Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind Allergien die weltweit vierthäufigste chronische Erkrankung, die insbesondere die industrialisierten Länder betrifft. In der EU hat sich die Zahl der Allergiker in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt bis verdreifacht – Tendenz weiter steigend, wie Angaben der Europäischen Stiftung für Allergieforschung ECARF belegen. Da macht Bulgarien keine Ausnahme: Schätzungen zufolge hat mittlerweile jeder dritte Bulgare mindestens einmal in seinem Leben allergisch reagiert. Daher ist es nicht übertrieben, von einer Volkskrankheit zu sprechen.
Triefende Nase, juckende Augen, asthmaartiger Husten, Hautausschlag – das sind typische Anzeichen für allergische Reaktionen. Die Ärzte sprechen von einer krankhaft hyperaktiven Immunreaktion, die sich häufig gegen eigentlich harmlose Umweltstoffe richtet, wie Hausstaub, Tierhaare, Pflanzenpollen oder Lebensmittel. Mehr als 500.000 der 7,5 Millionen Bulgaren sind Asthmapatienten. 1,5 Millionen haben Heuschnupfen. Die Mediziner beklagen, dass Allergien nach wie vor in der Öffentlichkeit nicht ernst genug genommen und verharmlost werden. Dabei beeinträchtigen die Symptome die Betroffenen massiv und schränken ihre Lebensqualität teilweise stark ein. In der Praxis jedoch kommt es allzu häufig vor, dass Allergiker als "überempfindlich" oder "hysterisch" abgestempelt werden. Das hat zur Folge, dass die Erkrankung oft fortschreitet und sich verschlimmert, warnt Prof. Wassil Dimitrow, Vorsitzender der bulgarischen Gesellschaft für Allergologie.
"Die adäquate, moderne Behandlung des allergischen Asthmas umfasst in Bulgarien nur jeden zehnten Patienten“, sagt Prof. Dimitrow "Es ist sehr wichtig, dass die Atemwegsallergien korrekt therapiert werden, denn aus Erfahrung wissen wir mittlerweile, dass mehr als 40 Prozent der Patienten mit unbehandeltem Heuschnupfen im Laufe von durchschnittlich acht Jahren ein allergisches Asthma entwickeln. Deshalb empfehlen wir, die Allergien nicht zu unterschätzen. Die Medizin hat in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte gemacht und die Volkskrankheit Allergie kann bei richtiger Therapie besiegt werden."
Die hohe Zahl der Allergiker hat unter anderem für die Wirtschaft enorme Folgen: Experten der Europäischen Stiftung für Allergieforschung in Berlin beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden für die EU auf 100 Milliarden Euro jährlich, Behandlungskosten und Arbeitsausfälle infolge von Allergien bei Erwachsenen inklusive. 20 bis 30 Prozent der EU-Bürger leiden an Heuschnupfen, 5 bis 15 Prozent an Asthma, 3 bis 5 Prozent an Neurodermitis und 5 bis 10 Prozent an einem allergischen Handekzem. Auch in Bulgarien sind das die häufigsten Allergien. Jedes Jahr stellen die bulgarischen Fachärzte mindestens 15.000 bis 20.000 neue Allergiker fest. Im Oktober organisierte das Gesundheitsministerium in allen Großstädten Bulgariens eine landesweite Kampagne für kostenlose Beratung und Allergietests. Prof. Bogdan Petrunow, Leiter des nationalen Labors für Immunologie und Allergologie in Sofia, rät allen Menschen zwischen 5 und 55 Jahren, sich testen zu lassen, um rechtzeitig und individuell behandelt werden zu können.
"Die Hyposensibilisierung ist die einzige Allergietherapie, die das Übel tatsächlich an der Wurzel packt“, erklärt Prof. Petrunow. "Sie ist die einzig wirksame Therapie bei Allergie, bei der sich das Immunsystem langsam an den Auslöser gewöhnt. Die Immuntherapie bekämpft nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursache für die allergische Reaktion."
Und obwohl die Mediziner wissen, dass die Allergien kein Phänomen der Neuzeit sind, haben die steigenden Zahlen der chronisch Kranken viel mit der Industrialisierung zu tun. Die Luftverschmutzung gilt als einer der Hauptauslöser der Atemwegsallergien. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Kohlen- und das Schwefeldioxyd sowie der Stickstoff das Immunsystem beim Menschen angreifen. Die Weltgesundheitsorganisation WHOgeht davon aus, dass 2050 jeder Zweite in der Welt von mindestens einer Allergie geplagt wird.
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