Mit verschiedenen Veranstaltungen wird heute in allen Teilen des Landes der Tag Europas begangen. Der 9. Mai hatte aber auch eine andere Bedeutung.
Bis zur Wende war der 9. Mai der Tag des Sieges über den Faschismus. Die Feierlichkeiten wurden von der Partei zentral organisiert und waren stark ideologiebehaftet. Im Gegensatz zu damals vermerkt Bulgarien den Tag Europas heute eher spontan. Dieses Jahr findet z.B. aus Anlass des 9. Mai eine öffentliche Diskussion über die Mitgliedschaft Bulgariens in der Europäischen Union und die Perspektiven vor der EU statt. Heute Abend werden die Tage der europäischen Filmkunst eröffnet. Vor dem Nationaltheater in Sofia spielten Schulorchester europäische Klassik, einschließlich die Ode an die Freude, die symbolische Hymne Europas.
Doch, am 9. Mai vermerken Veteranen immer noch auch den Sieg über Hitler-Deutschland. Initiiert von politischen Organisationen, finden auch solche Veranstaltungen statt, wie z.B. in der südbulgarischen Stadt Jambol. Nach zwei Jahrzehnten Demokratie scheinen solche Parallelveranstaltungen niemanden mehr zu ärgern.
Der Tag Europas gibt viele Anlässe zum Feiern. Fünf Jahre nach dem Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union nimmt unser Land seinen gebührenden Platz in Europa ein. Bulgarien ist Teil einer zukunftsorientierten Gemeinschaft. Die Grenzen in Europa schwinden, auch wenn die bulgarischen Staatsbürger immer noch einen bedingten Zugang zum Arbeitsmarkt einiger EU-Länder haben.
Der Tag Europas gibt uns aber auch Anlass, nachzudenken. Und obwohl die Europäische Union ein Staatenbund mit Zukunft ist, ist die Union nur so stark, wie ihr schwächstes Mitglied. Und das ist Bulgarien – das ärmste Land in der EU. Trotz der milliardenschweren EU-Förderung, die unserem Land zusteht, schafft es das Land nicht, dieses Geld abzurufen. Infolge dessen können die Menschen hierzulande die Vorteile der EU-Mitgliedschaft nicht spüren. Hinzu kommt, dass Bulgarien immer noch unter der Aufsicht der Europäischen Kommission in den Bereichen Justiz und Inneres steht, was ein Zeichen dafür ist, dass dem Land in der Bekämpfung von Korruption und organisiertem Verbrechen nicht vertraut wird. Bulgariens Beitritt zum grenzkontrollfreien Schengen-Raum wird immer noch hinausgezögert. Und auch hier ist der Korruptionsverdacht die Ursache für das Misstrauen der EU-Länder.
Trotzdem sind die Euro-Skeptiker in Bulgarien immer noch eine verschwindend geringe Gruppe. Die Mehrheit der bulgarischen Bevölkerung bezeichnet den EU-Beitritt vor fünf Jahren als naturgemäß und eine logische Entwicklung in der jüngsten bulgarischen Geschichte.
Übersetzung: Vessela Vladkova