Das Volkskulturhaus in Dolni Bogrow – auferstanden aus Ruinen

Unser Volkskulturhaus ist der einzige Ort für festliches Beisammensein und Kulturevents in unserem Dorf, sagen die Einwohner von Dolni Bogrow bei Sofia. Sie bedauern, dass sie keine Schule haben, denn in ihrem großen Dorf leben viele Familien mit Kindern. Das örtliche Volkskulturhaus „Hl. Kyrill und Method“ zieht seit Jahren Laienkünstler, Kinder-Tanz- und Sportklubs und vor allem Bücherfreunde an. Es ist stolz auf seinen reichen Bücherbestand mit neuer und fesselnder Lektüre. Der Großteil dieser Bücher wurde von Verlagshäusern und Privatpersonen gestiftet.

Die Vorsitzende des Volkskulturhauses Rumjana Krastanowa lebt seit 30 Jahren in Dolni Bogrow. Sie ist diejenige, die die Bibliothek und das Volkskulturhaus nach dem großen Hochwasser im Dorf vor 14 Jahren gerettet hat. Anfang August 2005 war die Lage im Raum Sofia wegen den heftigen Regenfällen äußerst kompliziert. Hunderte Häuser standen unter Wasser, so dass ca. 1.500 Einwohner aus Dolni Bogrow evakuiert werden mussten. Buchstäblich wenige Minuten, bevor die Flutwelle das Volkskulturhaus einholte, hielten sich viele Kinder darin auf.

Damals war die Schauspielerin mit dem künstlerischen Pseudonym Lady Hellen bei uns zu Gast“, erinnert sich Rumjana Krastanowa. „Sie erklärte gerade den Kindern, dass es sehr wichtig ist, sie die Angst aus ihrem Bewusstsein zu verbannen. Die Kinder unterhielten sich und hatten Spaß. Ich sah aber, dass die Lage immer bedrohlicher wurde. Es fuhren LKWs vorbei, die Sand am Fluss abluden, um einer größeren Katastrophe vorzubeugen. Kaum hatten wir das Volkskulturhaus verlassen, da wurde ich angerufen, dass es überflutet war. Ich kehrte sofort um, doch das Gebäude war inzwischen absolut unzugänglich. Alles stand unter Wasser. Wir konnten nichts retten. Am anderen Tag füllte das Wasser alle Räume aus. Es hat eine ganze Woche gedauert, bis es absickert ist. Als wir schließlich rein konnten, steckten die Bücher im Schlamm, den das Unwetter angespült hatte. Nur zwei Bücherregale waren unversehrt geblieben. Die Kostüme und Volkstrachten, die die Kinder bei ihren Bühnenauftritten angezogen haben, waren auch verschmutzt. Später sammelten wir alle Bücher in Säcke auf und mussten sie wegwerfen. Es war wirklich sehr traurig, weil an einem einzigen Tag ein Volkskulturhaus vernichtet wurde, das im Laufe langer Jahrzehnte entstanden war. Wir zogen vorübergehend in das Gebäude der Schule um, die nicht mehr existiert, doch konnten wir dort den Lesern nichts anbieten. Es waren nur 1.000 unbeschädigte Bücher erhalten geblieben, zu denen wir nach dem Hochwasser jedoch keinen Zugang mehr hatten.

In dieser für Dolni Bogrow sehr kritischen Zeit blieb Rumjana Krastanowa nichts anderes übrig, als persönlich Kontakte zu großen bulgarischen Verlagshäusern aufzunehmen und sie anzuhalten, Bücher für das Volkskulturhaus im Dorf zu stiften. Diese Bitte ließ niemanden kalt. Die Verleger spendeten die ersten 600 Werke und machten dem Dorf Hoffnung, dass ihr Unterfangen sich lohnt.

Innerhalb von zwei-drei Jahren kamen an die 5.000 Buchbände zusammen, inzwischen sind es ca. 7.000 Titel“, freut sich Rumjana Krasatnowa. „Die Verlage haben uns unentgeltlich sehr viele schöne Bücher zukommen lassen, auch Privatpersonen stifteten viele Bücher für unsere Bibliothek. Diese erfreuen sich jetzt bei unseren Lesern der größten Nachfrage und Beliebtheit. Bücher, für die kein Interesse besteht, werden aussortiert und durch neue Werke ersetzt. Und so kommen viele Menschen in unser Volkskulturhaus, angelockt von den schönen und interessanten Büchern, die sie bei uns ausleihen können. Wir arbeiten auch mit den Lehrkräften im Kindergarten „Sorniza“ sehr gut zusammen, dem einzigen Kindergarten in unserem Dorf. Die Kinder kommen uns oft besuchen, wir erzählen ihnen von der Bibliothek und hoffen, dass sie sich später ebenfalls unter unsere Leser reihen. Unbedingt erwähnen möchte ich auch das renovierte und sanierte Gebäude unseres Volkskulturhauses. Und so konnten wir mit Spenden und viel Fleiß das Volkskulturhaus in Dolni Bogrow zu neuem Leben erwecken“, sagte abschließend Rumjana Krasatnowa.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: chitalishta.com и bibliobg.com

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