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Auf den Spuren von Schipka und Buzludscha

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Foto: Weneta Nikolowa

Es gibt einen Ort im Stara-Planina-Gebirge, der jedem Bulgaren heilig ist - der vom Freiheitsdenkmal gekrönte Schipka-Gipfel. Das Denkmal, das zu den berühmtesten Schlacht-Monumenten Bulgariens zählt, wurde zu Ehren der russischen Soldaten und bulgarischen Freischärler errichtet, die im Russisch-Türkischen Krieg von 1887-88 ihr Leben ließen, der Bulgarien die Befreiung vom fünfhundertjährigen osmanischen Joch brachte. Hier, inmitten der rauen Hänge des Balkangebirges, wurden vor über 130 Jahren um den Preis vieler Menschenleben kriegsentscheidende Schlachten geschlagen.

In der Schlacht um den Schipka-Pass kommen über 11.000 russische Soldaten und bulgarische Freischärler ums Leben. Gleich nach Kriegsende wird ein Sonderausschuss der russischen Armee eingesetzt, der dafür sorgen soll, dass ihre Heldentaten für die Nachwelt erhalten bleiben. Und so entstanden am Schipka-Pass mithilfe der bulgarischen Öffentlichkeit kurz darauf 26 Denkmäler, Skulpturen und Nachstellungen russischer Kampfstellungen, Batterien und Bunker. Heute gehören diese historischen Denkmäler zum s.g. Nationalen Park-Museum Schipka-Buzludscha. Das eigentliche Freiheitsdenkmal wurde 1934 aus Schenkungen des bulgarischen Volks errichtet. Scheinbar aus dem felsigen Busen des Gebirges erwachsen, verkörpert es das unvergängliche menschliche Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit.


Das 31,5 m hohe Steinmonument gleicht einer mittelalterlichen Festung. Die Nordseite ziert ein riesiger Bronzelöwe mit der Aufschrift "Den Kämpfern für die Freiheit". Das Erdgeschoss des Denkmals dient als Beinhaus. Hier steht ein Marmorsarg mit den Gebeinen von 317 russischen Soldaten, die am Schipka-Gipfel ums Leben kamen. In den restlichen Stockwerken sind persönliche Gebrauchsgegenstände der Kämpfer, Bilder, Waffen, russische Uniformen, Orden und Medaillen zu sehen. Im siebten Stock wartet eine Panoramaplattform, die mit einer verblüffenden Aussicht auf das Rosental und die restlichen Himmelsstürmer des Balkans beeindruckt. Mehr über dieses Heiligtum, das jeder Bulgare mindestens einmal in seinem Leben besucht hat, erfahren wir von Maja Milanowa, die seit vielen Jahren im Nationalen Park-Museum Schipka-Buzludscha arbeitet.

"Schipka ist ein Freilichtmuseum, ein Museum auf dem Schlachtfeld, das mit einigen der heldenhaftesten Momente der bulgarischen Geschichte verbunden ist. Es erstreckt sich auf dem Originalschauplatz der Kämpfe. Das Monument umfasst das gesamte Gebiet dieser historischen Stätten, verbunden mit der Verteidigung des Schipka-Passes während des Russisch-Türkischen Krieges. Während der August-Feierlichkeiten veranstalten wir Nachstellungen der Ereignisse um die entscheidenden Kämpfe, die traditionell am Samstag zwischen dem 21. und 26. August stattfinden. Diese Nachstellungen werden immer zahlenstärker und spektakulärer und ziehen immer mehr Zuschauer an. Alljährlich zählen wir rund 100.000 Besucher. Neben Bulgaren kommen verständlicherweise auch viele Russen zu uns, aber auch Hunderte Besucher aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Griechenland und Israel."


Wenn man einmal den Schipka-Gipfel erklommen hat, will man natürlich auch wissen, was das am Fuße des Berges verborgene Etwas ist, das einem Zauberschloss aus dem Walt-Disney-Trickfilm Aladin gleicht. Dabei handelt es sich um die Christi-Geburt-Gedenkkirche, deren vergoldete Kuppeln geheimnisvoll im Grün funkeln. Erbaut wurde sie 1902 aus Schenkungen des russischen Volks zu Ehren der Gefallenen im Russisch-Türkischen Krieg. An den Wänden wurden in goldener Schrift die Namen der für die Freiheit Bulgariens gefallenen bulgarischen Freischärler verewigt. Die Krypta der Kirche ist ein Beinhaus für die in den Schlachten gefallenen russischen Soldaten.


Zum Nationalen Park-Museum gehört auch der gegenüberliegende Buzludscha-Gipfel. Jeder, der ihn erstmals zu Gesicht bekommt, staunt vor Verwunderung. Denn - auf dem felsigen Himmelsstürmer erhebt sich inmitten von weißen, flauschigen Wolken eine "fliegende Untertasse". Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine Begegnung mit Außerirdischen sondern um einen geschichtlichen Aufprall. Unser größtes Denkmal aus der Zeit des Sozialismus wurde in den 1980ern an dem Ort eingeweiht, an dem 1891 die Bulgarische Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet wurde. Ihr Nachfolger ist die Bulgarische Kommunistische Partei, die unser Land 45 Jahre lang regierte und sich nun BSP - Bulgarische Sozialistische Partei - nennt. Heute ist das genannte Werk des sozialistischen Realismus jedoch dem Zerfall preisgegeben. Ausgeplündert und vollends in Graffiti und аntikommunistische Botschaften getaucht, ist das Buzludscha-Denkmal das Symbol einer vergangenen Epoche in unserer neueren Geschichte, die von der bulgarischen Gesellschaft bis heute nicht endgültig verarbeitet wurde. Die unter dem Druck der Gebirgswinde zerfallende "Untertasse" hoch oben auf dem Gipfel ist ein Magnet für Fotografen und Liebhaber des im Ausland populären "Dark Tourismus" mit Vorliebe für die dunkle Seite der Gesellschaft. Diese Menschen zwängen sich ungehemmt durch entblößte Verstrebungen und Betonspalten, um surrealistische Bilder aus dem Inneren des "Raumschiffes" aufzusaugen, dessen Wände vergilbte Darstellungen von kommunistischen Symbolen und von der Geschichte verworfener Größen zieren.

Übersetzung: Christine Christov

Fotos: Weneta Nikolowa

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