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Bräuche zum Petrus- und zum Paulustag

Die Heiligen Brüder Petrus und Paulus – Fragment einer Wandmalerei im Kloster Ardenitza aus dem Jahr 1744
Foto: pravoslavieto.com
Die bulgarische orthodoxe Kirche ehrt die Heiligen Brüder Petrus und Paulus an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, am 29. und 30. Juni.

Dem bulgarischen Volksglauben nach war der Hl. Petrus einer der fünf mächtigen Brüder, die die Erde und den Himmel bei der Entstehung der Welt unter sich aufgeteilt haben. Auf den Hl. Petrus entfiel die Aufgabe, den Schlüssel zum Paradies aufzubewahren. Verschiedene Märchen, die uns überliefert wurden, erzählen jedoch, dass der Heilige oft auf der Erde, unter den einfachen Menschen zu treffen war. Eines Tages ging er durch ein Dorf und sah zu, wie die Bauern die Getreideernte einsammeln. Er wunderte sich, wie schwer ihre Arbeit war und entschloss sich, ihnen zu helfen. Der Tag des Hl. Petrus, der 29. Juni, fällt mit der Erntezeit zusammen. Deshalb gilt der Heilige auch als Schutzherr der Feldarbeiter. Sie haben früher stets eine große Festtafel zu Ehren des Hl. Petrus angerichtet, meistens sogar auf dem Feld. Somit dankten sie ihm, dass er ihnen bei der schweren Feldarbeit geholfen hat. Unter der Feier durfte jedoch die Arbeit nicht leiden und so nutze man die langen Tagen aus und veranstaltete die Feste am Abend, wenn es auch nicht mehr so heiß war.

Wie an fast allen Festtagen im bulgarischen Folklorekalender, so gibt es auch am Petrustag eine besondere Mahlzeit, die nur für diesen Tag typisch ist. Das ist das so genannte Petrushähnchen. Die Festmahlzeit setzte das Ende der zweiwöchigen Fastenzeit vor dem Petrustag am 29. Juni. Es hieß, das Petrushähnchen sei so wichtig, wie das traditionelle Lammgericht am Georgstag oder der Schweinebraten an Weihnachten. Den Namen des Hl. Petrus tragen aber auch Früchte, die um diese Zeit reif werden. Das sind eine bestimmte Birnen- und eine Apfelsorte, die einfach Petrusbirnen, bzw. Petrusäpfel genannt werden. Sie dürfen auf der Festtafel am 29. Juni ebenfalls nicht fehlen. Wenn die Frauen am frühen Morgen des Petrustages zur Kirche gehen, bringen sie Äpfel und Birnen mit, die als eine Art Opfergabe gelten. Das sind dann auch die ersten Birnen und Äpfel aus der neuen Ernte. Die Hausfrauen buken einen speziellen Kuchen und gaben davon den Verwandten, Freunden und Nachbarn, verbunden mit Wünschen auf viel Gesundheit und eine gute Ernte. Auf der Festtafel am Petrustag durfte natürlich auch der Rotwein nicht fehlen.

Am 30. Juni, am Tag nach dem Petrustag also, ehrten die alten Bauern den Bruder von Petrus, Paulus. Volkslieder und Märchen erzählen jedoch, dass der Hl. Paulus keine großen Feste zu seinen Ehren wollte. Ihm gefiel es nicht, dass die Hausfrauen Ritualbrote backen und große Dorffeste veranstalten. Ihm war es viel wichtiger, dass er von den Menschen einfach geehrt wird. Im Volksglauben der alten Bulgaren wird der Hl. Paulus mit dem Feuer verbunden und ist auch ein Symbol der Sonne. Daher war es früher nicht erlaubt, dass man am Paulustag Feuer macht. Der Paulustag läutete übrigens die so genannten Feuerfeste im Hochsommer ein, die im heißen Monat Juli stattfinden. Unsere Vorfahren glaubten ferner, dass am Petrus- und Paulustag die Sonnenkraft ihren Höhepunkt erreicht. Deshalb sagt man bei uns oft noch: „Je heißer es am Petrustag ist, um so kälter wird es am Nikolaustag sein“.

In einem Volkslied aus der Umgebung von Sliwen, am Fuße des Balkangebirges im südöstlichen Teil des Landes, wird eine interessante Geschichte erzählt. Es handelt sich eigentlich um ein Hajdukenlied. Die Freischärler zogen damals in den ersten Frühlingstagen in die Berge, um dort gegen die türkischen Fremdherrscher zu kämpfen, und kamen erst am Nikolaustag zurück. Es kam aber so, dass es am Petrustag im Balkangebirge geschneit hat. Die Freischärler fanden unter einem Baum Zuflucht und zündeten ein Feuer an, um sich zu wärmen. Der Hl. Paulus wurde aber ärgerlich, dass sie jungen Männer das Verbot, an seinem Tag kein Feuer zu machen, nicht eingehalten haben, und zündete gleich den ganzen Wald an.

Ein anderes Lied aus der Umgebung von Sliwen erzählt aber, dass noch in vorchristlichen Zeiten die Menschen im Wald über Sliwen verschiedene kultische Rituale vollzogen und Feuer machten. Bei diesen Ritualen feierten die jungen Burschen ihre ersten Schritte im Leben als Männer. Mancher dieser uralten Kultstätten sind bis heute noch erhalten geblieben. Auf einer solchen Kultstätte entstand später angeblich ein Kloster, das am Paulustag eingeweiht wurde. Der Heilige Paulus erboste jedoch und brannte das Kloster nieder, erzählt zumindest die Legende.

Am Petrus- und Paulustag vollführte man früher einen besonderen Brauch. Dieser Brauch, den man früher Schmetterling genannt hat, wurde während des Petrusmonats vollführt und hatte kein festes Datum. An diesem Ritual beteiligten sich nur Mädchen, etwa ein Dutzend Mädchen, die nur lange, weiße Leinenhemden trugen. Nur an der Taille hingen grüne Stiele hinunter. Zum Schmetterling wählte man ein kleines Mädchen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Es musste das jüngste Kind in der Familie sein. Das Schmetterlingsmädchen schmückte man ganz in grünen Stielen und Stängeln. Es machte sich so auf den Weg, alle Häuser des Dorfes zu besuchen. Das Schmetterlingsmädchen tanzte während des Liedes und ahmte die Bewegungen eines Schmetterlings nach. Die Hausherrin brachte einen Wasserkrug hinaus. Darin hatte sie zuvor Wasser und ein paar Tropfen Rotwein hineingegossen. Das Wasser goss sie über das Schmetterlingsmädchen, das allen anderen Gesundheit und Wohlergehen spendete. Die Hausherrin schenkte dem Mädchen außerdem Mehl, Schafskäse und Eier und bekam selbst Kleingeld, Schmuck oder Kleider. Als die Mädchen nachhause gingen, rollten sie ein leeres Sieb, um zu deuten, ob die Ernte gut oder schlecht sein wird.

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По публикацията работи: Vessela Vladkova

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