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Kulturspiegel: Bulgarische Filmpremieren

Mitte Oktober fand in der nationalen Filmothek in Sofia die Premiere des Dokumentarfilmes „Immigranten“ statt. Regisseur und Produzent ist Andrej Altuparmakow. Der Film erzählt über das Leben von einigen bulgarischen Aussiedlern in Spanien in den schwierigen Jahren nach der Wende.

„Ich kannte zwei der Protagonisten – Mitko und Jowka – noch aus der Zeit vor ihrer Ausreise“, erzählt der Regisseur. „Ich werde unser Abschied vor acht Jahren nicht vergessen. Damals war Jowka im siebten Monat schwanger, im Bus fuhren meistens junge Menschen Anfang 20. Alle hatten viel Gepäck dabei, was bedeutete, dass sie nicht nur Spanien besuchen wollten, sondern dort bleiben werden. Dies war eine sehr schwere Zeit für unser Land, da viele Menschen nach Spanien, in den USA und sogar nach Australien ausgewandert sind“.

Die ersten Monaten im neuen Land wurden für die junge Familie nicht einfach. Ein Jahr später aber haben sie sich in Valencia niedergelassen und der Regisseur Andrej Altuparmakow hat beschlossen, dass ihre Geschichte sich gut zum Film eignet. In Valencia lernt er andere Bulgaren mit nicht weniger interessanten Lebenserfahrungen. Dann fängt er an, auch über sie zu erzählen. So entstehen seine spanische Erzählungen. „Es stellte sich nämlich heraus, dass alle Bulgaren dort eine spanische Familie neben sich haben, die sie unterstützt. Das hat ihnen bei der Anpassung an das neue Leben dort sehr geholfen“, erzählt der Regisseur. „Uns hat dabei interessiert, in wie fern der Bulgare im Ausland ein seelisches Gleichgewicht erreichen kann. Denn das ist nicht einfach. Wie eine der Frauen im Film sagte: „Ich kann meinen Freundinnen alles erzählen, aber wir haben keine gemeinsame Erinnerungen“, so Altuparmakow weiter.

Seiner Meinung nach wird diese Wunde auch ewig offen bleiben. Auch die junge Generation der Immigrantenkinder, die in Spanien geboren wurden, ist für ihn interessant. Er hat die Ankunft der beiden Kinder von Mitko und Jowka in Bulgarien gefilmt. Damals sprachen sie noch kein Bulgarisch, aber einen Monat später haben sie nur diese Sprache gesprochen. „Ich weiß nicht, wie sich diese Generation entwickeln wird, ob sie Bulgarien verbunden bleiben oder das Gastland als ihre Heimat akzeptieren werden. Das wird die Zukunft zeigen“, denkt der Regisseur.

Während sie den Film drehten, was hat sie am meisten beeindruckt? Sind diese Menschen entwurzelt worden, haben sie ihre Identität verloren, fragten wir Andrej Altuparmakow.

„Sie alle haben ihre Wurzel noch“, erzählt er. „Sie sprechen sehr bewegt über Bulgarien. Sie kommen auch so oft wie möglich in den Ferien hier her. Vielleicht diese Landeszugehörigkeit hat sie näher an einander gebracht. Sie leben in einer Gemeinschaft, feiern Weihnachten und andere Feste zusammen. Im Sommer organisieren sie Picknicks“.

Am meisten beeindruckt hat den Regisseur die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Spanier. „Sie haben einen schweren Weg hinter sich – nach dem Bürgerkrieg und nach dem Zweiten Weltkrieg war das Land auch wirtschaftlich am Ende. Viele Spanier gingen dann nach Frankreich, Deutschland und nach Italien. Sie kehrten dann aber nach ein Paar Jahren in ihre Heimat zurück und ließen sich dort nieder. Vielleicht sehen sie in den jungen Bulgaren ihr Schicksal von damals und wollen ihnen auch deswegen helfen“.

Altuparmakow ist sehr von der Selbstlosigkeit der Spanier angetan. Die Einstellung, dass man keine Gegenleistung für seine Taten erwartet, ist tief in ihrer Mentalität verwurzelt. „Deswegen helfen sie auch unseren Landsläuten gern. Und man kann auch sagen, dass sie sich im Ausland auch vor allem deswegen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft fühlen“.

Man kann von Gemeinsamkeiten sprechen, aber die Spanier sind doch zurückgekehrt, sie waren im Ausland nur für eine bestimmte Zeit, die Bulgaren dagegen wollen sich auf Dauer dort niederlassen.

„Ja, weil die Spanier wussten, dass die Krise vorbei sein wird und sie nach Hause kehren werden“, erklärt der Regisseur. „Wobei die Bulgaren von vorne an im Ausland bleiben wollen und nur im hohen alter an einer eventuellen Rückkehr in die Heimat denken. Denn in Bulgarien hat sich kaum was verändert, sagen sie. Die Bürokratie ist die selbe geblieben, auch die Korruption ist wie früher“.

Hatten sie ihnen bestimmten Grund, die Prämiere Ihres Films am 12. Oktober zu veranstalten, fragten wir Andrej Altuparmakow.

„Ja, das war kein Zufall“, sagt der Regisseur. „Wir haben das Datum absichtlich gewählt, weil die nationale Filmothek eine sehr gute Tradition hat, die Nationalfeiertage der EU-Länder mit einem guten Film aus dem jeweiligen Staat zu vermerken. Deswegen haben wir unsere Dokumentation als Vorfilm vor der Hauptvorführung angeboten“.

Vor dem Publikum ihn Sofia sagte Andrej Altuparmakow folgendes: „So wie Kolumbus vor 500 Jahren nach einen neuen Weg nach Indien gesucht haben und die Neue Welt entdeckten, sollen auch unsere Landsleute eine neue Welt für sich finden, in der sie sich wohl fühlen. Sie sollten aber dann doch eines Tages nach Bulgarien zurückkehren“.

Für die sehr emotionale Wirkung des Filmes „Immigranten“ hat auch die Musik beigetragen. Zu Beginn wollte man nur spanische Musik benutzen, aber dann haben sich die Autoren für eines der schönsten bulgarischen Volkslieder „Hubava si moja goro“ entschieden, die in der Begleitung einer spanischen Gitarre im Film erklingt.

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Auch das zweite Kulturereignis der Woche ist mit einer Dokumentation verbunden. Dieses Jahr werden es 50 Jahre seit der Gründung des Kinderchors des Bulgarischen Nationalen Rundfunks. Fast über 2 000 Konzerte in 32 Ländern auf vier Kontinenten. Am 5. November im großen Saal der Nationalen Musikschule wurde der Dokumentarfilm "Die Nachtigals des Bulgarischen Rundfunks" uraufgeführt. Dozent Hristo Nedjalkow, Gründer und Dirigent des Chors meint dazu folgendes:


"Der Film umfasst die ganzen 50 Jahre seit der Gründung des Chors", erzählt er. "Man kann in einer Stunde nicht so viele Ereignisse umfassen. Aber ich denke, dass die Filmemacher ihre Aufgabe hervorragend gelöst haben. Anelia Doschewa, Tatjana Kolarowa und Todor Mazarow haben mit viel Liebe gearbeitet und konnten das Wichtigste – die Zuneigung der Kinder zu der Musik. Sie singen mit Begeisterung und Freude und das kann man im Film sehen. Man hat auch mit vielen ehemaligen Choristen gesprochen, die die guten Zeiten aus ihrer Kindheit nicht vergessen haben".

In den 50 Jahren seiner Existenz hat der Chor in Japan, in den USA, in ganz Europa und in Asien gesungen. Welche waren die glücklichsten Momente ihrer Karriere, fragten wir Dozent Nedjalkow.

"Die schönsten Momente sind eben dann, wenn das Konzert gelungen ist", sagte er. "Wenn die Kinder konzentriert sind und ich das höre, was mir meine innere Stimme zugeflüstert hat. Ich bin sehr anspruchsvoll und bin selten mit unserer Leistung zufrieden. Vielleicht bin ich auch zu kritisch. Aber ich will eben, dass alles perfekt klingt. Ich bin ehrlich gesagt auch die guten Kritiken in der Presse schon gewohnt. Der größte Lohn für mich ist, wenn wir unterwegs sind, dass die Leute zu mir sagen, dass die Kinder wohlerzogen sind und sie eine wahre Freude am Konzert hatten".

Hat Dozent Nedjalkow schon alles erreicht, wollten wir von ihm wissen.

"Ich habe noch einen Traum und er wird bald in Erfüllung gehen, hoffentlich", sagte er. "Am 22. März nächsten Jahres feiern wir unser Jubiläum. Das ganze Jahr 2010 wird zum Jubiläumsjahr erklärt. Wir werden ein Konzert mit ehemaligen Christen organisieren, das ich gern dirigieren werde. Wir sind bei vielen Festivals eingeladen. Ich hoffe, dass ich es auch in Zukunft schaffen werde, den Chor zu führen. Denn unsere Lieder sind seit über 50 Jahren sehr beliebt und bleiben auch so", sagte Dozent Nedjalkow abschließend. 

Übersetzung: Milkana Dehler

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