Die Bulgaren in Thessaloniki – Teil der Geschichte Bulgariens und Griechenlands

Der Chor am bulgarischen Mädchengymnasium „Verkündigung des Herrn“ in Thessaloniki, 1911

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia wurde der Bildband „Thessaloniki und die Bulgaren – Geschichte, Erinnerung, Moderne“, ein Projekt des Instituts für Balkanistik an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften (BAN) und der Staatlichen Agentur „Archive“ vorgestellt. Es soll die Öffentlichkeit an die Präsenz der Bulgaren in Thessaloniki erinnern, für die Stadtgeschichte sensibilisieren und auch auf die gegenwärtigen Initiativen, die mit dem Projekt zusammenhängen, aufmerksam machen.

Feier des Bulgarischen Zunftvereins in Thessaloniki anlässlich des Festes der heiligen Brüder Kyrill und Method, 1906СнимкаEin Mensch ohne Wurzeln ist wie ein Baum ohne Wurzeln“, wiederholt gern die Projektleiterin Jura Konstantinowa vom Institut für Balkanistik. „Es darf nicht sein, dass wir keine Erinnerung daran haben, was gewesen ist. Wir brauchen ein Fundament, Menschen auf die wir uns stützen können, Erinnerungen, die uns teuer sind.

Der Bildband umfasst die Zeit vom Beginn des 19. Jh. bis in unsere Gegenwart. Die bulgarische Gemeinschaft in Thessaloniki erlebte nach 1878 ihre Blüte. In Ergebnis des Russisch-türkischen Krieges wurde Nordbulgarien von der türkischen Fremdherrschaft befreit. Mazedonien und Südthrakien, einschließlich Thessaloniki, verblieben innerhalb der Grenzen des Osmanischen Imperiums. Viele Bulgaren aus den Städten Westmazedoniens siedelten nach Thessaloniki um in der Hoffnung auf mehr Sicherheit und Prosperität.

Die ersten Schüler der Amerikanischen Agrarschule in Thessaloniki – Waisenkinder nach dem Ilinden-Aufstand 1903; Lehrer und Schüler des französischen Gymnasiums in Thessaloniki.

Freimaurer aus der Loge „Stern von Thessaloniki“. Ganz rechts ist Dragan D. Tapkow, Vertreter einer angesehenen bulgarischen Familie.Im Verlaufe des Projekts dachten die Teilnehmer, dass die Heiligen Brüder Kyrill und Method, die Schöpfer des slawischen Schrifttums, die populärsten Persönlichkeiten aus Thessaloniki sind, doch je mehr sie sich mit den Archiven befassten, stellten sie fest, dass die Absolventen des Mädchen-, Jungen- und des Handelsgymnasiums und ihre Nachfolger einen großen Beitrag für die Erhaltung des bulgarischen Erbes in der Stadt geleistet haben.

Im Rahmen des Projekts wurden in den Archiven und durch Begegnungen nach interessanten persönlichen Geschichten, Dokumenten und Fotos gesucht, die mit in Thessaloniki lebenden Bulgaren verbunden sind. Das Ergebnis dieser Arbeit ist im Bildband gut veranschaulicht.

Die Projektleiterin Jura Konstantinowa appelliert an die Bulgaren, unabhängig davon, ob sie im Land oder im Ausland leben, die Erinnerung an ihre Familie, das Familienarchiv gut aufzubewahren.

СнимкаDer Vorsitzende der Staatlichen Agentur „Archive“ Dr. Michail Gruew lobte das Schöpferkollektiv aus Kollegen und Freunden für die aufopferungsvolle Arbeit am Bildband.

Beim Betrachten des Bildbands wird deutlich, dass nicht nur die politische Geschichte, sondern auch die Bemühungen der bulgarischen Gemeinschaft um nationale Identität und die sehr breite Palette des öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens in Thessaloniki sehr gut dargestellt sind und das in einer sehr langen Perspektive“, unterstreicht Gruew. Die ersten Dokumente sind vom Anfang des 18. Jh., die letzten zeigen das Treffen zwischen den Premierministern Bulgariens und Griechenlands Bojko Borissow und Alexis Tsipras.

Das Gemälde „Das Goldene Horn in Istanbul“ von Dragan D. Tapkow, der ein Gymnasium in Thessaloniki absolviert und danach Malerei in Rom studiert hat.

Das Wardar-Tor in Thessaloniki – Gravüre aus dem Buch „Reise durch Mazedonien“ (1831) des französischen Wissenschaftlers und Diplomaten E. M. Cousinairy. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Stadtteil rund um das Wardar-Tor ein überwiegend bulgarisches Viertel.СнимкаEine unbestreitbare Tatsache ist, dass die Geschichte von Thessaloniki auch von einer Reihe von Konflikten zwischen Bulgarien und Griechenland geprägt ist. „Diese Seite aus der Geschichte sollte jedoch der Vergangenheit angehören“, unterstreicht die Schriftstellerin Elena Peewa-Nikiforidis, eine der Bulgarinnen, die heute in Thessaloniki leben. Sie würde sich ein solches Buch auch über die in Sofia lebenden Griechen wünschen.

Übersetzung: Georgetta Janewa

Fotos: Zentrales Staatsarchiv,
Privatarchiv der Familie Tapkow und Raja Saimowa,
Familienalbum New York & Thessaloniki, 1994

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