Knapp ein Viertel der Bevölkerung in Bulgarien ist ohne ärztliche Hilfe

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Das Parlament hat den Staatshaushalt 2018 in erster Lesung verabschiedet. Der nächste Schritt für die Abgeordneten war es, einen neuen Gesundheitsminister zu ernennen. Die Wahl der Regierungspartei ist diesmal nicht auf einen Mediziner gefallen, sondern auf den Finanzexperten Kiril Ananiew. Es ist ein alter Streit, ob ein Arzt oder ein Financier dem Gesundheitsministerium vorstehen sollte. Die Tatsache, dass man sich für den Finanzexperten entschieden hat, zeugt davon, dass sich die Mediziner das Vertrauen der Regierung verscherzt zu haben scheinen.

Das Gesundheitswesen in Bulgarien ist im Zerfall begriffen“. So lautete das Fazit von Dr. Sdrawka Tonewa von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Es basiert auf einer landesweiten Studie, die Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen im Laufe von drei Jahren gemacht haben. Das Thema des Projekts, mit dem sich Ärzte, Soziologen, Analysten etc. befasst haben, lautet „Gesundheit, Lebensqualität, Ungleichheit“. Die zusammengetragenen Daten hätten das Team buchstäblich erschüttert, gesteht Dr. Tonewa.

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass knapp ein Viertel der Bevölkerung praktisch keinen Zugang zu einem Arzt oder selbst zu einem Arztgehilfen hat. Die Dorfbewohner gehen nicht nur massenweise nicht zum Arzt, sondern können sich auch keine Medikamente kaufen. Das Problem ist, dass es in vielen Ortschaften keine Apotheken gibt und die meisten Rentner es sich nicht leisten können, in die Stadt zu fahren, um sich dort die notwendigen Medikamente zu besorgen. Die Analyse des Gesundheitswesens in Bulgarien zeigt, dass der wichtigste Grund für seinen Zerfall die Umwandlung wichtiger medizinischer Anstalten in Handelsgesellschaften ist, die Verluste erwirtschaften. Paradox ist auch, dass momentan viele Krankenhäuser Schulden anhäufen und die Ärzte darin monatelang arbeiten, ohne bezahlt zu werden.

Die Erhebung der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften über die Lebensqualität der Bulgaren, gebrochen durch das Prisma Gesundheitswesen, startete 2014. Befragt wurden 2.340 Bulgaren aus unterschiedlichen Landesteilen. Die gesammelten Fakten bestätigen den Trend, dass der Staat die medizinischen Kosten zunehmend auf die Steuerzahler abwälzt.

Derzeit werden Diskussionen über die gescheiterte Gesundheitsreform geführt. Sie hat bewirkt, dass Ärzte und Krankenhäuser in Handelsgesellschaften verwandelt wurden und ihre Tätigkeit auf den Profit ausgerichtet haben. Am schlimmsten ist die Lage der Menschen in Kleinstädten und Dörfern. Es geht nicht an, dass 24 Prozent der Bevölkerung ohne jegliche medizinische Hilfe auskommen muss. Die medizinischen Ausgaben, die die Bulgaren aus der eigenen Tasche zahlen, sind erheblich. Am größten fallen die Kosten für eine Behandlung im Krankenhaus und für medizinisches Verbrauchsmaterial aus. Aber auch für Rehabilitationen, Untersuchungen etc. müssen die Patienten tief in die Tasche greifen. Im Endeffekt kommt es so zu noch größeren sozialen Unterschieden unter den Bulgaren. Bei stark benachteiligten Menschen machen die Behandlungskosten 50 bis 90 Prozent ihres Gehalts oder ihrer Rente aus. Das sind katastrophal hohe Ziffern. Der Bericht erfasst aber auch Menschen, bei denen die Behandlungskosten sogar größer sind als ihre Einkommen, so dass sie gezwungen sind, Kredite aufzunehmen, um für ihren Aufenthalt im Krankenhaus, für das medizinische Verbrauchsmaterial und die Arzneimittel aufzukommen. Das Schlimme dabei ist, dass viele Politiker keinerlei Interesse für diese Daten und Analysen der Wissenschaftler und Soziologen bekunden“, erklärt Dr. Tonewa.

Boschidar Jowkow, der die Studie leitet, meinte seinerseits: „Dr. Tonewa und ich haben diese Probleme seit langem im Auge, wir untersuchen und analysieren sie. Mit Hilfe des gegenwärtigen Projekts konnten wir konkrete empirische Informationen über das Gesundheitssystem und die Lebensqualität in Bulgarien sammeln. Dieser Prozess, bei dem die medizinische Behandlung nach Marktprinzipien erfolgt, ist verhängnisvoll für die Menschen. Hier mischen sich viele wirtschaftliche Interessen ein, die Gesundheit ist zur Ware geworden, Profite stehen über alles. Deshalb erscheint die Lage derzeit ausweglos. Bei den Untersuchungen vor Ort haben wir enorme Disproportionen zwischen den medizinischen Kosten für die Gesundheit der Patienten in öffentlichen und privaten Krankenhäusern festgestellt. Die Ausgaben für Gebühren und medizinisches Verbrauchsmaterial sind extrem groß. Zu beobachten sind auch starke und tiefe Ungleichheiten zwischen der Dorf- und Stadtbevölkerung sowie zwischen den einzelnen Altersgruppen. Besonders anfällig sind die Senioren, die einzig und allein auf ihre Rente angewiesen sind. Oft sind sie diejenigen, die Kredite aufnehmen, um ihre gesundheitlichen Probleme zu lösen. Im Großen und Ganzen stehen die Dinge schlecht und im Laufe der Jahre haben sich die Probleme noch mehr zugespitzt“, resümiert Dr. Boschidar Jowkow.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

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