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Priester Dontscho Alexandrow: "Noch immer verirren wir uns auf dem Weg in die Kirche"

Foto: Архив
Der Priester Dontscho Alexandrow wurde 1974 in Warna geboren. Er ist der Gründer des Orthodoxen Theologischen Studentenverbandes, dem er von 1994-1997 vorsteht. 1997 schließt er an der Schumener Universität "Bischof Konstantin von Preslaw" sein Theologiestudium ab und nimmt an der gleichen Bildungseinrichtung eine Homiletik- Promotion auf. Am 14. Oktober 2001 erhält er in der Warnaer Kirche der heiligen Petka seine Priesterweihe. Heute ist er in den Mariä-Himmelfahrts-Kirche tätig und steht der Athanasios-Kirche vor.

"Ich habe nie daran gedacht, Priester zu werden. Das war eine spontane Entscheidung, nachdem ich begonnen hatte, mich mit der Bibel und anderer geistlicher Literatur zu beschäftigen", erzählt Priester Dontscho. "Mit meinem Glauben an Gott reifte auch meine Entscheidung, mich in den Dienst von Gott und der Menschen zu stellen. Ich war mir sicher, dass das meine Berufung ist."

Inwieweit kann ein Priester seine Ziele verwirklichen?

"Viele Dinge, die von außen einfach erscheinen, sieht man als Geistlicher mit anderen Augen. Erst als Kirchendiener erfährt man die Schwierigkeiten, die Hindernisse und die Prüfungen sowohl des geistlichen als auch des weltlichen Lebens. Man lernt, diesen mit Geduld und Frömmigkeit zu begegnen. Selbstverständlich kommt es nie so, wie man sich es vorstellt", meint Priester Dontscho.

In der Athanasios-Kirche gibt es eine Schule für Religionsunterricht. Wie viele Kinder besuchen diese Schule?

"Die Sonntagsschule gibt es bereits seit über zehn Jahren. Die Nachfrage variiert. Derzeit sind ca. 20-30 Kinder eingeschrieben", erzählt Priester Dontscho. "Neben der Sonntagsschule unterhalten wir zudem Kunstschulen, die bei den Kindern sehr beliebt sind. Ich bin jedoch der Ansicht, dass der Religionsunterricht nicht der einzige Weg ist, um die Kinder für die Kirche zu begeistern. Man muss nach jenen Formen suchen, die die Talente der Kinder fördern und sie dabei zu guten Menschen, zu Christen erziehen. Die Kinder erfüllen das, wofür sie in die Kirche kommen, mit großer Liebe und Hingabe."

Die Athanasios-Kirche zählt zu den ältesten Gotteshäusern in unserer Schwarzmeermetropole. Über ihre Geschichte erzählt uns Priester Dontscho folgendes:

"In diesem Jahr begehen wir das 175-jährige Baujubiläum der Kirche, d.h. ihres heutigen Antlitzes. Historischen und archäologischen Angaben zufolge existierte die Kirche bereits im 4. Jahrhundert. Vor dem heutigen Bau gab es bereits vier Vorgängerkirchen, die zerstört und durch neue Gotteshäuser ersetzt wurden. Während der türkischen Fremdherrschaft gab es eine kleine Kirche, die jedoch abbrannte. In der Folgezeit wurde an ihrem Platz die heutige Kirche gebaut. In dieser Kirche dienten griechische Geistliche, später russische und natürlich bulgarische Priester. In den Jahren des Kommunismus wurde die Kirche als Konzertsaal und Museum genutzt. 1991, d.h. nach der demokratischen Wende, wurde die Kirche erneut ihrer wahren Bestimmung übergeben. Heute ist sie neben ihrer Architektur auch mit ihrem geistlichen Leben ein Anziehungspunkt für die Christen der Stadt. Es ist sehr erfreulich, dass sich viele junge Menschen am Kirchenleben beteiligen, an Gottesdiensten und verschiedenen Initiativen teilnehmen, die vom Kirchenvorstand organisiert werden."

Beispielsweise gibt die Kirche die Zeitschrift "Kanzel" heraus, seit dem Vorjahr auch die Kinderzeitschrift "Glockenblume", die unter Kindern und Eltern sehr beliebt und deshalb stets rasch vergriffen ist. Ebenfalls ihr Werk ist die kleine Zeitung "Orthodoxe Stimme" und eine Homepage. Auch wendet sich das Gotteshaus der Wohltätigkeit zu und hilft seit 5-6 Jahren jeden Sonntag 40 sozial benachteiligten Menschen. Zudem wurde mit dem Segen des kürzlich verstorbenen Erzbischofs von Warna und Weliki Preslaw Kiril eine Ausgabe der Heiligen Liturgie mit Texten und Gebeten in zeitgenössischer bulgarischer Sprache erarbeitet, die die Gläubigen während der Gottesdienste lesen können. Dieses Werk bezeichnet Priester Dontscho als sehr interessant und einzigartig. "Vor einigen Jahren haben wir zudem ein Viererevangelium im Taschenformat herausgegeben, das wir kostenlos an die jungen Leute verteilen. Diesem wird in Kürze das Evangelium im Audioformat folgen, das man im Auto oder zu Hause hören kann", erzählt Priester Dontscho weiter.

© Foto: Privat


Inwieweit hat der Bulgare 24 Jahre nach der Wende nunmehr den Weg in die Kirche gefunden?

"Im Großen und Ganzen kann man behaupten, das er keinen Weg in die Kirche gefunden hat", bedauert Priester Dontscho. "Der Bulgare irrt umher und sucht nach verschiedenen Wegen. Leider sucht er häufig den einfacheren Weg. Jeder Mensch hat eine gewisse Neigung für das Geistliche, wie der Theologe Tertullian sagt. `Der Geist ist Christ`, er bedarf des Übernatürlichen, des Mystischen. Leider sucht man nicht den Weg zur Kirche sondern den Weg zur Astrologie, zum Okkultismus, wo Fasten und Bekenntnis Fremdwörter sind, wo man sich nicht bemühen muss, wo man nicht verzeihen oder bereuen braucht. Wo man einfacher irgendwelches Wissen erlangt, das einem irgendwelche Harmonie suggeriert, die zwar geistig keinesfalls aber geistlich ist."

Ist es nicht gerade die Kirche, die mehr aufklärerisch tätig werden muss, um den Bulgaren den Weg in die Kirche zu ebnen?

"Prinzipiell ist das so", stimmt Priester Dontscho zu. "Wir als Kirche stehen in der Schuld des Volkes. In dieser Hinsicht müssen wir bedeutend aktiver werden. Die Gemeindekirchen müssen sich füllen und zu einem Zentrum für Menschen werden, die hier ihre geistliche Nahrung empfangen, aber auch für jene Menschen, die nicht in der Lage sind, für ihr täglich Brot zu sorgen. Dafür müssen jedoch beide Seiten aufeinander zugehen. Einerseits muss der Gläubige seine Ängste und Unsicherheit überwinden und das Gespräch mit uns suchen. Kein Geistlicher wird einen Hilfesuchenden zurückweisen. Leider ist das ein sehr schwieriger Prozess, dessen Probleme auf den Atheismus vor der Wende zurückzuführen ist, was jedoch keine Entschuldigung dafür ist. Wir haben die 20 Jahre der Transformation verloren, in denen es uns nicht gelungen ist, den richtigen Weg für unser Volk zu finden. Meiner Ansicht nach muss der Religionsunterricht in den Lehrplan aufgenommen werden, was aber nicht bedeutet, dass unsere ganze Hoffnung auf dem Staat liegt. Die Kirche muss ihre Mission erfüllen. Wir alle sind um das Volk besorgt. Um etwas bewegen zu können, muss man jedoch im Kindesalter ansetzen. Allerdings verfügt die Kirche nicht über die Basis, um eine Großzahl von Kindern auf den Weg des Guten, des Glaubens und der Frömmigkeit zu begleiten."

Übersetzung: Christine Christov

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