Zu Ostern im German-Kloster

In der Nähe des Sofioter Dorfes German liegt ein kleines Kloster, das dem heiligen Iwan Rilski geweiht ist. Viele Sofioter und Gäste der Stadt finden sich insbesondere zu großen Kirchenfesten, wie Ostern, hier ein, denn die Kraft christlichen Glaubens ist an solchen Orten besonders zu verspüren. Es scharen sich Gläubige, um die Botschaft der Auferstehung des Herrn zu empfangen. Die Glocken läuten feierlich und die Anwesenden begrüßen sich mit „Christus ist auferstanden!“

Die Klöster stehen den Gläubigen immer offen, denn wie Ephraim von Philotheou, ein Mönch vom Heiligen Berg Athos, gesagt hat: „Wenn die Klöster ihre Tore vor den Pilgern verschließen, wird Gott vor den Kuttenträger die Tore des Himmelsreichs versperren“. Aus diesem Grund sind an Werk- und Feiertagen alle Willkommen, die zu Gott einkehren möchten. Der Herr möge ihnen Frieden in den Gedanken, der Arbeit, in der Familie und mit den anderen Menschen schenken, damit sie in ihrem Tun Erfolg haben“, sagte uns Priestermönch Pimen.

Das Kloster bei German wurde im 10. Jahrhundert gegründet. Legenden berichten, dass sich an jenem Ort, an dem das Kloster errichtet worden ist, der heilige Iwan aus dem Rila-Gebirge aufgehalten hat. In der Regierungszeit des Zaren Peter (927-969) wurde das Kloster zu einem wichtigen geistigen Zentrum. Währen der byzantinischen Fremdherrschaft (1018-1186) machte Kaiser Alexios II. Komnenos dem Kloster reiche Geschenke. Mit dem Eindringen der Osmanen in die Balkanhalbinsel und die Einnahme Sofias im Jahre 1382 wurde auch das Kloster zerstört. Es wurde später wieder aufgebaut, erlangte aber erst im 17. Jahrhundert seine einstige Bedeutung wieder. Während der Unruhen im Osmanischen Reich Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das German-Kloster erneut zerstört. 1818 versuchten die am Leben gebliebenen Mönche es wieder aufzubauen. Erst im ersten Jahrzehnt nach der Neugründung Bulgariens 1878 konnte eine neue Kirche errichtet werden. Die Ikonen für die Ikonostase malten die Gebrüder Iwan und Nikola Dospewski, die zu den besten Künstlern jener Zeit in Bulgarien gehörten.

Das Kulturhaus des Dorfes German hat die Klostergeschichte aufgezeichnet. Darunter sind auch Legenden über die Gründung des Klosters. Julia Marinowa, Bibliothekarin des Kulturhauses, erzählte sie uns:

Irgendwo an dem kleinen namenslosen Bach, der sich durch die Falten des Losen-Gebirges schlängelt, hat sich der Einsiedler Iwan eine Zeitlang aufgehalten, bevor er sich in die Einöde des Rila-Gebirges begab. Um hochgestellten Persönlichkeiten aus dem Weg zu gehen, begab sich der heilige Mann hinauf ins Gebirge. Es war ein heißer Tag und als er Rast machte, habe er ausgerufen: „Oh, Gott, ein wenig Wasser!“ Und schon quoll aus dem nahen Felsen ein Bächlein. Es ist die Legende wach, dass in jener Zeit, in der Zar Peter herrschte, der Patriarch German hierhergekommen ist, um sich vielleicht mit dem Einsiedler zu treffen. Seit jener Zeit trägt das nahe Dorf den Namen dieses Patriarchen. Den Menschen ist die Quelle des heiligen Iwan Rilski bis heute heilig und besonders zu großen Kirchenfeiertagen kommen sie hierher, um sich ein wenig Wasser mit nach Hause zu nehmen.“

Das German-Kloster ist in die bulgarische Geschichte auch mit dem Kredit eingegangen, den das Sographos-Kloster auf der Athos-Halbinsel dem bulgarischen Staat gewährt hat. Unmittelbar nach den Balkankriegen 1912/13 erlebte Bulgarien seine Erste nationale Katastrophe und es drohte eine Hungersnot. Priestermönch Pimen erzählt:

Im Jahre 1918 gewährte das bulgarische Sographos-Kloster „Hl. Georg“ auf dem Heiligen Berg Athos, Bulgarien 3 Millionen Gold-Lewa und rettete damit die Bulgaren vor dem Verhungern. Die Lage war in jener Zeit sehr schwer. Die Menschen hatten aber ihren festen Glauben und der heilige Georg half in diesem Augenblick auch unserem Kloster.

Jahre später verloren die Klöster der Mönchsrepublik ihre Tochterklöster in Griechenland und damit ihre Haupteinnahmequellen. Da Bulgarien weiterhin nicht im Stande war, den gewährten Kredit zu beglichen, schlug das Sographos-Kloster vor, das ihm im Austausch dafür eines der Klöster in Bulgarien unterstellt werden soll. Das Bistum Sofia erklärte sich bereit, das German-Kloster abzutreten und so dem bulgarischen Kloster des Heiligen Berg Athos unter die Arme zu greifen. Ziel war jedoch nicht nur, eine finanzielle Einnahmequelle zu sichern, sondern, dass auch Mönche ausgebildet werden, die dann ins Sographos-Kloster entsandt werden können.

Das German-Kloster hat sich schon immer einer großen Beliebtheit unter den Menschen erfreut“, sagt weiter der Priestermönch Pimen. „Nach den tragischen Ereignissen von 1944 /Machtantritt der Kommunisten/, verarmte auch unser Kloster und es konnten keine Mittel mehr ins Mutterkloster auf der Athos-Halbinsel fließen. Dieser Zustand hielt bis zum Jahre 2000 an. Die zurückerstatteten Klostergüter werden seitdem wieder bewirtschaftet und die Gläubigen helfen, womit sie können – nicht nur dem Sographos-Kloster, sondern auch zum Erhalt der Kirche und des Glaubens.“

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: Privatarchiv

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