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Diana Zankowa
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Donnerstag 5 Februar 2026 16:03
Donnerstag, 5 Februar 2026, 16:03
FOTO Standbild aus dem Dokumentarfilm „Das Dorf Karakurt (Schowtnewoje) in Bessarabien (Ukraine)“ / YouTube
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Im Schatten eines stattlichen Baumes, irgendwo in den Steppen Bessarabiens, sitzen einige Dorfbewohner beisammen und unterhalten sich lebhaft. Im Hof erklingt eine Sprache, warm und weich wie ein Hauch aus vergangenen Zeiten – aus einer Epoche, als Siedler aus bulgarischen Landen Sprache, Traditionen und Erinnerungen mitbrachten und ein kulturelles Erbe hinterließen. Wir befinden uns in Karakurt, dem früheren Schowtnewoje, in der ukrainischen Oblast Odessa.
„Mein Heimatdorf ist einzigartig, weil hier Menschen verschiedener Nationalitäten zusammenleben – Albaner, Bulgaren und Gagausen. Sie ließen sich 1811 hier nieder. Anfangs wohnten die Gagausen in der Sarjetschnaja-Straße, in der zweiten Straße die Bulgaren, und in den oberen Straßen siedelten sich die Albaner an. Zunächst heirateten sie nicht untereinander, doch mit den Jahren entstanden gemischte Ehen …“ Mit diesen Worten führt Anna Schetschewa-Subrizka in die Atmosphäre eines Ortes ein, in dem die Häuser gepflegt wirken, die Straßen sauber sind und jedes Pflänzchen – wie auch die Menschen – unversehrt unter der Sonne steht.
In ihrem Dokumentarfilm, der im Saal „Wintergarten“ des Nationalen Ethnografischen Museums in Sofia gezeigt wurde, erzählt die Autorin von der Vielfalt der Nationalitäten, vom friedlichen Zusammenleben der Menschen und von ihrer Fähigkeit, in mehreren Sprachen zu kommunizieren. Sie selbst bewahrt die Erinnerung an eine Vergangenheit, die Teil der kollektiven Geschichte Karakurts ist.
Anna Schetschewa-Subrizka
FOTO Diana Zankowa
„Vor mehr als 200 Jahren verließen zwei Brüder und eine Schwester aus der Familie Schetschew ihr Heimatdorf im Kreis Sliwen (Südostbulgarien – Anm. d. Red.)“, berichtet Anna Schetschewa. „Sie waren jung und unverheiratet – die Jungen 18 und 16 Jahre alt, das Mädchen elf. Ihre Eltern schickten sie in ein fremdes Land, um ihr Leben zu retten und die Familie fortzuführen, wie es Niko Stojanow in seinem legendären Gedicht beschreibt:
‚Er verließ die geliebten Balkane
nicht auf der Suche nach einem leichten Leben,
sondern um Bulgare zu bleiben
und sein Geschlecht zu bewahren.‘
Auch in meiner Familie und in unserem Dorf verließen die Bulgaren ihre Heimat und gingen dorthin, wo es freies Land gab, wo man ihnen erlaubte, ein Zuhause zu schaffen – Häuser zu bauen und ihre Nachkommen großzuziehen.“
Bulgaren, Albaner und Gagausen kamen aus verschiedenen Regionen Bulgariens nach Karakurt – vor allem aus der Dobrudscha sowie aus den Gebieten von Sliwen und Jambol. Damals sprach jedes Volk seine Muttersprache, alle bekannten sich zum orthodoxen Christentum und pflegten ihre eigenen Traditionen und Bräuche. Später, mit den gemischten Ehen, begannen sich Feste, Traditionen und Rituale zu vermischen. Um einander zu verstehen, lernten sie die Sprachen der anderen – und sprechen sie bis heute.
FOTO YouTube
„In meinem Film wollte ich zeigen, wie in einer Familie Bulgaren, Gagausen und Albaner zusammenleben können, wie sie in allen drei Sprachen kommunizieren, alle drei Kulturen respektieren und sich gegenseitig wertschätzen, ohne diese Unterschiede bewusst wahrzunehmen“, sagt Anna Schetschewa weiter. „Wenn man gemeinsam am Tisch sitzt und erzählt, wechselt die Familie ganz selbstverständlich von einer Sprache in die andere. Das Gleiche gilt für die Nachbarn auf der Straße – in den letzten Jahren auch auf Ukrainisch und Russisch. Das ist ein Phänomen.“
Heute leben offiziell rund 2.300 Menschen in Karakurt. Leider ist etwa die Hälfte von ihnen nicht mehr im Dorf – sie sind wegen des Krieges fortgegangen, der ihr Land nun schon im vierten Jahr verwüstet. Viele, vor allem junge Menschen, bauen sich derzeit ein neues Leben in Bulgarien auf. Die Verbliebenen sichern ihren Lebensunterhalt gemeinschaftlich, teilen Land und Schicksal. Sie leben vor allem von Landwirtschaft, Viehzucht und Bauwesen, und an Feiertagen versammeln sich alle um einen gemeinsamen Tisch.
FOTO besarabia.bg
Eines der Symbole Karakurts ist der sogenannte Museumsraum, dessen Exponate in die Vergangenheit zurückführen. „Dieser Raum ist das Herz und die Seele unseres Dorfes“, sagt Anna Scheleschtschewa, Direktorin des Kulturhauses und eine der Protagonistinnen des Films. In der Einrichtung, die sie leitet, kommen die Menschen oft zusammen, um Horo zu tanzen – unabhängig davon, ob sie Bulgaren, Albaner oder Gagausen sind.
„Vor 200 Jahren kamen unsere Vorfahren hierher, in dieses Land, und machten es fruchtbar, schön und lebenswert“, fügt sie hinzu. „Heute gehen unsere Kinder nach Bulgarien, lernen dort, gründen neue bulgarische Familien und bleiben dort.“
FOTO besarabia.bg
Im Dorf ist auch das Bulgarisch-Ukrainische Kultur- und Bildungszentrum „Media“ tätig, gegründet von ethnischen Bulgaren – Nachfahren der einstigen Siedler. Es unterhält ein Netzwerk von Sonntagsschulen mit insgesamt 92 Lehrkräften, die an renommierten Universitäten in Bulgarien, der Ukraine und Moldau ausgebildet wurden.
FOTO Bulgarisch-ukrainisches Kultur- und Bildungszentrum „Media“
Kinder und Jugendliche besuchen zudem Tanz- und Gesangsensembles sowie Ateliers für bildende Kunst. Jährlich nehmen sie an Fortbildungsseminaren in Bulgarien teil und gewinnen Preise bei internationalen Wettbewerben, Olympiaden und Festivals.
Jung und Alt leben hier in Frieden und Eintracht und betonen mit Stolz: Auch wenn sie Nachkommen dreier verschiedener Völker sind, fühlen sie sich vereint und einander im Geist gleichermaßen nah.
Übersetzung und Redaktion: Lyubomir Kolarov