Vergessene Geschichte: Brunnenheiligtum beim Dorf Garlo

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Es gibt Geheimnisse, die wohl für immer solche bleiben werden, so sehr sich auch der Mensch bemühen sollte, sie zu lüften. Sie betreffen sogar seine Vergangenheit. Eines davon befindet sich im Westen Bulgariens, unweit des Dorfes Garlo, nahe der Stadt Pernik.

Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts unternahm ein Archäologenteam unter der Leitung von Prof. Dr. Dimitrina Mitowa-Dschonowa Untersuchungen an Megalithstrukturen Westbulgariens. Dabei machten die Forscher eine sensationelle Entdeckung – sie stießen auf ein fast unversehrtes Brunnenheiligtum, das seiner Bauweise nach in das 12. bis 10. Jahrhundert v. Chr. datiert werden kann. Damit wäre es das älteste Steinbauwerk auf dem Territorium des heutigen Bulgarien. Frappant sind die Parallelen zu ähnlichen Bauwerken mit gleicher Bestimmung auf Sardinien, wo die uralte und rätselhafte Nuraghenkultur Dutzende Beispiele hinterlassen hat. Auch auf der Schwarz-Meer-Halbinsel Krim wurde eine solche Anlage entdeckt, wie auch einige im heutigen Palästina.

Das Brunnenheiligtum bei Garlo und ein ähnliches Bauwerk auf SardinienDie Brunnenanlage wurde an einem der Hänge des umliegenden Greben-Gebirges angelegt. Eine Steintreppe führt hinunter zu einem runden Kuppelraum, in dessen Mitte sich ein etwa 5 Meter tiefer Brunnen befindet. Der Raum selbst schließt oben mit einer runden Lichtöffnung ab, die in etwa den gleichen Durchmesser wie der Brunnenschacht hat. Der rund 7 Meter lange Treppengang ist seinerseits trapezförmig überdacht. Wände und Gewölbe bestehen aus örtlichem Bruchstein, der vorzüglich zu einem Trockenmauerwerk gefügt worden ist. Bei den Gewölben handelt es sich um ein sogenanntes „falsches Gewölbe“, wie es auch die Bauwerke der Nuraghen auf Sardinien und der aus mykenischer Zeit im heutigen Griechenland aufweisen.

Das Brunnenheiligtum bei Garlo wurde bereits unmittelbar nach seiner Entdeckung restauriert und man bereitete die entsprechende Dokumentation vor, damit es in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wird. Doch es geriet in Vergessenheit und ist erst in den vergangenen Jahren wieder ins Gespräch gekommen. Näheres teilte uns Dr. Ljubomir Zonew mit, der an den einstigen Forschungsarbeiten beteiligt war:

Unser Brunnenheiligtum ist auch aus dem Grund sehr interessant, weil es nur wenige Gemeinsamkeiten mit den thrakischen Kuppelgräbern aufweist, die in einer späteren Epoche – dem 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind“, erzählt der Archäologe. „Sie sind moderner gebaut, wenn man so sagen darf. Sie wurden aus gut zugearbeiteten Steinquadern errichtet, die ihrerseits mit Eisenklammern zusammengehalten werden. Die Hohlräume zwischen den Klammern und dem Stein wurden mit Blei ausgegossen, um das Rosten der Klammern zu verhindern. Einige der thrakischen Grabanlagen weisen auch Wandmalereien auf. Die Anlage in Garlo ist hingegen archaischer – die Steinblöcke sind unbearbeitet geblieben und wurden ohne Mörtel, Eisenklammern oder andere Techniken zu einem losen Verband, dem sogenannten Trockenmauerwerk zusammengefügt.“

Dafür ist es aber so sorgfältig angefertigt worden, dass es die Jahrtausende überdauert hat. Die bautechnischen Überlegungen, die die Meister von einst angestellt haben, verraten erstaunliches Wissen und Erfahrungen. Das trapezförmige Gewölbe des Treppengangs verjüngt sich mit zunehmender Tiefe. Die Decksteine werden also kleiner, bis sie am Ende völlig fehlen – das Gewölbe endet mit einem einzigen Schlussstein, der nur durch den Seitendruck gehalten wird. So vermied man einen eventuellen Bruch der Decksteine, die mit zunehmender Tiefe einen zunehmend größeren Druck von Oben aufnehmen müssen.

Vom Grundriss her erinnert das Brunnenheiligtum an das Grabkammersystem thrakischer Anlagen. Auch die Form der Gewölbe zeigen deutliche Gemeinsamkeiten. Doch der Brunnen ist sichtlich bedeutend älter und auch eine Kontinuität in den Bautraditionen konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Wer hat ihn also gebaut?

Laut Prof. Dschonowa sind die Wurzeln dieser Architektur im Zweistromland zu suchen“, sagt weiter der Archäologe. „15 Jahrhunderte v. Chr. gab es dort einerseits ein gut entwickeltes religiöses System und andererseits eine recht vorangekommene Bronzeproduktion. Gegenstände, vor allem Werkzeuge und Waffen aus Bronze wurden damals teuer gehandelt und man war darauf bedacht, die Legierung zu verbessern. Die Menschen machten sich auf die Suche nach Buntmetalllagerstätten. Prof. Dschonowa hat in diesem Zusammenhang die Vermutung geäußert, dass eine größere Gruppe von Bewohnern des Zweistromlandes ausgewandert sei. Über die Gebiete des heutigen Libanon, wie auch Syriens und Israels sind die Sucher von Erzen bis zum Schwarzen Meer gekommen. Hier haben sie sich eine Weile aufgehalten, haben vielleicht sogar mehrere Anlegen von Brunnenheiligtümern wie in ihrer Heimat gebaut und da sie auf keine befriedigenden Erzlagerstätten gestoßen sind, sind sie weitergewandert... bis nach Sardinien. Dort gibt es etliche reiche Lagerstätten an Buntmetallerzen – die Menschen sind geblieben; ihre Bauwerke sind bis heute reichlich vorhanden.“

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Welche Funktion hat das Brunnenheiligtum bei Garlo gehabt? Man hat sicher nicht einzig Wasser geschöpft oder eine Quellengottheit verehrt! Könnte es nicht, wie etliche Megalithbauwerke auch, als Sternwarte genutzt worden sein?

Soweit will ich nicht gehen – ein kompliziertes Observatorium hat man zu jener Zeit nicht gebraucht“, ist Dr. Ljubomir Zonew überzeugt. „Die damalige Gesellschaft hat keinen exakten Kalender benötigt. Die Menschen orientierten sich am Sonnenstand. Sie haben meiner Meinung nach lediglich den kürzesten Tag im Jahr ermittelt. Eine reine Brunnenanlage ist es jedenfalls nicht, denn die Gegend ist recht wasserreich – Prof. Dschonowa hat allein an dem Hang, an dem die Anlage errichtet worden ist, neun Quellen ausmachen können. An der tiefsten Stelle sprudelt das Wasser natürlich hervor – dort hätte man eine Brunnenanlage ohne viel Arbeit bauen können. Man grub aber tiefer in die Erde und genauer gesagt in den Felsen. Man hat diese Stelle speziell ausgesucht, denn der Hang wird im Winter nur etwa zur Hälfe von der Sonne beschienen. Die Treppe hat eine Nord-Süd-Ausrichtung – der Eingang öffnet sich nach Süden. Die Menschen haben also eine Stelle gesucht, wo es Wasser gibt und gleichzeitig der Tag der Wintersonnenwende ermittelt werden kann. Dazu muss der Blick nach Süden frei sein und der Korridor ein Azimut von 180° aufweisen. Er hat jedoch eine kleine Abweichung nach Osten und misst 170°. Und das hat auch seinen Grund! Beschaut man sich den Ort und das umliegende Gelände wird man feststellen, dass die Sonne hinter dem Hügel verschwinden würde, wenn der Korridor exakt nach Süden ausgerichtet wäre. Sie sollte aber den Brunnen bescheinen, also wurde die Richtung leicht verschoben, damit die Sonnenstrahlen fast zur Mittagszeit durch den Treppengang bis zum Brunnenschacht vordringen. Offensichtlich war für die Menschen damals die Kombination von Sonnenlicht und Wasser am Tag der Wintersonnenwende wichtig. Aus religiöser Sicht stellte die Wintersonnenwende das Ende des alten und den Beginn eines neuen Lebenszyklus dar. Wir haben Wasser, Sonne, Luft und Erde, die die vier Elemente darstellen. Sicher sind an diesem Tag Priester hinuntergestiegen und haben auf den Augenblick gewartet, an dem die Sonnenstrahlen durch den Treppengang bis zum Brunnen vordrangen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie Gebete gesprochen und verschiedene Rituale in Verbindung mit dem Licht und dem Wasser vollführt haben.“

Übersetzung: Wladimir Wladimirow

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Die Vorstellung des Buches fand im Sofioter Klub Terminal 1 statt.

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