Sie werden sicherlich staunen, zu erfahren, dass die Treibstoffe die Liste der Exportgüter Bulgariens anführen. 2010 exportierte Bulgarien für rund zwei Milliarden Euro, im Jahr darauf stieg die Summe um eine halbe Milliarde Euro an. Obwohl es in Bulgarien keine Erdöl-Vorkommen gibt, führt das Land in die größten erdölfördernde Länder, wie Saudi Arabien, die Vereinten arabischen Emirate, Oman, Irak und sogar in die USA aus. Diese Angaben bestätigt die Welthandelsorganisation WTO. Näheres erfahren wir von Wesselin Iliew von der Bulgarischen Wirtschaftskammer.
"Bulgarien exportiert Treibstoffe sowohl für einige große europäische Tankstellenbetreiber, als auch in viele erdölfördernde Länder, die jedoch keine Raffinerien für die Verarbeitung des Rohöls haben", erläutert Wesselin Iliew. "Hinzu kommen speziell verarbeitete Produkte, die nicht jedes Erdölland vor Ort verarbeitet, wie z.B. Flugturbinentreibstoff. Das liegt daran, dass nicht alle Raffinerien auch Kerosin herstellen. Bulgarien stellt ihn her und exportiert große Mengen in Länder, die große Erdöl-Vorkommen haben."
Das kleine Bulgarien ist der weltweit größte Exporteur von Sonnenblumenkerne und hält 13% des Weltmarktes. Exportschlager sind auch das Rapsöl, das insbesondere bei der Herstellung von Treibstoffen benutzt wird. Zu den weiteren wichtigen Exportgütern zählen Koriandersamen und konservierte Kirschen. Immer besser läuft auch der Export der heimischen Pharmaindustrie. Hinter den Treibstoffen reiht sich jedoch das Kupfer an zweiter Stelle in der bulgarischen Exportliste ein. Allein im vergangenen Jahr führte Bulgarien Kupfer im Wert von 750 Millionen Euro aus. "Hauptabnehmer ist China", behauptet Wesselin Iliew von der bulgarischen Wirtschaftskammer.
"Neben Kupfer exportiert Bulgarien verstärkt auch Produkte der industriellen Automatik", sagt Wesselin Iliew. "Wir haben auch versucht, bulgarischen Wein auf den chinesischen Markt zu bringen, aber dieser Versuch ist misslungen. Ich habe mit meinen eigenen Augen schon bulgarische Kleider in Shanghai gesehen, genäht für eine große internationale Marke. Bulgarien exportiert auch Maschinen und ich muss betonen, dass der Maschinenbau sich in der Wirtschaftskrise ganz gut schlägt. Wir verzeichnen ein Wachstum von 5-6 Prozent, was sich durchaus sehen lassen kann", sagt Wesselin Iliew.
Bulgariens Ausfuhr in die EU-Länder macht rund 60% des Gesamtexports aus. Dieses Volumen ist nach Meinung der Experten nicht zu überbieten. Wenn Bulgariens Exporte weiter steigen sollen, dann müssen die heimischen Unternehmen neue Absatzmärkte, außerhalb Europas, suchen.
"Das größte Problem der bulgarischen Industrie allgemein ist, dass sie in erster Linie Produkte des Bergbaus exportiert, die einen niedrigen Mehrwert haben", bemängelt Wesselin Iliew von der Wirtschaftskammer. "Unter den zehn Exportschlagern Bulgariens gibt es nur eine einzige Industrie, die Fertigprodukte ausführt - die Pharmaindustrie. Der Rest sind Ausgangsstoffe - Samen, Treibstoffe, Kupfer, Obst usw. Uns fehlt die Technologiekette und das wird von der Politik nicht anerkannt. Bulgarien exportiert Sonnenblumenkerne und importiert Öl, wir exportieren Kupfer und importieren Kabel, wir exportieren Gänseleber als Ausgangsstoff und importieren sie verpackt als Lebensmittel", zählt Iliew auf.
Die früher traditionellen Absatzmärkte Bulgariens, wie die arabischen Länder, Zentralasien und die ehemaligen Sowjetrepubliken, sind fast verlorene Märkte für die bulgarischen Produkte. Daran hat natürlich auch Bulgarien Schuld. "Wir haben uns zu sehr auf Europa fixiert und die alten Handelspartner vernachlässigt", kreist Iliew ein. Welche Absatzmärkte sollte Bulgarien anpeilen?
"Es ist nicht zu erwarten, dass Bulgarien ein großes Exportland für ein bestimmtes Produkt oder in ein bestimmtes Land wird", sagt Wesselin Iliew von der Wirtschaftskammer. "Mit Sicherheit ist aber China ein großer Zukunftsmarkt. Für das kleine Bulgarien reicht es aus, nur ein Dutzend Produkte dorthin zu exportieren. Bulgarien unterschätzt aber auch sein Nachbarland, die Türkei. Und wir sollten uns wieder den arabischen Ländern und den GUS-Staaten zuwenden", meint Wesselin Iliew.
Übersetzung: Vessela Vladkova
Fotocollage: Wergil Mitew