Kaliakra – Strom auf Kosten der Natur und der Steuerzahler

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Das 2 km ins Wasser ragende Kap Kaliakra befindet sich an der nördlichen bulgarischen Schwarzmeerküste, ca. 70 km von Warna entfernt. Als malerisches Naturschutzgebiet und archäologisches Reservat fungiert es auf der Liste der 100 nationalen touristischen Objekte Bulgariens. Außerdem spielt es europaweit eine wichtige Rolle für den Erhalt seltener und bedrohter Pflanzen, Tiere, Vögel und Habitate. Das schöne Kap (der Name kommt vom griechischen καλός – schön und άκρα – Kap, Festung) und außerdem der einzige ornithologisch bedeutsame Ort in Bulgarien, wo Teile der Dobrudscha-Steppe erhalten sind und sich die größten Felsmassive entlang der bulgarischen Schwarzmeerküste befinden. Informationen des Bulgarischen Vogelschutzverbands zufolge nisten hier ca. 350 Vogelarten. 100 davon erfordern laut dem Gesetz für Biodiversität spezielle Schutzmaßnahmen für den Erhalt ihrer Habitate. Auf dem Territorium von Kap Kaliakra gedeihen zudem 40 seltene, bedrohte und endemische Pflanzenarten. Acht davon gelten auch in Europa als selten und gefährdet, 20 davon stehen auf der Roten Liste Bulgariens, 10 sind sogar vom Aussterben bedroht. Hier verläuft auch der zweigrößte Migrationsweg der Vögel in Europa, die Via Pontica. Jeden Herbst legen große Schwärme von Singvögeln, Wachteln, darunter des weltweit bedrohten Wachtelkönigs (Crex crex) einen Zwischenstopp auf ihrem Zug gen Süden ein, um etwas zu fressen und wieder zu Kräften zu kommen.

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Ungeachtet der einmaligen Natur und des reichen kulturhistorischen Erbes wurde der Ort in einen riesigen Windpark verwandelt, der nicht nur die Vögel, sondern auch die Touristen verscheucht. Eine repräsentative Studie in Europa belegt, dass auf dem Alten Kontinent jedes Windrad den Tod von 4 bis 43 Vögeln verursacht. Wenn es sich dabei auch noch um bedrohte Arten handelt, dann ist das wirklich enorm viel, meinen die Ornithologen.

Foto: bspb.orgBereits als man 2003 begonnen hat, vom Bau eines Windparks auf Kap Kaliakra zu sprechen, haben wir vor den Risiken gewarnt. Denn die Vögel fliegen dort tiefer und halten sich länger dort auf“, erklärt Irina Mateewa vom Bulgarischen Vogelschutzverband. „Sie irren oft umher und fliegen zuweilen sogar wieder gen Norden zurück, bis sie die richtige Route gefunden haben. 2010 ist bei dort unter schlechten Wetterbedingungen ein Gänsegeier (Gyps fulvus) von der Krim-Population in den Propellern eines Windrads verendet.

Studien, die auch in anderen europäischen Ländern vorgenommen wurden zeigen, dass in Gebieten mit Windkraftanlagen die Einnahmen aus Tourismus drastisch sinken – um ca. 40 Prozent. Die Schallwellen der Windturbinen wirken sich zudem auch negativ auf die Gesundheit und Psyche der Menschen dort aus. Aus eben diesem Grund haben die Bewohner des nahen Dorfes Balgarewo zusammen mit NGOs gegen den Windpark protestiert. Der Widerstand der örtlichen Bevölkerung und die negative Haltung des Bulgarischen Vogelschutzverbands und zahlreicher Bürgervereinigungen und Experten haben die Investoren jedoch nicht daran gehindert, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Deshalb haben der Bulgarische Vogelschutzverbands und zwölf weitere Organisationen und Bürgervereinigungen von der Koalition „Damit die Natur in Bulgarien erhalten bleibt“ 2008 eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht – im Zusammenhang mit der erteilten Genehmigung für großangelegte Windenergieprojekte und für extrem viele Investitionsprojekte (468 an der Zahl), vor allem für den Bau von Wohn- und Ferienanlagen und Golfplätzen. Denn diese Genehmigung verstößt gegen drei europäische Richtlinien – gegen die Europäische Vogelschutz-Richtlinie, die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und die Richtlinie über die Umweltverträglichkeitsprüfung.

Im Januar 2016 hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Bulgarien die Europäische Gesetzgebung in Sachen Naturschutz verletzt hat – sowohl beim Bau von Windkraftanlagen, als auch was den Mangel an Maßnahmen zum Erhalt der Arten und Habitate bei der Errichtung des Golfplatzes „Thrakische Felsen“ betrifft“, erzählt weiter Irina Mateewa. „Sollte unser Land nicht die nötigen Maßnahmen ergreifen, um der europäischen Gesetzgebung zu entsprechen, muss es mit finanziellen Sanktionen rechnen. Hinzu kommt, dass unser Staat offiziell die Herstellung von grünem Strom subventioniert. Momentan leiden die Vögel und die Menschen, die in der Region leben, unter der Untätigkeit der bulgarischen Regierung. Sollte es aber zu einem neuen Gerichtsurteil kommen, werden alle Steuerzahler in Bulgarien zur Kasse gebeten.

Wenn es um Investitionspläne für wirtschaftliche Entwicklung und die Erhaltung der Umwelt geht, fallen die Entscheidungen in der Regel zu ungunsten der Natur aus. Und so wird das stark ersehnte Wirtschaftswachstum eines Tages die Natur vernichten und sich gegen die Interessen der Menschen kehren. Am Ende werden wir nicht nur für Energie zahlen, für die die Vögel leiden, sondern auch dafür, dass die Anlagen für deren Produktion am unpassenden Ort errichtet wurden.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

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