeiten half ihnen bei der Entwicklung der Landwirtschaft und Tierzucht.“

Der Archäologe hat 110 in den Stein geschlagene Anlagen dokumentiert, vornehmlich für die Herstellung von rituellem Wein. Er untersucht auch 1200 Nischen im Felsen, die kultischen Zwecken dienten. Ein solcher Kalender aus der Zeit der Thraker wurde ihm zufolge bisher nicht entdeckt. Dieser Steinkalender befindet sich nach Meinung von Boschidar Tschaparow nicht zufällig hier. „Das ist das Gebiet einer megalytischen Kultur an der Grenze der Gebieten der Stämme der Odryssen und Bessen“, erläutert er. Die Thraker haben die Erde, die Mutter-Göttin als einen lebendigen Organismus betrachtet, der wie der menschliche von Energiezentren bewegt werde. Deswegen bauten sie ihre Heiligtümer an solchen Orten. Sie saßen im Heiligtum nach Osten ausgerichtet und beteten zur Sonne. Der fragliche Sonnentempel befindet sich über der Gelben Mutterleib-Höhle. Diese Mutterleib-Höhlen waren in den Vorstellungen der Thraker Orte, an denen die Mutter-Göttin symbolisch den Sonnengott berührt. Dort wird der Gott Sabazius geboren, der auch mit seinem griechischen Namen Dionysos bekannt ist. Inter dem Tempel sind etwa 110 Begräbnisnischen in den Felsen gehauen.

Diese Nischen sind trapezförmig und nur in den östlichen Rhodoppen zu finden“, erläutert der Archäologe. „Sie sind Teil der megalytischen thrakischen Kultur. In der Umgebung von Bukowo gibt es auch 18 Steinanlagen zur Herstellung von thrakischem Wein. Deswegen wird vermutet, dass sich hier einer der antiken Winzerzentren in Bulgarien befand. Ein ähnliches Zentrum gibt es auch in der Umgebung der süd-bulgarischen Stadt Kardschali. Die archäologischen Artefakte, z.B. die Keramikgefäße stammen voraussichtlich vom Ende des 2. Jahrtausends v.u.Z. Der Steinkalender, die Nischen, die Steinanlagen zur Weinherstellung, sowie die Überreste von Siedlungen in der Umgebung haben verschiedenes Alter, allerdings um diese Zeit. Um die Zeit genau zu bestimmen, muss auch die Präzession, die Änderung des Winkels der Erdachse gegenüber der Ekliptik gemessen werden. Es ist möglich, dass sich der Schatten seit dem Bau des Kalenders verschoben hat und nicht genau auf die entsprechende Vertiefung passt. Falls diese Abweichung gemessen wird, kann man feststellen, wann die Sonne genau ins Zentrum passte – ob es vor 3.000 oder vor 3.800 Jahren war.“

Boschidar Tschaparow machte vor einem Jahr einen Film über diese einzigartige Entdeckung mit der Hoffnung, die örtlichen Behörden dazu zu bewegen, Mittel für den Erhalt des Heiligtums zur Verfügung zu stellen. Der Steinkalender wurde über Jahrzehnte ohne jeden Schutz vor Unwetter und Schätzgräbern gelassen. Die Touristen wurden nicht zu ihm geführt und es wurden keine neugierig machenden Geschichten, wie die über den Mayakalender erfunden. Es gibt nur schweigende Zeugnisse davon, dass die vorgeschichtlichen Siedlungen in unseren Landen zu den ersten in Europa gehören. 

Übersetzung: Vladimir Daskalov
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Die Vorstellung des Buches fand im Sofioter Klub Terminal 1 statt.

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