„Befasst euch niemals mit Politik!“. So lautet das Vermächtnis von Todor Burmow, dem ersten bulgarischen Premierminister nach der Neugründung des bulgarischen Staates 1878, an seine Kinder und Enkel.
Todor Burmow befasste sich nicht lange mit Politik. Recht bald wurde ihm das politischen Gezänk im neuerstandenen Bulgarien zu viel, er zog sich zurück und befasste sich nur noch mit der Erforschung der bulgarischen Wiedergeburt des 17. bis 19. Jahrhunderts und speziell mit den Kämpfen um eine eigene Kirche. Nahezu ein Jahrhundert später dienten seine Aufzeichnungen als Grundlage für das Buch „Bulgarisches Ostern“ von Tontscho Schetschew – ein Werk, dass zu den besten Abhandlungen über die bulgarische Wiedergeburt gezählt wird.
Heute lebt in Sofia der Urenkel von Todor Burmow, Prof. Stojan Danew, der noch bis vor Kurzem des Labor der Medizinischen Akademie leitete. Er bewahrt sorgsam die Familiengeschichte auf, in der man auf deutsche, russische und englische Wurzeln stößt. Die Nachfolger von Todor Burmow leben heute verstreut in der Welt – außer in Bulgarien sind sie auch in Großbritannien, der Schweiz und Schweden zu Hause. Allen ist aber gemeinsam, dass sie die Verbindung zur Heimat ihres Urahns nicht verloren haben und vorzüglich Bulgarisch sprechen.
Die Nachkommen Burmows sind Kosmopoliten nicht allein aufgrund ihrer vielfältigen Blutsverwandtschaften, sondern weil ihre Vorfahren eng mit der Geschichte Europas und der Balkanhalbinsel in Verbindung stehen. Todor Burmow selbst hatte Jahre lang in Istanbul, der alten Hauptstadt des Osmanischen Reiches, gelebt. Dort gehörte er zu jenen Bulgaren, die sich an den Kämpfen um eine eigenständige bulgarische Kirche beteiligten. Ebenso war er auch als Übersetzer an der russischen Botschaft beschäftigt. Sein Auftreten war ausgewogen und äußerst diplomatisch, weswegen man ihn später zum ersten Premierminister Bulgariens wählte.
Während seiner Tätigkeit als Politiker lernte Burmow den Großvater von Prof. Danew kennen. Dr. Stojan Danew war ein angesehener Rechtsanwalt und stammte wie Burmow selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Auf Grund ihrer Fähigkeiten waren beide in die Gunst reicher Gönner gekommen und konnten Karriere machen. Burmow, wie auch Danew waren zudem russophil eingestellt und hatten auch viele andere Gemeinsamkeiten. Diese geistige Verwandtschaft verwandelte sich in eine leibliche: Danew heiratete die Tochter Burmows, Rada.
Dr. Stojan Danew selbst war wie Burmow Staatsmann. Zwei Mal wurde er zum Premierminister Bulgariens gewählt und zwei Mal hatte er den Posten des Parlamentspräsidenten inne. Als Jugendlicher waren der bedeutende bulgarische Aufklärer Wassil Aprilow und die Bankiers Gebrüder Christo und Evlogij Georgiew auf ihn aufmerksam geworden und hatten ihn gefördert. Zuerst lernte er in Tschechien, später studierte er Recht in Heidelberg und Paris. Er konnte sieben Sprachen – es zog ihn jedoch in die Heimat zurück. Während seiner politischen Laufbahn lernte er wichtige Balkanpolitiker, wie Nikola Paschic und Eleftherios Venizelos kennen. Danew ist in die Geschichte der bulgarischen Politik mit seinem Spruch eingegangen: „Meine Politik ist bankrott – ich reiche meinen Rücktritt ein“. Die bulgarischen Politiker von heute benutzen nur den ersten Teil dieser Phrase, vom zweiten Teil wollen sie nichts gehört haben, scherzt der Enkel Danews.
Aus der Ehe zwischen Dr. Danew und Rada, der Tochter Burmows, sind zwei Söhne hervorgegangen Iwajlo und Wladimir. Von Beruf Diplomat leitete Wladimir Danew die bulgarische Nachrichtenagentur BTA vor und eine Zeit lang nach dem Machtantritt der Kommunisten in Bulgarien 1944. Er heiratete seinerseits Theophana Hadschi-Kaltschewa, Tochter des ersten bulgarischen Millionärs, Kotscho Hadschi-Kaltschew. Dieser war aber für bulgarische Verhältnisse nicht nur sagenhaft reich, sondern auch nicht minder geizig. Bis heute erzählen die alteingesessenen Sofioter viele Anekdoten über ihn. Hadschi-Kaltschew war jedoch nicht knauserig, wenn es darum ging, begabte Studenten zu unterstützen.
Der Enkel von Wladimir und Theophana ist John Brisby, einer der Rechtsberater der britischen Queen Elisabeth II. Brisby selbst ist derart mit der bulgarischen Geschichte vertraut, dass er jedes Mal seine Verwandten in Erstauen versetzt, wenn er sie in Bulgarien besucht. John Brisby setzt die Familientradition fort und unterstützt bulgarische Schüler und Studenten. Jährlich erhält ein ausgezeichneter bulgarischer Student eine Prämie und 40 Schüler verschiedene Hilfen. Die Mutter von John Brisby, Liliana, arbeitete lange Jahre in der bulgarischen Redaktion der BBC und hat als erste die Sammlung „Abwesende Reportagen“ des im Ausland ermordeten bulgarischen Schriftstellers Georgi Markow übersetzt. Ihr Bruder Stephen Constant ist ebenfalls ein großer Kenner der bulgarischen Geschichte und Autor der vielleicht besten Biographie des bulgarischen Monarchen Ferdinand von Sachsen, Coburg und Gotha, die unter dem Titel „Ferdinand der Fuchs“ erschienen ist.
Prof. Stojan Denew ist Sohn des zweiten Kindes von Dr. Stojan Denew, Iwajlo. Schwester und Tochter leben in der Schweiz. Seine Cousine Anna-Maria ist mit dem bekannten Balletttänzer Konstantin Damianov verheiratet und lebt seit vielen Jahren in Schweden.
Bis heute halten sich alle Nachkommen Todor Burmows an sein Vermächtnis „Befasst euch niemals mit Politik!“ Sie hatten auch so schon nach dem kommunistischen Putsch in Bulgarien am 9. September 1944 genügend Probleme mit den neuen Machthabern.
Übersetzung: Wladimir Wladimirow