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1994: Der Sommer, in dem "Gott ein Bulgare war"

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Foto: Archiv



Sommer 1994 – in den USA beginnt die Fußball-WM. Bulgarien ist zum sechsten Mal in seiner Fußballgeschichte in einer WM-Endrunde. Neun Monate früher, am 17. November 1993, im Stadion "Parc des Princes" in Paris sollte die Entscheidung fallen, ob Frankreich oder Bulgarien sich für die WM '94 qualifizieren wird. Bei einem Spielstand von 1:1 (bei dem Frankreich die Qualifikation gewonnen hätte) gelang Emil Kostadinow buchstäblich in allerletzter Minute ein fantastischer Kick ins Tor von Bernard Lama, das den schon so ziemlich siegessicheren Franzosen kräftig die Laune vermieste. In diesem Augenblick ertönte vom Kommentator des Bulgarischen nationalen Fernsehens der denkwürdige Ausruf "Gott ist ein Bulgare".

Was dann weiter passierte, war eine Geschichte wie ein Märchen. Gott schien für eine Weile wirklich seine ihm vom Kommentator verliehene bulgarische Staatsbürgerschaft behalten zu haben, denn der bulgarischen Nationalelf, die nach dem damaligen Nationaltrainer Dimitar Penew auch - "Penews Schar" genannt wurde, gelang in den USA der größte Erfolg in der bulgarischen Fußballgeschichte – sie kam bis ins Halbfinale der WM. Der Sieg über Griechenland mit 4: 0 in der Gruppenphase war der erste dieser Art für unsere Mannschaft bei einer WM-Endrunde. In ihrer Gruppe blieben sie auf Rang 2 punktgleich mit dem ersten – Nigeria (wegen der schlechteren Tordifferenz und weil sie beim Spiel mit der afrikanischen Mannschaft eine Niederlage einstecken mussten) und ebenfalls punktgleich mit dem Dritten – Argentinien (gleiche Tordifferenz aber mit einem Sieg über die Lateinamerikaner, die übrigens von keinem geringeren als Diego Maradona angeführt wurden). Im Achtelfinale gelang es unserer Nationalmannschaft, Mexiko mit 4:2 im Elfmeterschießen (nach 1:1 in der regulären Spielzeit und den Verlängerungen) aus der WM zu werfen. Und dann sah sich Bulgarien im Viertelfinale Weltmeister Deutschland gegenüber.

СнимкаNach einem 0:0 in der ersten Halbzeit gingen die Deutschen mit einem Elfmeter-Tor von Lothar Matthäus in Führung. Das entmutigte die Bulgaren aber ganz und gar nicht – ganz im Gegenteil, denn in nur drei Minuten wendeten sie das Blatt. In der 75. Minute verwandelte Hristo Stoichkov einen direkten Freistoß zum Ausgleich und in der 78. besiegelte ausgerechnet der beim "Hamburger SV" spielende Yordan Lechkov den bulgarischen Sieg. Deutschland und die Fußballwelt waren schockiert. Zum ersten Mal seit 1978 erreichte Deutschland nicht das Finale bei einer Weltmeisterschaft. Die Bilder mit dem nach dem Schlusspfiff fassungslos auf dem Rasen sitzenden Jürgen Klinsmann, dem die Tränen über das Gesicht rollten, machten die Runde.

Im Halbfinale gegen Italien zeigten sich die Bulgaren in der ersten Spielhälfte etwas lustlos und undynamisch, so dass Italien ohne große Anstrengung mit 2:0 durch Tore von Roberto Baggio in Führung ging. Hristo Stoichkov gelang es, den Vorsprung durch einen Schuss vom Elfmeterpunkt vor der Pause etwas zu verkürzen. In der zweiten Halbzeit trat unsere Nationalelf viel stärker motiviert an, doch den Italienern blockierten erfolgreich die Angriffe. In der 70. Minute berührte dann Alessandro Costacurta im Strafraum von Italien den Ball mit der Hand, doch der Schiedsrichter – der Franzose Kinyu – übersah dies großzügig und gab keinen Elfmeter. So endete das Spiel schließlich mit einer Niederlage für Bulgarien mit 1:2. Bulgarien verfehlte dann völlig demotiviert auch den Sieg im Spiel um Platz 3 gegen Schweden, unterlag mit 0:4 und blieb auf dem vierten Platz in der Gesamtwertung.

20 Jahre später sprach es der Torschützenkönig der WM '94 Hristo Stoichkov öffentlich aus. Er beschuldigte die FIFA offen, verhindert zu haben, dass Bulgarien ins Finale der Weltmeisterschaft in den USA 1994 kommt. Die Aktionen des berüchtigten Schiedsrichters Joel Kinyu, der Bulgarien völlig tendenziös im Halbfinale gegen Italien ein Bein stellte, seien direkt aus der Zentrale der FIFA bestellt worden, so Stoichkov. Genauer gesagt – vom damaligen FIFA-Präsidenten João Havelange, dem ehemaligen Chef des brasilianischen Fußballs Ricardo Teixeira und von Sepp Blatter. Das sind die Leute, die verhinderten, dass wir im Finale gegen Brasilien spielen und nicht das italienische Team, sagte Stoichkov in einem Interview im brasilianischen Fernsehsender "Globo". Er hatte eine – besonders angesichts der jüngsten Korruptionsskandale an der FIFA-Spitze – ganz logische und einleuchtende Erklärung für die Handlungen der internationalen Fußballzentrale. Nämlich, dass ein Finale zwischen Brasilien und Bulgarien kein solches Zuschauer-Interesse geweckt hätte wie das Finale zwischen Brasilien und Italien – was sich auf die Einschaltquoten und die Werbeeinnahmen ausgewirkt hätte.

Wie auch immer, es war der Sommer, den man den "Amerikanischen Sommer" nannte – den Sommer des bulgarischen Triumphs, der ein ganzes Volk auf die Straßen brachte – diesmal um zu feiern und nicht zu protestieren – und es auch vereinte – zumindest solange die Euphorie anhielt.

Hier ein Teil der Ansprache des damaligen bulgarischen Präsidenten Schelju Schelew beim feierlichen Empfang der bulgarischen Fußballer im Nationalstadion "Wassil Lewski" in Sofia aus dem Tonarchiv des Bulgarischen Nationalen Rundfunks:

"Willkommen in den Armen von ganz Bulgarien, liebe Spieler. Das bulgarische Volk, unsere Landsleute im Ausland, unsere Nachbarn danken euch für alles, was ihr in den vergangenen 30 Tagen vollbracht habt. Ihr habt für Bulgarien mehr getan als alle Diplomaten und Politiker in diesem Jahrhundert", sagte Staatspräsident Schelju Schelew.

Die Popularität der Fußballer und besonders von Hristo Stoichkov war so groß, das es sogar eine Initiative gab, in als Präsidentschaftskandidat aufzustellen. Und wenn es 1994 Präsidentschaftswahlen gegeben hätte... wer weiß – er hätte sie vielleicht sogar wirklich gewonnen. Yordan Lechkov hat es jedenfalls nach dem Ende seiner Fußball-Karriere zum Bürgermeister seiner Heimatstadt Sliwen geschafft.

Begrüßt wurde "Penews Schar" auch vom damaligen Bürgermeister von Sofia Alexander Jantschulew:

"Ich danke Euch für die große Freude, die ihr uns gebracht habt, indem ihr Bulgarien zur vierten Kraft im Weltfußball erhoben habt. In weniger als einen Monat habt ihr uns das Selbstwertgefühl und den Stolz zurückgebracht, Bulgaren zu sein", so der Oberbürgermeister von Sofia. Mit einstimmigen Beschluss des Gemeinderates wurde die gesamte "Penews Schar" zu Ehrenbürgern der Hauptstadt ernannt.

Alles in allem, FIFA hin oder her – die Fußball-WM 1994 war zweifellos ein Gipfelpunkt in der bulgarischen Fußball-Geschichte. Er ist damit zu erklären, dass gute bulgarische Spieler nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" und der Öffnung Bulgariens für den internationalen Transfermarkt Gelegenheit erhielten, in großen europäischen Mannschaften Erfahrung zu sammeln. Dass der Mittelfeldspieler Yordan Lechkov damals beim HSV kickte, haben wir schon erwähnt. Krassimir Balakov war ein Star von Sporting Lissabon und wechselte später zum VfB Stuttgart, wo er nach dem Ende seiner Spieler-Laufbahn auch Co-Trainer war. Der Stürmer am rechten Flügel Emil Kostadinov, der mit seinem fabelhaften Tor gegen Frankreich auf dem Stadion "Parc des Princes" das alles überhaupt möglich machte, spielte damals bei Porto (nach der WM wechselte er zu Bayern München). Der eiserne Verteidiger Trifon Ivanov, an dem so mancher Sturm auf das bulgarische Tor scheiterte, hatte drei Jahre Erfahrung in der spanischen Primera Division beim FC Betis Sevilla gesammelt (nach der WM ging er zu Rapid Wien über).

Nicht zu vergessen – der Stürmer am linken Flügel, der wegen seiner Blitzaktionen den Spitznamen "der Dolch" trug, der Star der bulgarischen Nationalelf Hristo Stoichkov, Torschützenkönig der WM '94 und Europäischer Fußballer des Jahres im gleichen Jahr. Er war damals mit dem FC Barcelona vierfacher spanischer Landesmeister in Folge – jetzt ist er übrigens nach einer mehr oder weniger erfolgreichen Karriere als Trainer bulgarischer Ehrenkonsul in Barcelona.

Ebenfalls nicht zu vergessen und keinesfalls zu unterschätzen ist die Rolle des Trainers Dimitar Penew, der es geschafft hat, so verschiedene, in ganz unterschiedlichen Mannschaften spielende Fußballer zu einer richtigen und erfolgreichen Mannschaft zusammenzuschweißen.

Zu Ehren von "Penews Schar" wurden binnen weniger Monate Lieder geschrieben, die allesamt zu Hits wurden. Eines von ihnen ist das Lied von Georgi Mintschew, eine Hommage an das Fußball-Wunder von 1994, das Jahr, in dem "Gott ein Bulgare" war.

Deutsche Fassung: Petar Georgiew

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