Die Zeitschrift „Krag“ – ein Teil der Kultur der Wendezeit

„Das, was heute geschrieben wird, gefällt mir nicht und ist mir langweilig, während das, was in meinem Kopf ist, mich berührt und bewegt“, heißt es in einem Brief des jungen russischen Schriftstellers Anton Pawlowitsch Tschechow an seinen Verleger Alexej Suworin. Und diese Worte von Tschechow wurden zur Visitenkarte einer Gruppe junger Künstler, die vor 20 Jahren die Literaturzeitschrift „Krag“ (deutsch: Kreis) geschaffen haben.

28 Ausgaben dieser Zeitschrift erschienen in den Jahren zwischen 1998 und 2004. Strukturiert war sie als eine Plattform, die auf dem jugendlichen Konzept basiert, dass die Geschicke der Welt vom ästhetischen Spiel abhängen. Im Fokus der Zeitschrift standen die Literatur, die visuellen Künsteund Musikexperimente, aber sie widmete einige ihrer Ausgaben auch der zeitgenössischen mazedonischen, ungarischen und türkischen Poesie. Sie brachte auch einen Sammelband mit Literaturtexten von Dimitar Woew von der bulgarischen Dark-Wave-Kultgruppe „New Generation“ heraus. Einige Zeitschriften enthielten Texte der französischen Philosophen Alain Badiou und Jacques Derrida, aber auch des in Belgrad geborenen US-amerikanischen Dichters Charles Simic und der slowenischen Philosophin und Sozialtheoretikerin Alenka Zupančič, deren Arbeit auf die Psychoanalyse fokussiert war. Auch heute sind die Autoren und Übersetzer der Zeitschrift Teil der bulgarischen Kunst- und Forschungselite.

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„Krag“ ist vor 20 Jahren erschienen, um auf eine präzedenzlose Art und Weise Prosa, Poesie, Kritik, Kulturwissenschaft, Musik, visuelle Künste und das Leben auf der Straße miteinander zu verquicken. „Wie „Krag“ als Geschichte im revolutionären Format an der Grenze zwischen 20. und 21. Jahrhundert eingeschätzt wird, bekommen wir in mindestens 20 Jahren zu lesen", schrieb das Team der Zeitschrift 20 Jahre nach deren Schaffung. Hinter „Krag“ stehen solche Persönlichkeiten wie Darin Tenew, der an der Sofioter Universität „Heiliger Kliment von Ohrid“ unterrichtet, die Chefassistentin Silvia Borissowa, die Redakteurin Radost Nikolaewa, der Schriftsteller Petar Wortep und die Autorin visueller Effekte Galina Dimowa.

СнимкаSeit dem Beginn ist viel Zeit verstrichen, aber alles ist immer noch sehr lebendig und Teil von uns. „Krag“ ist ein Teil von dem, was wir heute sind“, sagte Najden Jotow, einer der jungen Autoren der Zeitschrift. „Der Name der Zeitschrift stellte sich bei einem Treffen im Kulturpalast ein. Es war an einem Mittwoch. Radost Nikolaewa wollte von uns Vorschläge zum Namen der Zeitschrift. Spontan fiel mir „Krag“ ein. Alle waren mit diesem Vorschlag sofort einverstanden und so wurde unsere Zeitschrift ins Leben gerufen. Sie erschien nach dem Vorbild des Literaturkreises „Misal“ (Gedanke) der bulgarischen Symbolisten vom Ende des 19. Jahrhunderts und des Runden Tisches der Ritter, da es bei uns keine Hierarchie gab und wir alle auf den Schwingen der Inspiration und der jugendlichen Sorglosigkeit getragen wurden. Diese Atmosphäre ermöglichte es uns, fernab von bissigen Kritikern zu kreieren. Wir dienten uns gegenseitig als Korrektur. Und zwar nicht so sehr im Sinne von Kritik, sondern vielmehr als Unterstützung. Wir schwebten wie auf einer Seilbrücke über der Endlosigkeit. Ich persönlich fühlte mich wie Nietzsches Seiltänzer und hatte bei jedem Schritt das Gefühl, dass dieser Weg meine Gedanken noch mehr stimuliert sowie meinen Drang, nach den Urquellen des Ichs zu suchen. Damals dachte ich nicht mit philosophischen Begriffen, doch das Streben war echt.

„Krag“ war nicht nur eine Zeitschrift, sondern eine ganze Bewegung, deren Organ die Zeitschrift war. Ihren Autoren und Mitstreitern dienten selbst das Gefängnis, das Nationaltheater „Iwan Wasow“ in Sofia, unterschiedliche Museen und Galerien als Bühne. Sie waren viel gemeinsam im In- und Ausland unterwegs.

Wir wurden von unserem Wunsch geführt, uns mit anderen Menschen zu treffen. Aber das war kein Selbstzweck, sondern eine Idee, die uns konsolidierte“, sagt Najden Jotow. „Unsere Treffen waren stets unverhofft, unvorhersagbar, ohne konkrete Absprachen und Ideen im Vorfeld. Sie waren kein Ausdruck jugendlicher Selbstverliebtheit und Selbstsicherheit, um die Aufmerksamkeit der Medien auf uns zu ziehen. Wir haben aufrichtig daran geglaubt, dass wir etwas Wichtiges tun und haben unser Bestes gegeben. Jeder war in unserem „Krag“ (Kreis) willkommen. Wir hatten auch ein Manifest. Es war zwar ziemlich kurz, aber jeder von uns war überzeugt, dass die Dinge, die der Andere macht, für uns alle interessant und wichtig sind, so dass wir jeden Gleichgesinnten wertgeschätzt haben.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: Gergana Mantschewa und Privatarchiv

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