Wirtschaft in Bulgarien leidet an Investitionsdefizit, schneidet aber besser ab als der EU-Durchschnitt

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Bulgariens Wirtschaftsperspektiven standen im Fokus der Analyse von Prof. Daniela Bobewa und des Vorstandsvorsitzenden der Bulgarischen Industrie- und Handelskammer Zwetan Simeonow. Ihre Thesen über die Lage in unserem Land, die sie in BNR-Interviews teilten, driften allerdings auseinander.

Wir haben die Chancen in den günstigen Zeiten nach der Krise nicht genutzt, um die wichtigsten Strukturreformen umzusetzen und für den neuen Zyklus besser gerüstet zu sein“, behauptet Prof. Daniela Bobewa. Die Investitionen in der bulgarischen Wirtschaft reichen nicht aus und ohne Investitionen kann die Wirtschaft nicht wachsen und aufholen, so die Wirtschaftswissenschaftlerin. Ein weiteres Problem Bulgariens ist das negative Migrationssaldo, d.h. die Zahl der Menschen, die das Land verlassen, ist größer als die jener, die wieder nach Bulgarien zurückkehren. Am größten ist die negative Migrationsbilanz nach Worten von Prof. Bobewa in der Altersgruppe 20-29 Jahre. In die Heimat kehren meistens Bulgaren im Alter zwischen 60 bis 69 Jahren zurück. „Wir erleiden Verluste infolge der Freizügigkeit der Menschen, was Wirtschaft und humane Ressourcen angehet. Wir haben es mit einem vollkommen anderen Migrationsmodell zu tun, bei dem der Großteil der aktiven und qualifizierten Arbeitskräfte in verschiedenen EU-Ländern arbeitet. Wenn diese Leute nach Bulgarien zurückkehren, dann ist das nur auf Zeit.“

Insgesamt rechnen die Experten von der Europäischen Kommission, dem Internationalen Währungsfonds, der Bulgarischen Nationalbank und dem bulgarischen Wirtschaftsministerium mit einem sich weiter verlangsamenden Wachstumstempo. Positive Effekte auf die bulgarische Wirtschaft könnten Fiskalstimuli von Seiten Deutschlands haben, die die Konjunktur in Europa und in den Ländern aus der Eurozone ankurbeln könnten. Was die Befürchtungen über eine mögliche Rezession angeht, könnten solche Behauptungen die Regierenden in Bulgarien zu bestimmten Entscheidungen führen, die vermeiden sollen, dass unser Land auf das Level während der Finanzkrise vor zehn Jahren zurückfällt, meinte Prof. Daniela Bobewa.

Die Wirtschaftskennziffern Bulgariens fallen merklich besser aus als der EU-Durchschnitt. Das darf uns jedoch keinesfalls beruhigen, mahnt der Vorsitzende der Bulgarischen Industrie- und Handelskammer Zwetan Simeonow. Während des Treffens der Europäischen Industrie- und Handelskammern, das vor wenigen Tagen stattgefunden hat, wurden wichtige Entscheidungen zur Überwindung der Stagnation in Europa getroffen. Für Bulgarien ist das besonders wichtig, damit sein Wachstumstempo nicht erlahmt. Zwetan Simeonow ist der Ansicht, dass die europäische Wirtschaft unbedingt neue Märkte zu erschließen sollte, weil der internationale Handel durch die sich abzeichnenden Handelskriege behindert werden kann. In diesem Sinne sind die abgeschlossenen Vereinbarungen zwischen der EU, Japan und Korea eine gute Möglichkeit, die auch Bulgarien nutzen sollte. Während des Treffens der Europäischen Industrie- und Handelskammern wurde deutlich, dass man den Akzent auf die Ausbildung der jungen Menschen im Einklang mit den Bedürfnissen der Unternehmen in ganz Europa setzen sollte und die Mobilität von Jugendlichen aus Drittländern im Rahmen der 43 Mitgliedsländer der Vereinigung der Europäischen Industrie- und Handelskammern steigern sollte. Das ist eine weitere Chance, die Bulgarien nicht verpassen sollte, meinte Zwetan Simeonow mit Blick auf den Arbeitskräftemangel in unserem Land. Allerdings sollten wir sehr vorsichtig dabei sein und die Folgen für die bulgarische Wirtschaft berücksichtigen.

Ungelöste strategische Aufgaben stehen dem Heranziehen neuer großer Investitionen im Wege, ist Zwetan Simeonow überzeugt. „Wir sind Zeuge davon, dass Bemühungen in Richtung Korruptionsbekämpfung unternommen werden, doch wir alle wissen, dass die Arbeit des Justizsystems in unserem Land zu wünschen übriglässt. Ohne diese beiden Dinge wird es aber schwierig werden, neue Investoren heranzuziehen“, sagte Simeonow. 95 Prozent der Investoren, die sich bereits in Bulgarien niedergelassen haben, versuchen ihr Business auszubauen, ergänzte der Experte. „Das stimmt uns zuversichtlich, denn selbst falls es uns nicht gelingen sollte, das jetzige Wirtschaftswachstum von 3 Prozent beizubehalten, wird es zumindest nicht zu einer Stagnation unserer Wirtschaft kommen, wie das momentan in mehreren großen EU-Ländern der Fall ist“, sagte abschließend der Vorsitzende der Bulgarischen Industrie- und Handelskammer Zwetan Simeonow.

Zusammengestellt von: Joan Kolev

Übersetzung: Rossiza Radulowa

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