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Schuldeneintreiber rücken vor allem Privatpersonen auf den Pelz

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Bulgarische Inkasso-Unternehmen, also Schuldeneintreiber-Firmen, haben bis jetzt in diesem Jahr Aufträge für Eintreiben von überfälligen Schulden von Privatpersonen für rund 75 Millionen Euro mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres erhalten. Das zeigen die Ergebnisse einer Umfrage des Verbandes der Inkassounternehmen in Bulgarien. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Verschuldung der Bevölkerung wächst, sondern zeigt, dass Gläubiger bei der Forderung der ausstehenden Summen aktiver geworden sind.

Rechtsanwalt Peter Hranow kritisiert, dass Inkassounternehmen dabei die Unwissenheit der Bürger missbrauchen. Mit der Unterzeichnung von Dokumenten dieser Unternehmen erkennen die Bürger ihre Schulden an und die Verjährungsfrist wird unterbrochen. Können die Bürger auf die Korrektheit der Inkassounternehmen vertrauen? Was müssen sie wissen, um nicht aufs Kreuz gelegt und benachteiligt zu werden? In einem Interview für Radio Bulgarien sagte Alexander Grilihes, Mitglied des Vorstands des Verbandes der Inkassounternehmen, Folgendes:

"Es ist immer besser, wenn man Zweifel hat, ob man einen bestimmten Betrag wirklich schuldet oder nicht, Belege dafür verlangt – Verträge, Rechnungen, Tilgungspläne usw. Die Firmen, die Mitglieder des Verbandes der Inkassounternehmen sind, halten einen sehr strengen ethischen Kodex ein, den wir gebilligt haben, und ich kann mit Sicherheit sagen, dass, wenn Sie einen Anruf von einem Mitarbeiter eines solchen Unternehmens erhalten, es keinesfalls um einen Betrag gehen kann, der nicht tatsächlich geschuldet wird. Wir haben von unlauteren Geschäftspraktiken auf dem Markt gehört. Wir kämpfen sehr aktiv mit solchen Praktiken, und ich hoffe, dass sie nach und nach wirklich verschwinden werden", so Alexander Grilihes.

Die Erfolgsrate der Inkassofirmen hängt sehr stark von der Art der Forderungen ab. Bei kurzfristigen Verbindlichkeiten reichen in der Regel Erinnerungsanrufe für die überfälligen Beträge aus und die Erfolgsquote ist sehr hoch – 70-80 Prozent und mehr. Beim Eintreiben von alten Schulden, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, ist es aber oft sehr schwierig, Kontakt mit den verschuldeten Personen aufzunehmen und entsprechend auch eine Einigung zu erzielen. In Abhängigkeit von der Höhe der Summen liegt die Erfolgsquote in solchen Fällen gewöhnlich bei zwei bis fünf Prozent.

Was sind die häufigsten Quellen der Verschuldung der Bulgaren? Und aus welchen Gründen verzögern sie die Zahlungen?

"Der Hauptgrund ist, dass viele Menschen am Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten leben. Sie haben sehr eingeschränkte finanzielle Ressourcen, die sie zwischen allen fälligen Zahlungen aufteilen müssen. Sie versuchen Prioritäten für die Zahlungen zu setzen und der entscheidende Faktor dabei ist meist das Risiko, das sie eingehen, wenn sie die Summe für ein Produkt oder eine Dienstleistung nicht zahlen", erklärt Alexander Grilihes. "Höchste Priorität in diesem Sinne haben in der Regel Zahlungen, die das eigene Heim betreffen, das heißt – Hypothekendarlehen und die dazu fälligen Beiträge. Danach kommen die Dienstleistungen, deren Unterbrechung den Komfort des Menschen stören könnten. So zum Beispiel haben die Stromrechnungen eine sehr hohe Priorität, da die Stromlieferanten gar nicht zimperlich sind und die Dienstleistung sofort unterbrochen werden kann und weil es auch keine Alternative gibt – man kann nicht zu einem anderen Anbieter wechseln und wenn man nicht bezahlt, gibt es auch keinen Strom. Dann beginnt man mit anderen Zahlungen zu "jonglieren", oft beginnt es mit überfälligen Kreditkarten-Beiträgen und mit den Rechnungen für das Handy, weil, wenn der Vertrag gekündigt wird, man zu einem anderen Anbieter gehen kann. Ganz hinten sind die Rechnungen für kommunale Dienstleistungen, die nicht sofort oder gar nicht unterbrochen werden, wenn man nicht zahlt – Warm- und Kaltwasser, und vielleicht bestimmte finanzielle Verpflichtungen."

Wie sieht es mit der Kultur der Schulden-Rückzahlung der Bulgaren im Vergleich zu den anderen Europäern aus – besser oder schlechter?

"Die Hauptunterschiede sind eine Folge davon, was passiert, wenn man nicht zahlt. In fast ganz Europa gibt es einheitliche Kreditregister. Wenn man seine Rechnungen nicht bezahlt, dann erfahren das sofort alle anderen Wirtschaftssubjekte im Land und es wird sehr schwierig, neue Kredite zu erhalten oder einen Vertrag über eine neue Dienstleistung abzuschließen", sagt Alexander Grilihes. "In Bulgarien fehlt ein solches einheitliches Register. Das einzige ist das zentrale Kreditregister der Bulgarischen Nationalbank, wo nur die Verbindlichkeiten gegenüber Finanzinstituten – Banken und anderen Kreditinstituten – erfasst werden. Wenn jemand seine Strom- und Wasserrechnungen nicht zahlt, dann wirkt sich das nicht auf seine Kreditwürdigkeit aus und er wird nicht bestraft. Ich nehme an, dass das der Grund für die höhere Verschuldung in Bulgarien ist. Ohne einen solchen Mechanismus, der eine disziplinierende Wirkung haben wird, wird das weiterhin ein Trend sein, der uns von anderen europäischen Ländern unterscheidet."

Aufgrund eines Rückgangs der Neuverschuldung sagt Alexander Grilihes voraus, dass sich die Schuldensituation bei einem anhaltenden Wachstum der Wirtschaft verbessern müsste. Was die in früheren Jahren angehäuften Schulden betrifft – so können sie oft bei Kompromissbereitschaft des Gläubigers zum großen Teil getilgt werden, meint der Experte.

Übersetzung: Petar Georgiew

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