Wasser in Bulgarien wird teurer, 57 Prozent gehen auf dem Weg zum Kunden verloren

Wie die meisten Länder in Südosteuropa verfügt auch Bulgarien nicht über unbegrenzte Wasserressourcen. Große Flüsse wie die Themse, die Seine, der Rhein oder die Wolga gibt es hier keine und auch die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge ist nicht besonders groß. Hinzu kommt, dass 75 Prozent der Niederschläge in Bulgarien verdunsten. Und obwohl sich Bulgarien in puncto Trinkwasser mit 106,7 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr unter die europäischen Länder mit relativ großen Wasservorkommen reiht, kann ein Wassermangel nicht ausgeschlossen werden. Das gilt vor allem für Regionen mit niedrigen Niederschlagsmengen, mit einer größeren Bevölkerungsdichte und wasserintensiven Produktionen.

Vor diesem Hintergrund würde man meinen, dass man in Bulgarien besonders auf den sparsamen und verantwortungsvollen Umgang mit dieser wertvollen und begrenzten Ressource bedacht wäre. Doch die Fakten sehen anders aus, wie auch das Nationale Statistikamt belegt. Die Experten haben ausgerechnet, dass von der Wasserquelle bis zum Endverbraucher 57 Prozent des Wassers aus den maroden Rohren fließt und verloren geht. Das heißt, mehr als die Hälfte des Wassers für die Haushalte und die Industrie verschwindet, indem es entweder im Boden versickert oder aber verdunstet. Zwar sind Verluste und Lecks überall auf der Welt unvermeidbar, doch in Bulgarien sind deren Ausmaße inakzeptabel hoch – fast doppelt so groß wie in anderen EU-Ländern – und zeugen vom schlechten Zustand der gesamten Wasserbranche.

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Ohne Wasser können aber weder die Haushalte noch die Industrie auskommen. Wasser gehört neben Luft, Licht und Land zu den kostbarsten Gütern. Aus diesem Grund sind die Menschen besonders empfindlich, wenn von steigenden Wasserpreisen die Rede ist. Besagte Preise unterscheiden sich in den einzelnen Regionen, je nachdem woher das Wasser kommt und welchen Weg es zu den Kunden zurücklegen muss. Das Trinkwasser stammt aus unterschiedlichen Quellen – Stauseen, Brunnen, frei fließenden Flüssen und Quellen an der Erdoberfläche. Offiziellen Informationen zufolge belief sich der Trink- und Brauchwasserkonsum 2016 in Bulgarien auf insgesamt 4.721 Millionen Kubikmeter, wie etwa im Jahr 2015. Ein Bulgare verbraucht ca. 100 Liter Wasser am Tag. Das feuchte Nass erreicht die Verbraucher über Stahl- und Eternitrohre, die zu 86 Prozent aus kommunistischen Zeiten stammen. 65,4 Prozent des Wassers ist für die Haushalte bestimmt, auf den Dienstleistungssektor entfallen 11,1 Prozent der Wasserlieferungen und auf die Industrie 13,8 Prozent.

СнимкаDie Behörden sind sich der enormen Wasserverluste bewusst und versuchen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Allerdings haben sie keine allzu großen Möglichkeiten dazu. In vielen Landesteilen ist die Wasserzustellung rationiert, die Kunden haben nur zu bestimmter Zeit oder sogar nur an bestimmten Tagen Wasser. Dank der EU-Subventionen hat sich einiges im Wassersektor zum Positiven gewendet. In vielen Ortschaften konnten die Wasser- und Abwasserrohre ausgewechselt werden und so die Verluste aus Lecks drastisch gesenkt werden.

Diese Maßnahmen setzen aber Geld voraus. Außer aus EU-Mitteln müssen die Kosten auch von den Bulgaren selbst beglichen werden. Aus eben diesem Grund wurden die Wasserpreise ab dem 1. Januar 2018 in 14 von insgesamt 28 Regionen von 2,5 bis 20 Prozent angehoben. In diesen Regionen befinden sich 15 mittelgroße Städte mit entwickelter Industrieproduktion, Handel, Landwirtschaft, Tourismus und Dienstleistungen. Diese Maßnahme stößt den meisten Verbrauchern natürlich übel auf, vor allem der Geschäftswelt, weil das noch ein Schock für sie ist nach der Anhebung der Industriestrompreise um 30 bis 65 Prozent. Praktisch ist es zu einem doppelten Wasser- und Stromschlag gekommen, ohne den leicht angestiegenen Gaspreis großartig zu erwähnen. Letzten Endes müssen die Endverbraucher die Rechnung bezahlen, was sich auf die Inflation und die Kaufkraft der Bulgaren auswirken wird. Kalkulationen von Experten zufolge werden die höheren Preise eine Inflation von 5 Prozent nach sich ziehen. Kaum hatten unsere Landsleute dank des Konjunkturaufschwungs wieder etwas Geld in der Tasche, muss ihre Kauffreude eine eiskalte Dusche erleben.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: Archiv

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