Demografische Krise prophezeit Wirtschaftskollaps

Bulgarien belegt den Angaben von Eurostat zufolge einen der ersten Plätze was den Bevölkerungsrückgang betrifft. Die Bevölkerung altert in einem rasanten Tempo, warnen die Experten des statistischen Amts der EU.

Im vergangenen Jahr wurden in Bulgarien, das 7,1 Millionen Einwohner zählt, 57.175 Babys geboren, um 8.000 weniger im Vergleich zu 2016. Zur gleichen Zeit sind 108.000 Personen verstorben, meldete das Nationale Amt für Statistik. Werden die Auswanderer dazugerechnet, die im Ausland arbeiten und studieren, kann behauptet werden, dass eine mittelgroße Stadt mit einer Bevölkerung zwischen 65.000 und 70.000 von der Landkarte ausgelöscht wurde.

Die Tendenz des Rückgangs der Bevölkerung und ihr Altern ist nicht neu. Sie begann in den Jahren nach der Wende 1989, in einer Zeit zahlreicher politischer, wirtschaftlicher und sozialer Krisen. Der sinkende Lebensstandard ist der Grund, weshalb immer mehr Bulgaren beschließen, die Zahl ihrer Kinder zu begrenzen oder ganz auf die Elternschaft zu verzichten.

Inzwischen gehören die Krisen der Vergangenheit an, es ist sogar ein Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen und trotzdem ändern sich die demografischen Prozesse nicht. Der Wirtschaftswachstum oder die wirtschaftliche Rezession sind folglich nicht die einzigen Faktoren, die die Geburtenrate beeinflussen. Was ist also für die Familienplanung der Bulgaren entscheidend?

Die Einkommen stehen an erster Stelle, denn das Großziehen eines Kindes ist mit einem finanziellen Aufwand verbunden. Wichtig sind auch ausreichend Plätze in Kinderkrippen und Kindergärten, das Vorhandensein von Milchküchen und eine gesicherte medizinische Versorgung. Der Staat gibt sich große Mühe, neue Kindergärten zu eröffnen, doch die Plätze reichen trotzdem nicht aus und so sind die Eltern in vielen Fällen auf die Hilfe der Großeltern angewiesen oder müssen auf die teuren Dienste privater Kindergärten oder Babysitter zurückgreifen. Viel Freiraum haben die bulgarischen Eltern mit dem Kindergeld nicht. Für ein Kind gibt es 20 Euro im Monat und für zwei Kinder 42 Euro.

Die demografische Krise in Bulgarien, für die es derzeit keine akzeptable Lösung gibt, ist wie eine Kassettenbombe, die, wenn sie explodiert, alles in ihrer Umgebung treffen wird, vor allem die Wirtschaft. Der Arbeitskräftemangel wird sich noch stärker ausprägen. Dem Bildungsministerium zufolge verlassen jedes Jahr 14.000 Jugendliche vorzeitig die Schule. Das sind vor allem Kinder aus Roma-Familien, bei denen die Bildung keinen hohen Stellenwert genießt und Bulgarisch nicht die Muttersprache ist. Gerade aus dieser ethnischen Gruppe kommen aber prozentmäßig die meisten Geburten, oft von Müttern im Alter von 12 Jahren, ohne Bildung und anderen Kompetenzen und Fähigkeiten.

Die Wirtschaft wird nicht nur wegen des Arbeitskräftemangels leiden, sondern auch wegen des Mangels an zahlungskräftigen Kunden. Der Anteil dieser Gruppe, die vor allem aus Senioren besteht und auch jetzt mehr als 25% der Bevölkerung ausmacht, wird weiter zunehmen.

4.304 Tausend Personen soll es am Stichtag 31. Dezember 2016 laut dem Nationalen Amt für Statistik gegeben haben. Wenn die Arbeitslosenrate von 6-7% berücksichtigt wird, entspricht der Anteil der Berufstätigen dem Anteil der Personen, die auf eine Rente, Stipendium oder Sozialhilfe angewiesen sind.

Beim Rückgang der Geburtenrate und Alterung der Bevölkerung ergreifen die entwickelten europäischen Staaten in der Regel Maßnahmen, um junge Familien zu unterstützen und die Geburtenrate zu steigern. Solche Maßnahmen werden auch in Bulgarien angewendet, doch recht zögerlich, um die ohnehin zugespitzten Beziehungen zwischen der bulgarischen Bevölkerung und der gebärfreudigen Minderheit der Roma, die fast eine Million zählt, nicht weiter zu belasten. Die großzügigen europäischen Integrationsprogramme haben auch keine nennenswerten Ergebnisse gebracht. Die Probleme vertiefen sich und werden immer schwerer zu lösen sein. Eine Lösung ist aber unabdingbar. Strategien und Programme für die Veränderung der Situation gibt es nur auf dem Papier, tief in den Schubladen der bulgarischen Beamten versteckt.

Übersetzung: Georgetta Janewa

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