Der bulgarische Boden ist überaus reich an Überresten menschlicher Kultur und wir haben uns mittlerweile an die Meldungen über sensationelle Funde der Archäologen gewöhnt. Jüngst wurde bekannt, dass während des letzten Grabungssommers in der thrakischen Tempelstadt Perperikon eine Tonscherbe ans Tageslicht gekommen ist, bei deren Reinigung in den Labors eine seltene Darstellung zum Vorschein gekommen ist.
Nach der vorsichtigen Entfernung der Erde und sich im Laufe der Jahrhunderte gebildeter Krusten waren die Wissenschafter verblüfft, was sich vor ihren Augen auftat. Auf den unscheinbaren Resten einer aus Ton gebrannten Urne zeichnete sich deutlich ein Relief ab. Dargestellt ist ein sogenannter „Thrakischer Reiter“ – ein Reiterheros aus frühantiker Zeit. Diese von den Thrakern als Gottheit verehrte Figur ist überall anzutreffen, doch auf einem solch alten Tongefäß aus dem 4. Jh. vor Christus eine absolute Seltenheit. Die Geschichtswissenschaftler sind sich einig, dass diese Darstellung die älteste bisher entdeckte ist und mehr Licht in die Geschichte der religiösen Vorstellungen unserer Vorfahren bringt.
Der Thrakische Reiter wurde in unseren Breiten in der Antike stark verehrt – derart, dass er später in die Ikonographie der christlichen Heiligen einging. Und so begegnet er uns auch heute in den Darstellungen des heiligen Georgs, des heiligen Demetrios und des heiligen Mina, um nur die wichtigsten zu nennen. Alle werden hoch zu Ross gezeigt, die mit einer Lanze einen Gegner, ein Wild- oder Fabeltier zu Füßen des Pferdes durchbohren. Die Tonscherbe mit dem Thrakischen Reiter wurde rund 300 Meter vom zentralen Felsheiligtum von Perperikon entdeckt. Das untermauert die Vermutung der Wissenschaftler, dass es sich bei der Anlage nicht einzig um ein Heiligtum handelt, um das sich im Laufe der Zeit eine Siedlung gebildet hat, sondern um eine ganze Tempelstadt. Sakrale Anlagen wurden in einem Umkreis von bis zu 12 Kilometern entdeckt, was Perperikon zu dem größten sakralen Komplex auf der Balkanhalbinsel macht. Leider wurde die Gegend Ende der 90er Jahre von Schatzsuchern regelrecht durchforstet. Laut Eingeweihten sollen etliche Bronzestatuetten und Münzen aus dem 4. bis 3. vorchristlichen Jahrhundert erbeutet worden sein. Ein Team des Archäologen Nikolaj Owtscharow habe sich dennoch die Mühe gemacht und Stellen der Raubgrabungen untersucht. Dabei sei die Tonscherbe entdeckt worden, die in den Augen der Schatzsucher wertlos war. Owtscharow beschrieb uns den Gegenstand näher: „Auf dem Bruchstück ist ein nach links gewandter Reiter zu sehen. Das Relief ist recht primitiv, gleichzeitig damit recht expressiv. Der Reiter selbst ist seitlich abgebildet, wendet jedoch sein Gesicht dem Betrachter zu. Es handelt sich um eine volkstümliche Arbeit, die laut Kollegen einzigartig ist. Die Struktur des Scherbens lässt ein Datierung recht genau zu – die Urne wurde Ende des 4., Anfang des 3. Jahrhunderts vor Christus gebrannt. D.h. sie stammt aus der Zeit des frühen Hellenismus und damit die früheste uns aus der thrakischen Kunst bekannte Abbildung eines Reiters auf einem Tongefäß“, präzisiert der Archäologe.
Die ältesten Darstellungen des Reiterheros stammen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, sind aber einzig auf silbernen und goldenen Gefäßen zu finden. Erste Reiterreliefe auf Marmor und anderen Steinen erschienen erst im 1. Jahrhundert unserer Zeit. Im 2. und 3. Jahrhundert kam es sogar zu einem Boom der Ausschmückung der thrakischen Tempel mit derartigen Abbildungen. Das jüngst entdeckt Tonrelief weist aber noch nicht die aus späterer Zeit bekannten Darstellungsnormen.
„Unsere Reiterdarstellung, die 600 bis 700 Jahre älter ist, als die aus römischer Zeit bekannten, zeigt uns eine Phase der Entstehung des Kults gegenüber dem Thrakischen Reiter“, erzählt weiter Nikolaj Owtscharow. „Es ist die Zeit, in der dem Priester-König gehuldigt wurde. Er wurde als Jäger dargestellt, der dem Wild nachstellt, beispielsweise ein Wildschwein mit einer Lanze erlegt, oder im Begriff ist, diese zu werfen, oder ein Schwert schwingt. Das jüngst entdeckte Tonrelief zeigt keine solchen Details, oder sie sind einfach nicht erhalten geblieben. Deutlich ist jedoch zu sehen, dass der Reiter mit der rechten Hand die Zügel hält und in der linken irgend einen Gegenstand – möglicherweise ein Schwert. Damit zieht er in eine Schlacht, oder ist einfach nur auf der Jagd. Diese früheste Abbildung macht uns das Verhältnis der gewöhnlichen Thraker zum Kult gegenüber dem Reiterheros deutlich“, sagt der Archäologe Nikolaj Owtscharow.
Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow