Das Rundfunkmuseum erzählt...

Sachari Milenkow erzählt...

„Hallo, Hallo! Radio Sofia!“ Das sind die ersten Worte, die Ende 1929 im bulgarischen Äther erklangen. Sie wurden im Hof der Militär-Ingenieurwerkstatt in Sofia von Georgi Walkow in ein simples Kohlemikrophon gesprochen. Walkow hatte eine solide Ausbildung in Deutschland erhalten. Der von ihm gebaute Sender bestand aus ausgesonderten alten Teilen aus Militärbeständen. Heute kann man im Museum für Rundfunkgeschichte, das im Gebäude der Journalistikfakultät der Sofioter Universität untergebracht ist, ein Foto sehen, auf dem Georgi Walkow vor einem solchen Mikrophon steht. Zu sehen sind auch Mikrophone von anno dazumal im Original.

Das erste Mikrophon und der erste Funksender

Das Museum selbst wurde vor rund zwei Jahrzehnten gegründet. Den Grundstein der Sammlung legte der langjährige Direktor des sogenannten „Goldenen Archivs“ des Bulgarischen Nationalen Rundfunks Sachari Milenkow. Seitdem konnte dank verschiedener Schenkungen die Sammlung an Hörfunkempfängern, Antennen, Tonbandgeräten, Tonbändern, Mischpulten, Mikrophonen u.a. bereichert werden. Interessante Exponate sind beispielsweise das erste Marmorblock-Mikrophon des „Heimatfunks“ von 1930, seltene Ton- und andere Dokumente und Fotos, die die Geschichte des Radios in Bulgarien verdeutlichen. Jedes Exponat besitzt seine eigene Geschichte, die die Kuratoren des Museums Sachari Milenkow und Antoinetta Radoslawowa (langjährige Musikredakteurin von Radio Bulgarien und Autorin des Buches „Aus der Geschichte von Radio Sofia“) mit Freude den interessierten Besuchern erzählen.

Sachari Milenkow damals im Studio des „Goldenen Archivs“  und heute mit Antoinetta Radoslawowa

Über die ersten Schritte des Rundfunks in Bulgarien sagte uns Sachari Milenkow folgendes:

Das erste Gebäude des „Heimatfunks“Jene, die in Bulgarien ein nationales Radio befürworteten, waren Enthusiasten und Intellektuelle. An ihre Spitze stellte sich Prof. Assen Slatarow, der lakonisch meinte: „Wir brauchen sobald wie möglich einen „Heimatfunk“, damit wir nicht dauernd Fremdes hören müssen!“ Bereits im ersten Rundfunkgesetz Bulgariens aus dem Jahre 1927 hieß es, dass das Radio ein Monopol des Staates ist. Sobald jedoch der Staat keine Möglichkeiten besitzt, ein solches zu betreiben, kann er den Hörfunkbetrieb bulgarischen Bürgern in Konzession übereignen. Eine Gruppe Intellektueller mit Assen Slatarow an der Spitze ließ sich diese Chance nicht entgehen.“

Enthusiasten machten nach Arbeitsschluss erste Versuche im eingangs erwähnten Hof. Da ihre Arbeit sehr gut vorankam, beschloss der Staat, sie zu unterstützen und stellte ihnen passende Räumlichkeiten zur Verfügung. Es wurde der Verband „Heimatfunk“ gegründet und man begann mit einem 50 W starken Sender ein zweistündiges Programm aller zwei Tage zu gestalten. Dieses Programm wurde in Sofia, wie auch in einigen umliegenden Dörfern empfangen. Georgi Walkow arbeitete intensiv an der Schaffung eines stärkeren Sendern, mit der Idee, alle Menschen in ganz Bulgarien erreichen zu können. Doch er schaffte es nicht.

Schließlich wurde Georgi Walkow dieser Aufgabe enthoben und Georgi M. Georgiew und einigen weiteren Ingenieuren damit beauftragt. Unter ihnen was auch ein türkischer Prinz – Mehmet Refik Fenmen“, erzählt Sachari Milenkow.

Georgi M. Georgiew. Prinz Mehmet Refik Fenmen (l.) und Marin Marinow, Vorsitzender des Verbands „Heimatfunk“.

Refik war ein Sohn der Schwester des osmanischen Sultans. 1908 fand jedoch der Jungtürkenaufstand statt, so dass Refik nach Wien reiste, wo er Elektrotechnik studierte. Man lud ihn nach Bulgarien ein, sich mit Problemen der Tonaufnahme zu befassen, doch die Arbeit der Funkfreunde zog sein Interesse an und er schloss sich der Gruppe zum Bau eines stärkeren Senders an. Es dauerte keine zwei Wochen und die Sendeapparatur war fertig.

Das Besondere am bulgarischen Rundfunk ist, dass es als öffentliches und nicht als staatliches Radio seine Arbeit aufnahm“, betont Sachari Milenkow. „In einem Brief an einen Freund hielt Assen Slatarow fest, dass er einen Teil seines Hauses mit einer Hypothek belastet habe, um Geld für Radioröhren auftreiben zu können. Die Funkliebhaber bauten einen Sender mit einer Leistung zwischen 250 und 300 W. Sie zogen es jedoch vor, mit 120 bis 150 W zu arbeiten, um die Lebensdauer der Röhren zu verlängern.“

Petar Petrow und Petar Miluschew mit dem Magnetophon Philips EL 3530.

Im Verlauf von vier Jahren dehnte sich die Arbeit des „Heimatfunks“ derart aus, dass es bereits ein ganzes Stockwerk für sich beanspruchte.

Sirak SkitnikAm 19. Mai 1934 wurde in Bulgarien ein Staatsstreich verübt. Er spielte jedoch für den bulgarischen Rundfunk eine positive Rolle“, meint Sachari Milenkow. „Das Parlament wurde aufgelöst und die Parteien und Zeitungen verboten. Das einzige Medium, dass die neue Macht nutzen konnte, war der Rundfunk. Sie war sich bewusst, dass der Rundfunk staatlich werden müsse. Im Januar 1935 wurde im Staatsanzeiger ein Erlass von Zar Boris III. veröffentlicht, Kraft dessen die Sendeanlagen verstaatlicht wurden. Damit wurde der Grundstein für „Radio Sofia“ gelegt.

Zum ersten Rundfunkintendanten wurde der Intellektuelle Panajot Todorow Christow mit Pseudonym Sirak Skitnik ernannt. „Er wusste nicht, was ein Radio ist, wusste jedoch, wie es auszusehen hat und tat es“, sagte über Sirak Skitnik der bedeutende bulgarische Intellektuelle Petar Uwaliew, der ebenfalls Bedeutendes für den Rundfunk geleistet hat. 1936 gründete Sirak Skitnik die Fremdsprachensendungen des bulgarischen Rundfunks. So konnten die Nachrichten über Bulgarien andere Länder in deren Sprachen erreichen...

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: Privatarchiv

mehr aus dieser Rubrik…

Der Klang des Holzes in einer sehenswerten Ausstellung im Ethnografischen Museum in Plowdiw

Die kulturellen Errungenschaften der europäischen Zivilisation wurden nach der Befreiung Bulgariens von der türkischen Fremdherrschaft 1878 endlich auch den Bulgaren zugänglich. Die Ausstellung „Der Klang des Holzes“ im Ethnografischen Museum..

veröffentlicht am 15.01.19 um 14:49
Снимка: БГНЕС

Eröffnungsperformance „Wir sind alle Farben“ weckte widersprüchliche Gefühle

Eine berauschende Show aus Klang und Licht lockte die Einwohner und Gäste der südbulgarischen Stadt Plowdiw ins Zentrum, wo auf dem Boulevard „Zar Boris III. der Vereiniger“ als Bühne des Spektakels ein 30 Meter hoher Turm aufgebaut worden war...

veröffentlicht am 14.01.19 um 15:36

Antoaneta-Maria Stojanowa aus Branipole und ihre Theater-Pilger

Andächtig sitzt sie im dunklen Zuschauersaal und schaut mit großen Augen zu den Schauspielern auf der lichtüberfluteten Bühne auf. Sie hat sich voll den feinen Schwingungen geöffnet, die den Künstler inspiriert haben, sein Werk zu kreieren...

veröffentlicht am 12.01.19 um 11:15