Der U-Bahn-Ausbau in der bulgarischen Hauptstadt Sofia sorgt seit einem Jahr für Verkehrschaos, Staub und Baulärm in der Innenstadt. Doch, die Sofioter haben Verständnis dafür. Während der Bauarbeiten an der neuen U-Bahn-Linie entdeckten Archäologen wertvolle und sehr gut erhaltene Stadtreste aus römischer Zeit. Nun soll dort ein bemerkenswertes Freilichtmuseum entstehen. Mit einer riesigen Glaskuppel überdacht, werden Straßen und Gebäude die Geschichte einer der ältesten Städte Europas erzählen.
Noch kann man von der U-Bahn-Station "Serdika" im Sofioter Stadtzentrum in nur zwei Richtungen fahren. Im Sommer 2012 soll sich das ändern. Die Serdika-Station soll ein wichtiger Knotenpunkt des dann ausgebauten U-Bahn-Netzes werden. So, wie einst die alte römische Stadt Serdika eine strategisch wichtige Siedlung in der Antike war.
27 Stufen führen bald die Sofioter und die Gäste der bulgarischen Hauptstadt hinab in eine antike Welt, wo Thraker und Römer allem Anschein nach in Pracht und Luxus lebten. Die Archäologen haben längst vermutet, dass unter dem heutigen Stadtkern von Sofia Überreste der antiken Stadt Ulpia Serdika unerforscht, dafür aber gut erhalten geblieben sind. Erst der vor einem Jahr begonnene Ausbau der Sofioter U-Bahn ermöglichte ihnen umfangreiche Ausgrabungsarbeiten, und seitdem melden die Archäologen immer wieder sensationelle Funde – ein 30 Quadratmeter großes römisches Mosaik aus dem 4. Jh., vollkommen erhaltene Straßen aus dem 3. Jh., Gebäudefundamente aus römischer Zeit und sogar Reste des Palastes von Kaiser Konstantin I.
Auf etwa 17.000 Quadratmetern – das wären knapp 2 Fußballfelder, sollen die Überreste der antiken Ulpia Serdika unter einer riesigen Glaskuppel ausgestellt werden. Dann wird man an römischen Strassen und Mauerwerk von antiken Gebäuden, Basiliken und Bädern auf dem Weg zur gleichnamigen U-Bahn-Station spazieren können. Bis dahin sind jedoch die Archäologen unter Leitung von Dr. Mario Iwanow am restaurieren und konservieren. Der junge Archäologe ist voller Begeisterung, wenn er über die 2000jährige Geschichte der prachtvollen Ulpia Serdika erzählt.
"Wir haben großräumige Wohnungen von offensichtlich wohlhabenden Menschen entdeckt. Davon zeugen sowohl die Ausmaße, als auch die schönen Mosaiken. Meine heutige Zwei-Zimmer-Wohnung würde in nur einem der Räume dieser antiken Wohnungen reinpassen! In unmittelbarer Nähe der Häuser haben wir Reste einer Basilika aus dem 4. Jh. freigelegt. Ein bemerkenswerter Fund sind die Fundamente und einen Teil der Wände eines überdurchschnittlich großen römischen Bades aus dem 2. bis 4. Jh. Darin stießen wir auf Spuren einer Bodenheizung und auf ein kleines Becken mit einem gut erhaltenen Abflussrohr."
Sofia zählt zu den ältesten Städten Europas und im heutigen Stadtkern wird man überall fündig. Die Reste menschlicher Kulturgüter, die heute unter den feinen Pinseln der Archäologen ans Tageslicht kommen, stammen aus den verschiedensten Epochen: angefangen bei der Neusteinzeit etwa 5000 Jahre v.Chr. bis in unsere Tage.
Die ersten bedeutenden Spuren haben jedoch die Römer hinterlassen, die die einstige thrakische Siedlung Sredez in eine blühende antike Großstadt verwandelten – Ulpia Serdika. Benannt wurde sie nach dem hier ansässigen thrakischen Stamm der Serden. Der römische Kaiser Konstantin der Große bezeichnete Serdika als sein Rom und hatte sich lange Jahre mit dem Gedanken getragen, die Hautstadt des Römischen Reiches hierher zu verlegen, berichtet der Archäologe Mario Iwanow. Er und seine Kollegen erforschen seit Jahren die antike Geschichte der heutigen bulgarischen Hauptstadt Sofia. Die Ausgrabungsarbeiten ähneln einem Puzzle-Spiel.
"Als wir eine der römischen Hauptstraßen von Serdika freigelegt haben, wussten wir, dass wir in unseren Vermutungen richtig liegen. Ihrer Breite und Ausrichtung nach musste sie das Ost- und das Westtor der Stadt verbinden. Das Osttor wurde bereits in den 50er Jahren entdeckt und restauriert, also musste uns diese breite Straße zum Westtor führen. Die freigelegte Hauptstraße ist aus der Zeit, als Konstantin der Große hier residierte."
Die historische Schicht der antiken Strassen und Gebäude liegt in einem "Sandwich" zwischen der heutigen modernen Stadt und dem nur wenige Meter unter den Ausgrabungen verlaufenden Tunnel der U-Bahn. Im nächsten Sommer wird man über die Straßen der antiken Stadt an Reste römischer Bauwerke flanieren können. Dann geht auch der Traum des Archäologen Mario Iwanow in Erfüllung, den Geist der antiken Ulpia Serdika zu spüren.
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