Sonntag, 26. Mai 2013 

Skip Navigation LinksRadio Bulgarien

Search in site

Навигация

veröffentlicht Montag, 12. März 2012 16:14
Radio Bulgarien Gesellschaft Volkskunst

Der Weltenbaum in der bulgarischen Folklore 

Der Weltenbaum gehört zur Mythologie vieler Völker und ist ein uraltes Symbol der kosmischen Ordnung. Und so gibt es auch in Bulgarien etliche Legenden, Märchen und Volkslieder, die dem Weltenbaum gewidmet sind. Allerdings wird häufig über ihn in verschlüsselter Form gesprochen, denn er stellt nicht nur schlechthin eine Verbindung zwischen Himmel, Erde und Unterwelt dar, sondern ist nicht selten auch als Baum der Erkenntnis und als Baum des Lebens aufzufassen.

In der bulgarischen Folklore spricht man vom Weltenbaum auch als „goldenen fruchtbaren Baum“, oder auch vom „geraden Baum“, der schlank und rank ist. Sein Zweige wären aus purem Silber und auf ihnen würden goldene Bienen sitzen. Diese tiefe Symbolik hat ihre Ursprünge in den vorchristlichen Kulten und Vorstellungen. So waren unsere Vorfahren davon überzeugt, dass alles, was auf der Erde passiert, im Himmel Früchte trage. Die himmlische Kraft hingegen könne wiederum alles irdische verwandeln. Die Vorstellungen vom Weltenbaum beschränken sich nicht nur auf seine Funktion, als Weltachse und Verbindung zwischen den Welten, sondern auch als Bindeglied zwischen abstrakten Begriffen, wie Beständigkeit, absolute Notwendigkeit und Unabwendbarkeit.

Der Weltenbaum ist in der Mythologie der Bulgaren ein Symbol der Harmonie und der Wechselwirkungen zwischen den Welten. Der Stamm steht fest auf der Erde, gestützt auf seinen Wurzeln, die bis zur Unterwelt reichen und mit Ästen, die sich im Himmel verlieren. Mit dem Einzug der christlichen Religion erhielt der Weltenbaum neue Deutungen. So wurden seine Wipfel zur Heimstatt Gottes, der Engel und der Heiligen. Dieses Paradies inmitten der Zweige war aber nach wie vor mit Fabelwesen bevölkert, die durchaus ihre Daseinsberechtigung im Himmel hatten. Unter ihnen hebt sich vor allem der Feuervogel ab. Er übernimmt die Funktion des himmlischen Boten und gleichzeitig des Hüters des goldenen Apfels, der als Frucht des Lebens verstanden werden muss.

Neben dem Feuervogel leben in den Ästen des Weltenbaums auch gewöhnliche Vögel, wie Schwalben, Hähne, Pfaue, Tauben und Adler. Sie alle haben aber als Bewohner des Weltenbaums besondere Funktionen. Der Adler wird somit zum Symbol des Himmels und des Lichts. Sein Flug führt ihn in unvorstellbare Höhen bis hin zur Quelle des Lebens, die den Jungbrunnen speist, dessen Wasser alle Krankheiten heilt und gleichzeitig verjüngt. Von diesem Wasser trinke der Adler, wann er möchte und daher glaubte man, dass er stets jung bleibe.
In etlichen bulgarischen Volksmärchen kommt dem Adler auch eine andere Roll zu. Er führt den jungendlichen Helden aus der Unterwelt in die Oberwelt und heilt gleichzeitig seine Wunden mit dem Lebenselixier, eben das Wasser aus dem Jungbrunnen. Daher achteten unsere Vorfahren den Adler stark und es galt als großer Frevel, sein Nest anzutasten. In den Liedern und Legenden richtet sich der Adler sein Nest in den hohen Ästen eines Ahorns oder einer Eiche ein. Seltener niste er in Nussbäumen. Diese Baumsorten würden aber wiederum vom Weltenbaum abstammen, glaubt man.

Der Baumstamm, durch den die Lebenssäfte fließen, ist ein Sinnbild für das irdische Leben. Die Wurzeln des Weltenbaums reichen ihrerseits bis tief in die Unterwelt, die laut den Vorstellungen unserer Vorfahren von Dämonen und anderen bösen Geistern bewohnt sei. Vertreter dieser Kräfte sein Schlangen, Fische, der Fischotter und der Maulwurf. Die alten Bulgaren waren davon überzeugt, dass sie nur Unheil anrichten und daher mit verschiedenen Ritualen besänftigt werden müssen.

Zurück zum Weltenbaum. Seine Vertreter auf Erden, wie Ahorn, Eiche und Nussbaum und insbesondere Jahrhunderte alte Exemplare dieser Sorten durften weder gefällt, noch ihre Äste gebrochen werden. Selbst in christlicher Zeit wurden unter ihren großen Kronen verschiedene Rituale vollführt, natürlich in Anrufung eines christlichen Schutzheiligen. Doch die Rituale selbst blieben heidnisch. Das Blut des Opfertieres ergoss sich auf die Wurzeln und aus seinem Fleisch wurde eine Opfersuppe zubereitet, die an die Teilnehmer des Rituals verteilt wurde.

Der Weltenbaum begegnet uns als Lebensbaum in einer Reihe von Ritualen, die zu Wendezeiten im Volkskalender vollführt wurden. Erwähnt seien vor allem die Weihnachtsbräuche. Die Lieder der Weihnachtssänger, die von Haus zu Haus gingen und die Menschen, ihre Tiere und ihr Hab und Gut segneten, handeln häufig vom ewigen Symbol des Lebens. Der Lebensbaum ist aus Gold und von ihm steigt der junge Gott herab, als Symbol des neuen Lebens.

In der bulgarischen Folklore trifft man den Weltenbaum auch in verschieden rituellen Gegenständen an. Nehmen wir z.B. die Hochzeitsfahne oder das Hochzeitsholz, auch Traupaten-Baum genannt. Die Hochzeit gilt ebenso als eine Art Wende im Leben.
In vielen bulgarischen Legenden, die über Gestalten des Alten und Neuen Testaments berichten, begegnet man dem Weltenbaum. In seinem Schatten werden wichtig Beschlüsse gefasst oder die Gottesmutter sitzt mit dem Jesuskind im Schoß unter seinen kräftigen Zweigen, die urplötzlich gewachsen sind. Maria mit dem Kind ist an die Stelle der einstigen Weltenmutter getreten, die den künftigen Gott aller Götter gezeugt hat und an ihrer Brust stillt.

Der Weltenbaum fand ebenso Eingang im bulgarischen Kunsthandwerk – als Motiv auf Schmuckstücken und Tongefäßen, in Holzschnitzereien und Stickereien. Häufig sagt man, dass diese Abbildungen so meisterhaft gefertigt seien, als ob sie nicht von Menschenhand stammen. Diese „Unberührtheit“ ist typisch für den Lebensbaum, wie auch für den ewigen Kampf zwischen der Ordnung und dem Chaos.

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Empfehlen

Schließen

 

recipient1@mail.com;recipient2@mail.com

 

sender@mail.com

Mehr von der Kategorie Volkskunst

Alles von der Kategorie Volkskunst