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Waffenrecht in Bulgarien: Liberal oder restriktiv?

Foto: Weneta Nikolowa
Laut inoffiziellen Angaben sind rund 350.000 Bulgaren im legalen Besitz einer Waffe. Die Dunkelziffer ist jedoch weit höher, behaupten Experten. Sie vermuten, dass mindestens 80.000 Waffen im illegalen Besitz sind. Ist das Waffenrecht in Bulgarien liberal oder restriktiv?

Jeder volljährige bulgarische Staatsbürger ist berechtigt, eine Schusswaffe zu besitzen, vorausgesetzt, er ist nicht vorbestraft und ist nicht geistig krank. Um als Privatperson Schusswaffen legal besitzen zu dürfen, sind, je nach Art der jeweiligen Schusswaffen, bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. Nachdem im bulgarischen Innenministerium eine Reihe von Dokumenten vorgelegt worden sind, wird dort beurteilt, ob man sich eine Waffe anlegen darf oder nicht. Eine weitere Bedingung für den legalen Waffenbesitz ist eine Waffenrechtschulung und eine anschließend erfolgreich abgelegte Prüfung. Die Schulung besteht aus Theorie und Praxis in einer bestimmten Unterrichtszahl, und die Prüfungskommission des Innenministeriums entscheidet anschließend in jedem konkreten Fall. Oft wird ein beratendes Gespräch mit einem Psychologen empfohlen. Erst danach wird die Erlaubnis erteilt, sich eine Schusswaffe zu kaufen. Sie soll dann beim Innenministerium registriert werden, die einer ballistischen Expertise unterliegt. Dadurch wird sichergestellt, dass bei Verbrechen schnell festgestellt wird, ob eine legal erworbene Waffe eingesetzt wurde, oder nicht. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass bei den meisten Kriminaltaten Schusswaffen benutzt werden, die entweder illegal ins Land geschmuggelt oder gestohlen worden sind. Die illegale Waffenherstellung oder der absichtliche Waffenumbau in kleinen Werkstätten in allen Teilen des Landes entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem gewinnbringenden Geschäft.

„Unser Geschäft ist völlig legal und eindeutig geregelt“, behauptet seinerseits Miroslaw Piralkow, der in einem Waffenladen in der Sofioter Innenstadt arbeitet. Ihm zufolge ist das Waffengesetz in Bulgarien gut. Miroslaw Piralkow ist schon lange Waffenverkäufer und kann sich noch genau erinnern, wie wild der Markt in Bulgarien unmittelbar nach der Wende war. „Damals besuchte man die Waffenläden wie Museen und konnte nicht daran glauben, dass man ganz legal an eine Makarov beispielsweise kommen kann“, sagt Miroslaw Piralkow. Und heute?

„Heute kommen selbst Rentner und ganz junge Burschen in den Laden, für sie ist es besonders interessant“, sagt Miroslaw Piralkow. „Sie schauen sich die Actionfilme im Fernsehen an und dann wollen sie die Waffe mit ihren eigenen Augen sehen, die der Held im Film in der Hand hielt. Unter den Rentnern gibt es viele, die nebenbei als Wachpersonal arbeiten. Und sie kaufen sich Gas- und Schreckschusspistolen. Manche Ehemänner kaufen Elektroschockgeräte, Sprays oder Imitationswaffen für ihre Frauen. Eine ganz große Kundengruppe sind natürlich die Jäger. Etwa 150.000 sind die in Jagdvereinen eingetragenen Jäger. Die Jagdgewehre gehören zu den erlaubnispflichtigen Waffen. Recht gut laufen alle Kleinwaffen und die Luftgewehre“, berichtet der Waffenverkäufer.

Ganz allgemein gesagt sind die Bulgaren nicht gerade waffenbegeistert. Jede Waffe gilt für die meisten als eine Gefahr, zeigen die Ergebnisse einer soziologischen Erhebung. Die Großzahl der Befragten würden niemals eine Waffe zu Hause halten, weil sie meinen, dass es viel zu gefährlich ist, insbesondere für die Kinder. Andere gaben aber an, dass sie sich keine Waffe zulegen, weil das Waffenrecht zu kompliziert sei und es zu lange dauert, bis man eine Erlaubnis bekommt. Außerdem sind die Waffen in Bulgarien teuer. Und daher ist Bulgarien eines der Länder in Europa, wo die Waffen im Privatbesitz auffallend wenig sind. Mehr noch – das heimische Waffengesetz ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr restriktiv. Verboten sind alle möglichen Schalldämpfer, Maschinengewehre u.ä. Und dennoch beklagen sich die Waffenhändler nicht. Warum kauft man sich überhaupt eine Schusswaffe, fragten wir Miroslaw Piralkow.

„Meistens aus Spaß“, behauptet der Verkäufer. „Es gibt natürlich auch Sammler, aber meistens sagen mir die Kunden, dass sie sich sicherer fühlen, wenn sie zu Hause eine Waffe haben. Andere wiederum haben Wochenendhäuser in entlegenen Dörfern, wo sie immer wieder beraubt werden. Dann haben sie lieber ein Luftgewehr bei Seite. Und die Schießsportler nicht zu vergessen, für die das Schießen einfach ein Hobby ist“, sagt Miroslaw Piralkow.

Übersetzung: Vessela Vladkova

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