In Erinnerung an die Volksliedsängerin Nadka Karadschowa

Foto: Archiv

Die Nachtigall ist zu einem Symbol des Gesangsruhmes der Volksliedsängerin Nadka Karadschowa geworden. Zu Lebzeiten war sie als die „Nachtigall Thrakiens“ bekannt. Viele ihrer Interpretationen gelten bis heute als Gipfelleistungen und Musterbeispiele. Mit ihrer glänzenden Sopran-Stimme und ihren einnehmenden Liedern  hat sie Zeit ihres Lebens die Zuhörer zu begeistern gewusst. Sie ist das beste Beispiel für das sprichwörtliche Gesangstalent der Bulgaren. In diesem Monat wäre Nadka Karadschowa 80 Jahre alt geworden. Im Folgenden wollen wir an diese bedeutende Volksliedsängerin erinnern.

Nadka Karadschowa wurde am 14. März im Dorf Tri Woditzi nahe Pasardschik in Südbulgarien geboren. Sie entstammt einer Familie, in der seit Generationen aktiv gesungen wird. Doch nur Nadka sollte internationalen Ruhm ernten. Die Lieder, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden und werden, hat Nadka Karadschowa auch außerhalb der Landesgrenzen Bulgariens bekannt gemacht.

Mehr als 200 Lieder lernte Nadka Karadschowa von ihrer Tante. Sie entstammen den verschiedensten Genres und dieses bedeutende Repertoire war mit ein Grund für die Aufnahme der Sängerin in das Philipp-Kutew-Ensemble – die Sängerin war gerade 16 Jahre alt geworden, sang jedoch ganze 40 Jahre in dem Ensemble. Sein Gründer, Philipp Kutew, hatte die Sängerinnen und Sänger jedes Mal aufgefordert, alte Lieder zu sammeln, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben. „Bereichert euer Repertoire – es ist euer Kapital“, hatte ihnen Kutew ans Herz gelegt. Und tatsächlich gehören viele der Lieder des Ensembles zu den wertvollsten Meisterwerken der bulgarischen Musikfolklore. Nadka Karadschowa sang ferner in den Chören „Kosmische Stimmen“ und „Die großen Stimmen Bulgariens“.

Das Volkslied „Es blökt mein Lämmchen“ in der Interpretation von Nadka Karadschowa brachte der Sängerin mit den größten internationalen Erfolg ein. Dieses Lied wurde 1978 in einem Rundfunkwettbewerb von BBC-2 ausgezeichnet; daraufhin wurde in England auch eine Platte produziert. 1994 wurde Nadka Karadschowa in die Weltenzyklopädie für Musik aufgenommen, die in London verlegt wird.

Neben ihrem umfangreichen Repertoire mit Chorliedern, spielte sie mehr als 300 Sololieder ein. Der Bulgarische Nationale Rundfunk besitzt in seinem Tonarchiv die meisten davon. Nadka Karadschowa hat insgesamt 27 selbständige Alben herausgegeben.

1991 gründete Nadka Karadschowa das Nachtigall-Quartett. Als langjährige Solistin des Folkloreensembles „Philipp Kutew“ zog sie weitere drei Sängerinnen für das Quartett heran: ihre Tochter Swetla Karadschowa, wie auch Liljana Galewska und die unvergessene Stojanka Lalowa. Ihre Stelle nahm Marianna Popowa ein – eine nicht minder bekannte Volksliedsängerin.

In all den Jahren seines Bestehens hat das Nachtigall-Quartett viele Konzerte im In- und Ausland gegeben und ist nicht einzig dem heimischen Publikum vertraut, sondern auch den Liebhabern der bulgarischen Gesangsfolklore in den USA, Frankreich, Belgien, bis hin nach Japan. Die große Auslandspopularität ist vielleicht auch dem französischen Impressario zu verdanken. Zudem verwenden zunehmend mehr Menschen die Aufnahmen mit dem Quartett zu Therapiezwecken. Heilung mittels Musik.

Wir unterhielten uns mit der Tochter Swetla Karadschowa, die das Andenken an ihre Mutter wach hält und ihr Werk erfolgreich fortführt. Zum 80jährigen Jubiläum meinte sie:

Für mich ist dieses Jubiläum ein Fest des bulgarischen Geistes, ein Fest der bulgarischen Folklore“, sagt Swetla Karadschowa. „Man muss Nadka Karadschowa und die Volksliedinterpreten ihrer Generation, die Bulgariens Gesangsruhm in die Welt getragen haben, stets im Bewusstsein haben. Das war eine verantwortungsvolle Mission, zumal diese Sängerinnen und Sänger nicht nur Talent hatten, ihnen war die Chance zu dieser Mission gegeben. Für meine Mutter war die bulgarische Folklore ein Heiligtum, das man mit großer Achtung und Ehrfurcht vor der Weißheit unseres Volkes betreten müsse. Man solle behutsam an die Folklore herangehen, war meine Mutter überzeugt. Sie meinte auch halb im Scherz: „Man muss gut sein, denn die bösen Menschen werden hässlich!“ Die Güte eines Menschen steht ihm im Gesicht geschrieben. Stets lächelte sie und meinte, dass die Güte die stärkste Waffe sei. Mit diesem Gedankengut schuf sie eine Art Mini-Gesellschaft – das Nachtigall-Quartett. Philipp Kutew hatte einmal gesagt, dass nicht aus jedem Sänger ein Kammerinterpret werden kann – Voraussetzung seien ein gutes Gehör, viel Disziplin und Auffassungsvermögen. Und all das besaß meine Mutter. Mit großer Freude und Verantwortung führe ich nun die Mission meiner Mutter fort. Ich sammle ihre alten Lieder, die für das Philipp-Kutew-Ensemble bearbeitet wurden. Etliche Konzerte in diesem Jahr sind dem Jubiläum gewidmet. Das Projekt „Straßenmusik“ liegt uns besonders am Herzen; es handelt sich um eine Reihe mit Sommerkonzerten unter freiem Himmel, die dem 80. Jahrestag von Nadka Karadschowa gewidmet sind.

Für ihre großen Verdienste erhielt Nadka Karadschowa vor der Wende in den Bulgarien den Titel „Volkskünstler“ zuerkannt, es folgten weitere hohe Auszeichnungen, wie die Orden „Kyrill und Method“, „Volksrepublik Bulgarien“ und in neuerer Zeit „Stara Planina“. Doch nicht die Auszeichnungen sind es, mit denen wir Nadka Karadschowa im Gedächtnis behalten werden, sondern mit ihren einnehmenden Volksliedinterpretationen, mit ihrer klaren Stimme, mit ihrem hingebungsvollen Schaffen.

Übersetzung: Wladimir Wladimirow

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