Die Frage, wofür der Bulgare sein Geld ausgibt, ist einfach zu beantworten, zumal die Einkommen in Bulgarien europaweit die niedrigsten sind. Laut Quartalsbericht der Europäischen Kommission zur Beschäftigung und sozialen Lage in den EU-Staaten müssen über die Hälfte der Bulgaren auf so einiges verzichten - dreimal mehr als der EU-Durchschnitt. Entbehrungen bedeuten dem Bericht zufolge, dass sich die Bürger mindestens drei von neun grundlegenden Waren und Dienstleistungen nicht leisten können, was für 56 Prozent der Bulgaren zutrifft.
Nach Angaben der freien Gewerkschaften vom Dachverband KNSB sind 79 Prozent der Bulgaren nicht in der Lage zu sparen, woran sich ihrer Meinung nach auch in der nahen Zukunft nichts ändern wird. Über 90 Prozent der Probanden der Gewerkschaftsstudie sind der Ansicht, dass die Regierung umgehend in neue Arbeitsplätze investieren müsse, um die Wirtschaft anzukurbeln und so die Einkommen zu erhöhen. Lediglich drei Prozent der Befragten gaben an, dass die Bedienung der Staatsschulden von vorrangiger Bedeutung sei. Laut Statistik belief sich das Durchschnittseinkommen im ersten Jahresquartal auf umgerechnet 375 Euro. Die höchsten Gehälter werden in den Bereichen Finanzen und Versicherungen, Energetik, Fernmeldewesen, Informatik und Medienprodukte gezahlt.
Diejenigen Bulgaren, die Geld zur Seite legen können, gehen in Krisenzeiten sehr besonnen vor. Sie legen ihr Geld auf der Bank an. Ende Juni erreichten die Spareinlagen die Rekordsumme von über 17 Milliarden Euro. Finanzeinlagen geben Sicherheit, zumal die nach wie vor günstigen Zinssätze zum Sparen verleiten. Allein 2011, so die Fachleute, hätten sich die Spareinlagen der Bulgaren um umgerechnet 600 Millionen Euro aus Zinsen erhöht. Allerdings macht sich bereits der Trend fallender Zinssätze für Spareinlagen bemerkbar, was in gewissem Sinne, wenn auch nur allmählich, zu Veränderungen führen wird.
Die bulgarische Folklore ist reich an Sprichwörtern zur magischen Kraft des Geldes, das Sicherheit gibt und Probleme fern hält. Neben der Lebensweisheit, dass man unbedingt einen Notgroschen für schlechte Zeiten zurücklegen sollte, haben die Erfahrungen der Bulgaren über die Jahrhunderte weitere Sprichwörter hervorgebracht wie "Geld und Geld gesellt sich gern", "Ein jeder weiß um die Macht des Geldes, jedoch nicht jeder um dessen Preis" oder "Geld bewirkt sowohl Gutes als auch Schlechtes."
Eine relativ hohe Summe wendet der Bulgare für Wohnungskredite auf. Allerdings neigt man in Krisenzeiten dazu, die Aufnahme weiterer Darlehen zu vermeiden., da man sich seines Arbeitsplatzes nicht sicher ist. Dafür aber ist der Bulgare um eine pünktliche Ratentilgung bemüht, um überflüssige Zinsen zu vermeiden. Die eigenen vier Wände sind für den Bulgaren Tradition, zumal die Banken mit niedrigen Zinsen für Immobiliendarlehen und anderen sommerlichen Sonderangeboten werben. Die Altersgruppe bis 30 bevorzugt vor allem Immobiliendarlehen mit Festzinsen für einen bestimmten Teil der Laufzeit. Diese ermöglichen ihnen, bereits zu Beginn ihrer Karriere trotz noch relativ niedriger Gehälter mit der Abzahlung der eigenen vier Wände zu beginnen. Nach Angaben von "Kreditzentrum" wurden nach einer gewissen Flaute zu Krisenbeginn im Juni Hypothekendarlehen von durchschnittlich 33.000 Euro aufgenommen, wobei dieser Wert im Vergleich zum Vormonat leicht zugelegt hat. Kreditzentrum-Geschäftsführer Tihomir Toschew zufolge werden die fallenden Zinsen für Hypothekendarlehen sowie das vereinfachte Vergabeverfahren die einheimische Kreditsparte beleben.
Für zwei Dinge jedoch nimmt der Bulgare ohne mit der Wimper zu zucken Kredite auf - für die Bildung seiner Kinder und die Gesundheit seiner Familie. Investitionen in Bildung und Gesundheit sind die rentabelste Anlage des Lebens. "Belesene Menschen haben vier Augen", heißt es in einem bulgarischen Sprichwort. Und eine weitere Lebensweisheit besagt: "Ein gesunder Mensch kommt stets ans Ziel."
Übersetzung: Christine Christov