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Politologe Nedeltscho Michajlow: Unsicherheit der Bulgaren erklärt Wahlergebnisse

Nedeltscho Michajlow
Foto: Privatarchiv

„Es waren präzedenzlose dritte Parlamentswahlen, die zusammen mit den Präsidentschaftswahlen in einer beispiellosen Situation einer globalen Pandemie mit all den daraus resultierenden Krisen durchgeführt wurden, die das Gefühl der Unsicherheit der Bulgaren und damit die Ergebnisse der Abstimmung beeinflussten“, sagte der junge Politologe Nedeltscho Michajlow. Er lebt in Den Haag, Niederlande, hat dort Politikwissenschaften studiert und macht derzeit seinen Magister in Krisenmanagement und Cybersicherheit an einer der Fakultäten der ältesten Universität des Landes in Leiden.

Universität Leiden

Der 22-jährige Politikwissenschaftler kommentierte die Überraschungen bei den Wahlen wie folgt:

„Die Bulgaren verspürten Sehnsucht nach der Zeit vor der Pandemie. Ein Teil der Wähler will das Sicherheitsgefühl von vor Corona zurückgewinnen. Das erklärt den Fortbestand des harten Kerns der sogenannten Parteien des Status quo, wie GERB und der „Bewegung für Rechte und Freiheiten“. Auch wenn die Wähler nicht ganz mit den Parteiführern zufrieden sind, erhofft sie sich dennoch von ihnen, dass sie ihnen die Sicherheit wiederherstellen.“

Das Ergebnis der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen sei laut Nedeltscho Michajlow sehr wichtig. Bei der Stichwahl werden sich der amtierende Staatspräsident Rumen Radew und der von der GERB unterstützte Kandidat Anastas Gerdschikow gegenüberstehen. Sollte Gerdschikow den zweiten Wahlgang verlieren, ist in den nächsten Jahren mit dem Abstieg der GERB-Partei und ihres Vorsitzenden Bojko Borissow zu rechnen, prognostiziert der junge Politologe.

Der überraschende Durchbruch der Formation „Wir setzen die Veränderung fort“, die in den Wahlen als Sieger hervorgegangen ist, sei vor allem ihrer positiven Kampagne zu verdanken. Aber nicht nur!

„Ihre Führungspolitiker haben es geschafft, in anderthalb Monaten eine Partei zu gründen und zu organisieren, diese auf die Spitzenposition zu katapultieren und das Monopol der „Bulgarischen Sozialistischen Partei“ (BSP) im linken politischen Spektrum zu brechen“, fügt Nedeltscho Michajlow hinzu. „Obwohl sie in ihrer Kampagne auf Ideen setzten, die große Ähnlichkeit mit denen der BSP haben, und ständig erklärten, dass sie „rechte Werkzeuge für linke Zwecke“ verwenden würden, sind ihre Ziele praktisch linksgerichtet. Deshalb ordne ich sie in das linke politische Spektrum ein, auch wenn einige Soziologen sie als Zentristen bezeichnen“, sagte unser Landsmann aus den Niederlanden. Er fügte hinzu, dass dieser Bruch des linken Monopols der BSP auch durch internationale Trends im Zusammenhang mit dem Aufkommen des sogenannten „linken Winds“ in Ländern wie Deutschland, Spanien, Portugal sowie außerhalb Europas erklärt werden könnte.

Und dennoch! Wenn auch schwach, sei in der Ferne Licht im Tunnel zu sehen! Nedeltscho Michajlow erwartet, dass die Kontroversen zwischen den sogenannten „Parteien des Wandels“ nicht eine Regierungsbildung, oder zumindest den Versuch dazu, behindern werden:

„Der Wunsch nach Lösung einiger wichtiger Aufgaben, wie etwa die Bewältigung von Krisen und die Beseitigung der Korruption in den höheren Machtetagen, wird zur Bildung einer Regierungskoalition führen. Darüber haben vorrangig etliche Parteien gesprochen. Es geht um wichtige Dinge, wie die Durchführung von Reformen im Justizwesen, die Verabschiedung des Haushalts für 2022 und die Vorbereitung des Staates auf das Abrufen von Mitteln aus dem Grünen Deal. Betrachtet man sich jedoch die vorläufigen Wahlergebnisse werden diese Parias des Wandels ohne die Beteiligung der BSP nicht regieren können. Es wird gravierende Differenzen zwischen ihnen geben, die verhindern werden, dass eine mögliche Koalition bis Mandatsende bestehen bleibt.“

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: Privatarchiv

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