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Territoriale Veränderungen nach den Balkankriegen (1913) bzw. Vertrag von Bukarest
Am 16. Juni vor fast einem Jahrhundert brach auf der Balkanhalbinsel der 2. Balkankrieg aus, der auch als Krieg zwischen den Bundesgenossen 1913 in die Geschichte eingegangen ist. Geführt wurde er von Bulgarien auf der einen und Serbien, Griechenland und Montenegro auf der anderen Seite. Vor diesem Krieg waren diese vier Länder in einem Bund vereint und kämpften im 1. Balkankrieg gemeinsam gegen das Osmanische Reich, um die noch unter türkischer Fremdherrschaft stehen Gebiete zu befreien, die vornehmlich von Christen bewohnt waren. Am Ende dieses Krieges wurde am 30. Mai 1913 in der britischen Hauptstadt ein Friedensvertrag unterzeichnet, laut dem die Türkei ihre europäischen Gebiete einbüßte, die sich westlich der sogenannten Linie Midye-Enos befanden (Midia am Schwarzen Meer und Enos an der Mündung der Maritza in das Ägäische Meer). Auch die Inseln in der Ägäis musste die Türkei abtreten. Albanien wurde in Folge des Krieges als unabhängiges Land anerkannt, wobei die Festlegung seiner Grenzen und seines Status dem Beschluss der Großmächte überlassen wurde.
Was veranlasste jedoch die einstigen Verbündeten dazu, am 16. Juni des Jahres 1913 ein weiteres mal zu den Waffen zu greifen und welche Folgen hatte dieser zweite Balkankrieg für Bulgarien?
Leider war es dem Londoner Friedensvertrag nicht vergönnt, in Kraft zu treten. Die Widersprüche zwischen den Siegern waren zu groß. Die Diplomatie der Entente, die die Balkanhalbinsel nicht verlieren wollte, war nicht zureichend aufeinander abgestimmt. Uns so blieb der nötige Nachdruck aus, um einen Zusammenstoß zwischen den ehemaligen Bundesgenossen zu verhindern Die Ursache des Konflikts bestand bereits vor Ausbruch des 1. Balkankrieges. Der Zankapfel war Makedonien. Entsprechend dem bulgarisch-serbischen Geheimvertrag von 1911 gab Sofia dem russischen Druck nach und erklärte sich mit einer Teilung Makedoniens einverstanden, was einen prinzipiellen Bruch mit der bis dahin geführten bulgarischen Politik darstellt. Es geht um das sogenannte “strittige Gebiet” - ein Landstrich im Nordwesten Makedoniens, einschließlich Skopje, dessen Schicksal nach dem Krieg persönlich von russischen Imperator entschieden werden sollte.
Eine noch größere Unbestimmtheit herrschte hingegen in den Beziehungen zwischen Bulgarien und Griechenland. Der bulgarisch-griechische Bündnisvertrag vom 29. Mai 1912 bestand alles in allem aus einem Satz. Es wurden keinerlei Absprachen über die künftige gemeinsame Grenze getroffen, was sowohl Sofia, als auch Athen in ihren späteren Ansprüchen volle Freiheit ließ.
Erste Konflikte zwischen den Bündnispartnern traten bereits während der Kämpfe gegen die Türkei auf. Die Hauptschlagkraft der bulgarischen Armee wurde in Thrakien eingesetzt, in Richtung der damaligen Hauptstadt des Osmanischen Reiches - Istanbul. Zur gleichen Zeit nahmen die Armeen Serbiens und Griechenlands fast ungehindert einen Großteil Makedoniens ein, dessen Bevölkerung durchweg bulgarisch war. Somit wurde die Demarkationslinie zwischen den bulgarischen und serbischen Truppen entlang des Bregalnitza-Flusses, der rechter Zulauf des Flusses Wardar ist, dem Wardarfluss selbst bis Gewgeli gelegt. Von dort aus, bis zur Mündung des Flusses erwies sich die Linie zwischen den griechischen und bulgarischen Truppen.
Besonders dramatisch erwiesen sich die Kämpfe um Thessaloniki. Als erste erreichen die bulgarischen Truppen die Stadt. Das griechische Militärkommando schaffte es aber, den türkischen Stadt-Kommendanten Tachsin Pascha zu bestechen und er übergab Thessaloniki den Griechen und nicht den Bulgaren.
Parallel zu den in London begonnen Friedensverhandlungen mit der Türkei, begannen auch Verhandlungen zwischen den Verbündeten. Bulgarien zeigte sich hart - die künftige bulgarisch-griechische Grenze muss der im Friedensvertrag von San Stefano von 1878 entsprechen. Damals hatten die Großmächte nach dem russisch-türkischen Krieg in einem Vorfrieden die Stadt Thessaloniki, wie auch die Insel Tassos unumstritten den Bulgaren zuerkannt. Später verlangte der bulgarische Zar Ferdinand von den Großmächten, dass ihm die Insel Samothrake als persönliche Besitzung zugesprochen wird. Serbien wurde aufgefordert, sofort das “unstrittige Gebiet” und einen Großteil des “strittigen” einschließlich Skopje zu räumen.
In Athen zeigte man sich eher zu Kompromissen bereit. Man war sich dem bulgarischen Charakter der besetzten Territorien Makedoniens voll bewusst. Trotz gewissen Unwillens und unter vielen Bedingungen, waren die Griechen bereit, Territorien westlich des Wardar-Flusses an Bulgarien abzutreten. Einzig die Stadt Thessaloniki solle zu Griechenland kommen. Die Regierung von Veniselos zeigte sich dafür bereit, auch die Ägäis-Insel Tassos, 12 km vor der Küste, abzutreten.
Belgrad weigerte sich aber seinerseits, die bulgarischen Forderungen zu erfüllen und erklärte, dass der 1911 geschlossene Vertrag einer Revision bedürfe. Serbien bestand darauf, weite Gebiete westlich des Wardarflusses zu besitzen und eine gemeinsame Grenze zu Griechenland zu haben. Die Schaffung eines unabhängigen albanischen Staates hatte nämlich die serbischen Pläne zunichte gemacht, sich Nordalbanien und den Adria-Hafen Duras unter den Nagel zu reißen. Also musste Serbien nach einem anderen Zugang zu einem Meer suchen und da bot sich Thessaloniki an der Ägäis an.
Für die Eskalierung der Spannungen sorgte zusätzlich Russland, das Mitinitiator und Schirmherr des Balkanbundes war. Der Imperator Nikolaus II. war aber zu Fragen des Balkans nur ungenügend informiert und konnte sich nicht entscheiden - mal unterstützte er die Bulgaren, mal die Serben. Schuld an diesem Missstand trugen auch die in Belgrad und Sofia akkreditierten russischen Botschafter Hartwig und Nelidow, die sich nicht ausstehen konnten und am russischen Hof Intrigen spannen, die sich unweigerlich in der russischen Politik gegenüber beiden Ländern niederschlugen.
Im Endeffekt führten die gemeinsamen Interessen zu einer Annäherung von Athen und Belgrad. Am 1. Juni 1913 unterzeichneten sie einen Geheimvertrag, laut dem der Status quo in Makedonien beibehalten werden sollte - d.h. die Demarkationslinien sollten in bleibende Grenzen verwandelt werden.
Am gleichen Tag reichte der damalige bulgarische Premier Iwan Estatiew Geschow seinen Rücktritt ein. Die Leitung des neuen Kabinetts übernahm Stojan Denew - bis dahin Parlamentspräsident. Er unternahm den Versuch, Russland an seine Verpflichtungen zu erinnern, den bulgarisch-serbischen Streit zu entscheiden und Serbien davon zu überzeugen, die Entscheidung anzunehmen. Zwischenzeitlich befahl jedoch der bulgarische Zar Ferdinand von seinen Generälen ermutigt, die serbischen Stellungen im Gebiet des Bregalnitza-Flusses anzugreifen. Das geschah in der Nacht vom 16. zum 17. Juni 1913.
Trotz anfänglicher Erfolge, verwandelte sich der Krieg in eine Katastrophe für Bulgarien, nachdem auch Rumänien und die Türkei zu den Waffen griffen. Rumänien nahm fast ungehindert ganz Nordbulgarien ein und die Türkei lehnte den Londoner Friedensvertrag ab und besetzte erneut die Gebiete um Edirne. Nur in einem Monat fielen bei den Gefechten 33 Tausend bulgarische Soldaten - genauso viele, wie in dem ganzen ersten Balkankrieg.
Am 10. August 1913 wurde der Friedensvertrag von Bukarest unterzeichnet. Bulgarien behielt nur einen Bruchteil Makedoniens, den des Pirin-Gebirges, einschließlich das Tal des Strumitza-Flusses. Bulgarisch blieben die südthrakischen Gebiete an der Ägäis zwischen den Flüssen Mesta und Maritza. Die thrakischen Gebiete um die Stadt Edirne blieben türkisch. Die Süddobrudscha im Nordosten musste an Rumänien abgetreten werden. Die Hoffnung auf nationale Vereinigung musste somit begraben werden. Und so erlebte Bulgarien in einem Jahr einen seiner größten Triumphe in seiner neueren Geschichte - den Sieg im 1. Balkankrieg und eine seiner grausamsten Niederlagen.
Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow