Auch die bulgarische Wirtschaft bekommt zunehmend die Negativfolgen der zweiten globalen Rezessionswelle zu spüren. Die Stagnation zwingt klein- und mittelständige Unternehmen zum Abbau von Arbeitsplätzen. Laut Angaben der Beschäftigungsagentur waren Ende November 2011 rund 327.000 Menschen im aktiven Arbeitsalter ohne Job. Laut Statistik liegt die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter bei 3,282 Millionen. D.h. die Arbeitslosenquote liegt im Rahmen von zehn Prozent. Mit Prognosen über den Trend am diesjährigen Arbeitsmarkt sind die Experten vorsichtig. Zumal sich die Arbeitsmöglichkeiten für Bulgaren in anderen EU-Ländern erweitern und die im Lande nötigen Fachkräfte aufgrund besserer Bezahlung und Arbeitsbedingungen ins Ausland abwandern.
Walja und Iwan gehören zur Altersgruppe der Mitte-Dreißiger, die beschlossen haben, sich im Ausland zu verdingen. Walja ist Chemikerin und seit einem Jahr arbeitslos. Auch der Computerfachmann Iwan orientiert sich aufgrund besserer Bezahlung in Richtung Ausland. Aus dem ein oder anderen Grund entscheiden sie sich für Israel. Eigentlich wollten sie nach Spanien, allerdings ist dort der Arbeitsmarkt krisenbedingt begrenzt. Die meisten Bulgaren arbeiten namentlich in Spanien. Laut Eurostat waren es im Vorjahr 167.000. 2011 ist deren Zahl offenbar krisenbedingt geschrumpft. Trotzdem arbeiten EU-weit die meisten Bulgaren in Spanien, gefolgt von Deutschland und Italien.
Italien hat seit Neujahr die Arbeitsmarktbeschränkungen für bulgarische Arbeitnehmer aufgehoben, was sicher zu einer steigenden Zahl bulgarischer Arbeitnehmer auf den Apeninnen führen wird.
Im Falle von Walja und Iwan gehen diese Bulgarien als Fachleute verloren. Eine pessimistische Note verzeichnen auch die Prognosen der Arbeitgeber, die für das erste Jahresquartal von weiterem Personalabbau ausgehen. Aufgrund der Auftragslage und rückläufiger Investitionen hat die Hälfte der Unternehmen die Gehälter eingefroren. Das geht aus einer Umfrage der Bulgarischen Wirtschaftskammer hervor. Rund 20 Prozent der Unternehmer stellen Lohnkürzungen in Aussicht. Laut Wladimir Kaltschew, der beim Arbeits- und Sozialministerium der Abteilung für Arbeitnehmerfreizügigkeit, Migration und Integration vorsteht, könne man für den bulgarischen Arbeitsmarkt 2012 nur schwer Prognosen treffen, da die Lage in Europa sehr dynamisch sei.
"Die Wirtschaftslage ist unsicher, was mit vielen Risikofaktoren verbunden ist. Wirtschaftswachstum erfordert Investitionen. Diese sind gegenwärtig nicht nur in Bulgarien rückläufig. Die Investoren halten ihr Kapital zurück und warten auf bessere Zeiten. Das spiegelt sich auch in den Rücklagen der privaten Haushalte wider. Diese verzeichnen laut Informationen aus Bankkreisen steigende Tendenz. D.h. der Konsum liegt brach. Viele Unternehmen in Bulgarien haben ihre Kapazitäten gedrosselt, da sie mit der Realisierung ihrer Produktion Probleme haben. Die Folge ist Personalabbau. Lediglich einige große Infrastrukturprojekte und die damit verbundene Schaffung von Arbeitsplätzen sowie die effizientere Nutzung von europäischen Fördermitteln verheißen eine gewisse Belebung am Arbeitsmarkt, da es sich dabei um sichere Investitionen handelt."
Laut Studie der Bulgarischen Wirtschaftskammer über die Geschäftsaussichten für 2012 planen lediglich acht Prozent der Unternehmen Personalzuwachs. Gleichzeitig verweist die Arbeitgeberorganisation auf fehlende Informationen über den Bedarf und die Lage am bulgarischen Arbeitsmarkt. Eine Studie von Manpower Bulgaria aus dem Vorjahr belegt, dass elf Prozent der bulgarischen Arbeitgeber bei Fachkräftemängel auf ausländische Spezialisten zurückgreifen. Jeder zehnte Arbeitgeber findet seine notwenigen Ingenieure im Ausland, vor allem in Großbritannien und Deutschland. Andererseits sind zwei Drittel der befragten Personalmanager über das Abwandern von Fachkräften besorgt. Der Fall der Chemikerin Walja und des Computerspezialisten Iwan ist nur einer von vielen.
Übrigens wird im Bericht der EU-Kommission vom 11. November 2011 die positive Rolle von Arbeitskräften aus Bulgarien und Rumänien für die Wirtschaften der Empfängerländer betont. Laut Bericht hätten diese die freien Stellen in Wirtschaftssparten mit Fachkräftemangel besetzt, wie etwa im Bauwesen, im Hotel- und Gastronomiegewerbe, im Dienstleistungssektor sowie partiell in den Bereichen Haushilfe und Altenpflege. Hier geht es natürlich nicht um hochqualifizierte Fachkräfte, die das Land für immer verlassen.
Um den Auswandererstrom zu begrenzen, fordert die Wirtschaftskammer, von Hochschulabsolventen, die unmittelbar nach ihrem Studium ins Ausland gehen, die Erstattung der vom Staat getätigten Studienkosten. Dabei visiert die Kammer vor allem staatlich geförderten Studienplätze an. Zudem verweist die Arbeitgeberorganisation auf die Notwendigkeit alljährlicher Analysen über die Lage am Arbeitskräftemarkt als auch des Schulterschlusses von Hochschuleinrichtungen und Wirtschaft.
Übersetzung: Christine Christov