2011 war für die bulgarischen Winzer ein ausgesprochen gutes Jahr. Falls sie Liebhaber bulgarischer Weine sind, sollten sie sich diesen hervorragenden Jahrgang unbedingt merken, meint Branimir Botew, Chef der Vereinigung der Hersteller, Händler und Importeure von alkoholischen Getränken in Bulgarien.
2011 zählt zu den besten Jahrgängen der letzten 10-15 Jahre. Aufgrund der hervorragenden Bedingungen hatten die Trauben einen ausgeglichenen Zucker- und Säuregehalt. Das Wetter war ausgesprochen günstig. Sonne und Regen wechselten sich genau zum richtigen Zeitpunkt ab und bescherten uns prächtige Erträge. Die Natur und Gott waren den bulgarischen Trauben und Weinen wohl gesonnen.
Leider kann man das von der diesjährigen Ernte nicht behaupten. Der Winter war sehr rau und lang, der Sommer - zu heiß und trocken.
In diesem Jahr unterscheidet sich die Lage in den einheimischen Weinbergen wohl kaum von anderen Teilen Europas - behauptet Branimir Botew. - In weiten Teilen Europas fielen zahlreiche Rebstöcke den eisigen Temperaturen zum Opfer, selbst in Frankreich, das sich eines milderen Klimas rühmt. Katastrophale Auswirkungen hatte der Winter auch für die russische Schwarzmeerregion, in den Gebieten um Krasnodar und Dagestan, wo fast die gesamten russischen Rebmassive situiert sind, von denen die Hälfte der Kälte Tribut zahlen mussten.
Laut Angaben der Exekutivagentur für Weinbau und Winzerei sind im letzten Winter ein Fünftel der Reben in Nordbulgarien erfroren. Auch der trockene und heiße Sommer hat seine Spuren hinterlassen. Für dieses Jahr prognostiziert das Plewener Institut für Weinbau und Winzerei 160.000 -165.000 Tonnen Trauben. Das Vorjahr hatte Bulgarien einen Traubensegen von 224.000 Tonnen beschert, etwa 30 Prozent mehr als in diesem Jahr erwartet werden. Jedoch kann man zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine hundertprozentigen Prognosen über die diesjährigen Traubenerträge und deren Qualität abgeben.
Dem ausgesprochen rauen Winter folgte ein ausgesprochen heißer Sommer ohne Regen, weswegen die Trauben an der Reben vertrocknen - erklärt der Experte. - Dort, wo Berieselungsanlagen zum Einsatz kommen, werden natürlich höhere Erträge erwartet. Dort, wo man einzig und allein auf die Natur setzt, wird die Traubenernte sowohl qualitativ als auch quantitativ mit Sicherheit geringer ausfallen. Natürlich besteht theoretisch die Möglichkeit, dass sich die Lage bessert, d.h. falls es zwei Wochen fleißig regnet. Allerdings müsste dann der Herbst weniger regnerisch sein. Vielleicht überlegt es sich die Natur ja noch, auch wenn die derzeitigen Prognosen für die Reben weniger günstig ausfallen.
Das Problem besteht darin, dass ein Großteil der kleinen Weingüter nicht über die erforderlichen Mittel für Berieselungsanlagen verfügtn und so vollständig von Mutter Natur abhängig ist. Auch zeichnen sich aufgrund der vermutlich geringeren Traubenqualität und Quantität Probleme für die Aufkäufer ab. Dabei wird vor allem um die weißen Trauben gekämpft, die nur etwa 30 Prozent der Weinbauflächen des Landes ausmachen. Ob nun wegen des Klimawandels oder aus anderen Gründen - die weltweite Nachfrage nach Weißweinen steigt, weswegen seit einigen Jahren Unternehmen aus Italien, Tschechien und der Slowakei in Bulgarien weiße Trauben aufkaufen. Dieser Trend setzt sich auch in diesem Jahr fort. Die ersten Aufkaufverträge mit ausländischen Unternehmen wurden bereits besiegelt.
Die EU-Statistik verfolgend, warne ich seit 3-4 Jahren vor einer Krise im weißen Traubensegment, die sich bereits anbahnt - meint Branimir Botew. - Neben der Weinherstellung sind die weißen Trauben Ausgangsstoff für die Herstellung von Weindestillaten, aus denen wiederum fast alle alkoholischen Getränke hergestellt werden - Cognac, Weinbrand, Wermut, Liköre, halbtrockene Weine u.a. Auch aus diesem Grund sind die weißen Trauben stärker nachgefragt.
Die bulgarischen Weinbauern stellen sich allmählich auf den neuen Trend am globalen Markt ein. Die Anbauflächen für weiße Rebsorten sollen auf 40 Prozent der Weinbaumassive aufgestockt werden. Und - immer mehr Weinbauern schwören auf die weiße Rebsorte Karlowski Misket, die bereits von den Thrakern angebaut wurde und gegen Kälte und Trockenheit ausgesprochen wiederstandfähig ist.
Übersetzung: Christine Christov