Heute sieht man Wassermühlen fast nur noch in ethnografischen Museen, früher hatten sie aber eine wichtige Bedeutung im Alltag der Menschen. Mehr noch – in unserer heutigen technologisierten Welt blicken wir immer öfter zurück in die Zeit und kehren zum alten Handwerk zurück. Das in einer Wassermühle gemahlene Mehl hat in der Tat eine ganz andere und mit Sicherheit bessere Qualität. Das Brot hat zudem eine fast schon mystische Bedeutung in der bulgarischen Folklore. Oft spricht man vom "heiligen Brot". Es verging früher kein Festtag im bulgarischen Kirchenkalender, ohne dass die Hausfrauen spezielle, rituelle Brote gebacken haben.
Der Müller war früher eine der wichtigsten Bezugspersonen im Dorf. Denn der Müller machte das Brot, diese beinah heilig gesprochene Tätigkeit. Die Volkslieder, die in allen Teilen Bulgariens über den Müller erzählen, sind meistens lustig und neckisch. Sehr oft erzählen sie die gleiche Geschichte von einem jungen und bildhübschen Mädchen, das in die Mühle kommt, um Mehl für die Brote zuhause mahlen zu lassen. Der Müller verliebt sich jedoch in das Mädchen und verlangt einen Kuss, bevor er seine Arbeit verrichtet. Außerdem galt der Müller als besonders redselig. Deshalb werden bis heute noch schwatzhafte Menschen mit der Wassermühle verglichen, die nie aufhört, sich zu drehen.
Die doppeldeutigen Texte der bulgarischen Volkslieder über die Wassermühlen und die Müller von eins haben aber mit den Legenden über die Mühlen wenig gemein. Angeblich wurde der Platz für den Bau einer Mühle sorgfältig ausgesucht. In Bulgarien gab es besonders viele Wassermühlen. Also mussten sie am Fluss gebaut werden. Jeder, der schon mal ein Haus gebaut hat, weiß aber, dass die Nähe eines Flusses beim Bau nur Probleme mit sich bringt. Deshalb erzählen viele Volkslieder über die böse Überraschung am Morgen, wenn der Fluss in der Nacht das Fundament überflutet hat. Früher glaubten die Bauarbeiter, dass man den Schatten einer lebendigen Person in das Fundament einmauern muss, damit es hält. Dieses Aberglaube ging sogar weiter – nach ihrem Tod bliebe die Seele dieser Person stets in der Nähe der Wassermühle, komme immer nachts und fange an zu singen. Deshalb hieß es früher, dass man in der Nähe einer Wassermühle nachts nicht spazieren sollte.
Die mystische Bedeutung der Wassermühle in der bulgarischen Folklore ist hauptsächlich auf das Wasser als die treibende Kraft zurückzuführen. Das Wasser symbolisiert die Reinheit und die Menschen glaubten früher, dass es die magische Kraft besäße, Magien zu zerstören. Nachts würden die Wasserfeen in der Nähe der Wassermühlen baden gehen, begleitet von Bösewichten und Gespenstern. Früher glaubten die Menschen, dass das Wasser in der Wassermühle nicht nur schwarze Magie zerstört, sondern auch Todeskrankheiten auskurieren kann. Besonders wertvoll seien dabei Wassermühlen, wo sich der Wasserkreislauf entgegen des Uhrzeigersinns dreht.
In manchen Volksliedern wird die gleiche magische Geschichte erzählt. Wenn Mann oder Frau unsterblich, aber unglücklich verliebt war, sollte sie oder er etwas Wasser aus einer Wassermühle schöpfen und bei erster Gelegenheit den Auserkorenen oder die Auserkorene mit diesem Wasser beträufeln. Dann werde er oder sie sich auch unsterblich verlieben. Es soll auch vorgekommen sein, dass das Wasser der Wassermühle gegen Kinderlosigkeit geholfen habe. Man musste nur sein weißes Leinenhemd in diesem Wasser waschen. Ob man diesen Geschichten glaubt oder nicht, sei dahin gestellt. Wir finden jedoch, dass es schon interessant ist, sich diese alten Geschichten näher anzuschauen. So erfährt man einiges mehr darüber, wie unsere Vorfahren gelebt und was sie geglaubt haben.
Übersetzung: Vessela Vladkova