Seit etwas mehr als einer Woche wird auf Sofias Straßen täglich protestiert. Anlass sind die Novellen zum Forstgesetz, die am Mittwoch vergangener Woche vom Parlament verabschiedet wurden. Umweltbewusste Bürger gingen sofort auf die Straße, weil sie die Wälder in Gefahr sehen. Nachdem aber auf öffentlichen Druck hin Staatspräsident Rossen Plewneliew sein Veto gegen die Novellen einlegte, organisierten nunmehr auch jene Protestkundgebungen, die die Novellen befürworten.
Die Novellen gestatten den Bau von neuen Skipisten, Lifts und Golfplätzen in bewaldeten Gegenden, wobei die Bestimmung des Grund und Bodens nicht geändert zu werden braucht. D.h. auf dem Papier bleibt es ein staatliches Waldgrundstück, wird aber für eine bestimmte Zeit beispielsweise als Skipiste genutzt und muss nach Ablauf der vereinbarten Nutzungsdauer wieder rekultiviert werden. Die Umweltschützer sehen darin die gesetzliche Untermauerung des Raubbaus an der Natur. In den letzten Jahren wurden immer wieder Fälle bekannt, bei denen Pächter staatlicher Grundstücke diese über das Erlaubte hinaus gebaut und zudem auch anliegende Flächen mit einbezogen haben. Bei den gestrigen Demonstrationen kamen einige der umweltbewussten Bürger sogar mit Schiern, um zu zeigen, dass sie keineswegs gegen den Sport sind, doch die erforderlichen Anlagen sollten umweltschonend angelegt werden.
Die Novellen zum Forstgesetz waren damit begründet worden, dass sie auf die wirtschaftliche Förderung kleiner Gebirgsgemeinden durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Erhöhung der Einkommen der hiesigen Bevölkerung als auch auf die Gewährleistung von Skitourismus und die Stärkung Bulgariens als anziehende Sommer- und Winterdestination ausgerichtet seien. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass zu den Gegenprotesten, organisiert von den Anhängern der Novellen, ausschließlich Bürger aus den betroffenen Gemeinden kamen.
© Foto: BTA
Die Umweltschützer wollen ihre Proteste bis zur Annullierung der umstrittenen Novellen fortsetzen.
Die Naturschützer hingegen verwiesen deutlich darauf, dass keiner die Nutzung des Gemeindelands in Frage stelle. Gefährdet seien ihrer Ansicht nach die Nationalparks, die nicht Gemeinde-, sondern Staatseigentum sind. Diesem Argument konnte sogar Ljuben Tatarski nichts handfestes entgegenstellen, der lakonisch meinte, dass „die Menschen prinzipiell gegen Öko-Projekte protestieren“ würden. Tatarski ist Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Regionalpolitik und gilt als Hauptorganisator der Proteste der Gemeinden.
Die Umweltschützer wittern ferner in den Vergünstigungen, die Investoren neuer Skianlagen versprochen werden, das jüngste Machwerk der sich in Regierungskreisen eingenisteten Lobby. Die Investoren klagen seit langem, dass ihnen die Gebühren zu hoch seien, die zur Änderung des Bestimmungszwecks eines Grundstücks erhoben werden. Ihrer Ansicht nach würden sich daher Investitionen in neue Skianlagen nicht rentieren, da man sie nur für wenige Monate im Jahr, nämlich in der Wintersaison nutzen könne.
Daraus ergibt sich automatisch die Schlüsselfrage, was in den Gebirgsregionen für eine Art Tourismus entwickelt werden soll – einer, der nur zwei, drei Monate im Jahr, oder einer der ganzjährig betrieben werden kann. Alles sei eine Frage des Gleichgewichts, meinen Umweltschützer und sehen einen Ausweg in der Ausarbeitung von zwei Strategien – für die Entwicklung des Tourismus und für die Entwicklung der Forstwirtschaft mit klar gesetzten Grenzen.
„
Wir brauchen ein nachhaltiges nationales Schema für die Nutzung der Gebirgs- und anderen Regionen“, sagt Toma Belew von der Öko-Vereinigung „Grüner Balkan“. „
Doch die dritte Regierung in Folge ist nicht in der Lage, eine solches auszuarbeiten, um klar sagen zu können: „hier wird ein Skizentrum entstehen, dort ein Golfplatz und da wird Ökotourismus betrieben werden“. „Statt dessen erleben wir eine chaotische Entwicklung in den Gebirgen und auch an der Küste. Die Einrichtung von Urlaubsorten, Golfplätzen, Hotels und Skizentren wird den Investoren völlig überlassen.“
Für eine ausgewogene Entwicklung sprechen sich auch die „Bulgarische Vereinigung für alternativen Tourismus“ und die „Vereinigung der bulgarischen Reiseveranstalter und Reisebüros“. Bulgarien besitze das Potential, nicht einzig den Saisontourismus, wie für Wintersport und Seeurlaub, zu entwickeln; hier gibt es viele warme Mineralwasserquellen mit Heileigenschaften, ganz zu schweigen vom reichen Kulturerbe.
Michail Michow von der bulgarischen Vereinigung für alternativen Tourismus ist entschieden gegen die Novellen zum Forstgesetz, denn „
sie werden zum Verlust von Naturressourcen führen, die für die Tourismusbranche Bulgariens sehr wertvoll sind“, meint er. „
Ich arbeite als Bergführer und muss schweren Herzens zugeben, dass wir mit jedem Tag herrliche Landschaften wegen ihrer Bebauung verlieren. Es darf kein Raubbau an unserer herrlichen Natur betrieben werden. Wir sollten daher auch Vergleich mit den Wintersportzentren in Österreich meiden, weil man uns stets aus den unterschiedlichsten Gründen in hintere Positionen drängen wird. Wir sollten daher auf das setzen, was einzugartig ist und nur wir bieten können. Das ist die Summe von üppiger wilder Natur, reichem kultur-historischen Erbe und unzähliger Mineralwasserquellen. Bulgarien kann durchaus seine Marktlücke im Tourismus finden.“
Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow