Wer in der EU auf ein Spenderorgan angewiesen ist, kann lange warten. Nach wie vor gibt es in Europa zu wenige Organspender. Innerhalb der EU gibt es von Land zu Land erhebliche Unterschiede bei der Zahl der Organspender, belegen Angaben der European Transplant Coordinators Organization. Während beim Spitzenreiter Spanien 34 Organspenden auf eine Million Einwohner kommen, ist es in Bulgarien nur eine.
"Die Organspende ist eine Heldentat – eine Heldentat des Spenders, selbst wenn er nicht mehr unter uns ist, und eine Heldentat seiner Angehörigen. Wenn sich für mich nicht rechtzeitig ein Spender gefunden hätte, wäre ich heute nicht auf dieser Welt. Gott sei Dank hatte ich Glück und bekam eine zweite Chance."
Der 52jährige Bojko lebt seit August sein zweites Leben. 15 Jahre lang war ungewiss, wie lange seine Leber noch mitmachen wird. Vor einem Jahr stellten die Ärzte die schreckliche Prognose auf: die Organschädigung ist nicht mehr heilbar, der einzige Ausweg ist eine möglichst schnelle Lebertransplantation. Sonst stirbt er. Acht Monate später wurde Bojko operiert. Er spricht von Schicksalsfügung und Glück. Sein Glück haben in Bulgarien nur wenige Patienten. 911 Bulgaren sind auf Spenderorgane angewiesen. 31 warten auf ein Spenderherz, 29 brauchen eine neue Leber, 851 – eine neue Niere. Jeder Achte von ihnen wartet zu lang und stirbt, weil er nicht rechtzeitig ein Spenderorgan bekam. Spenderorgane sind Mangelware; nach wie vor erklären sich in Bulgarien zu wenige Menschen bereit, ihre Organe nach ihrem Tod zu spenden. Bulgarien ist in der Statistik der Organspender EU-weit Schlusslicht. Dr. Silvi Kirilow, Leiter der staatlichen Transplantationsagentur, versucht, die Gründe dafür zusammenzufassen.
"Natürlich sind die Gründe dafür unterschiedlich – sowohl rein medizinischer, als auch psychologischer und sozialer Natur. Unsere Gesellschaft ist auf die Diskussion über die Organspende nicht vorbereitet. Es ist eine Mentalitätsfrage – kaum jemand in Bulgarien überlegt sich zu Lebzeiten, was mit seinen Organen nach seinem Tod passieren soll."
Diese Gedanken machte sich Stojanka Ananiewa bis zur Geburt ihrer Tochter auch nicht. Die Kleine hatte eine angeborene Nierenschwäche. Nach neun mühsamen Dialyse-Jahren fand sich endlich eine Spenderniere. Damit aber nicht genug des Leids im Hause Ananiew – auch Stojankas Mann erkrankte, und auch er war auf einen Spender angewiesen. Nach den beiden erfolgreichen Transplantationen in der eigenen Familie gründete Stojanka Ananiewa einen gemeinnützigen Verein, um für die Organspende zu werben. In Bulgarien gilt die sog. Widerspruchsregelung, man wird also zum Organspender, wenn man nicht vorher ausdrücklich widersprochen hat. Doch, diese Regelung hat einen Hacken:
"Hinterbliebene können gegen die Organentnahme stimmen, da hier die Widerspruchsregelung mit dem Einspruchsrecht der Angehörigen verknüpft wird. In 90% der Fälle lehnen die Angehörigen eine Organentnahme ab. Und genau da sehen wir einen Ansatzpunkt in unserer Arbeit als gemeinnütziger Verein. Mein Engagement beruht – leider oder zum Glück – auf meiner persönlichen Erfahrung. Wir müssen diese 90% überzeugen, dass die Organspende eine letzte gute Tat sein kann – das Leben eines Mitmenschen retten und dadurch selbst irgendwie auch weiter leben."
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