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Nachkommin bulgarischer Juden zeigt das Archiv von Janusz Korczak

Dr. Anat Livne bei der Vorstellung einer neuen Exposition im Haus der Ghettokämpfer „Beit Lohamei-Ha-Getaot“ im Jahr 2018
Foto: Archiv

Es naht der 27. Januar – der Tag, an dem im Jahr 1945 die wenigen Holocaust-Überlebenden aus dem Konzentrationslager „Auschwitz“ befreit wurden. Jahrzehnte später haben die „Vereinten Nationen“ das Datum zum internationalen Holocaust-Gedenktag ausgerufen, um nicht nur den Opfern Respekt zu zollen, sondern um die Menschen anzuregen, sich Wissen anzueignen, damit ein solcher Völkermord nie wieder vorkommt.

Im Angedenken an die Opfer wurde 1949 in Israel das Haus der Ghettokämpfer „Beit Lohamei-Ha-Getaot“ (Holocaust and Jewish Resistance Heritage Museum and Study Center) eingerichtet.

Das Museum, das nach dem in Auschwitz getöteten jüdischen Dichter Itzhak Katzenelson benannt wurde, befindet sich in Galiläa, im Kibbuz Lohamei-Ha-Getaot, der von ehemaligen Partisanen und Aktivisten des jüdischen Widerstands gegen die Nazis in Polen und Litauen gegründet wurde.

Anat Livne, langjährige Forscherin und Direktorin von „Beit Lohamei-Ha-Getaot“, ist im bulgarischen Kibbuz Beit HaShita am See Genezareth aufgewachsen. Ihr Großvater war Direktor der jüdischen Schule „Tarbut“ in Sofia, wo auch ihre Großmutter bis 1939 unterrichtet hat. Als die Familie nach Israel umgesiedelt ist, hat sie den Kibbuz Lohamei-Ha-Getaot mitgegründet. Dort fanden Kinder und Jugendliche aus Konzentrationslagern und Ghettos aus ganz Europa ein neues Zuhause.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die auch Lehrerin war, hat sich Anat Livne auf die Geschichte konzentriert. Sie wollte eine Antwort auf die Frage, warum polnische Juden wie ihr Vater den Todeslagern nicht entkommen konnten, während die bulgarischen Juden ein besseres Schicksal ereilt hat.

Jedes Jahr um den 27. Januar werden Juden, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben eingeladen, von ihren Leiden und  Demütigungen in den Konzentrationslagern zu erzählen. Aber Anat Livne hat sich dagegen aufgelehnt, weil sie der Ansicht ist, dass so die Gefühle der Menschen missbraucht werden, die sich immer noch „schuldig“ fühlen, weil sie im Unterschied zu ihren Angehörigen überlebt haben. Das hat natürlich nicht zu bedeuten, das Angedenken an die Verstorbenen und die damaligen Ereignisse in Europa zu vergessen. Allerdings könnte das durch Konferenzen und Kunstwerke geschehen anstatt durch ostentative Zeremonien, meint Anat Livne. Und wegen dieser „ketzerischen“ Sichtweise hat man ihren  Arbeitsvertrag im Museum nicht verlängert.

Anat Livne hat jedoch die interessantesten Archivmaterialien im Museum in Erinnerung, die in einem Versteck im Warschauer Ghetto den Zweiten Weltkrieg überdauert haben.


Eines der wertvollsten Exponate im Museum ist eine Aktentasche mit Dokumenten und persönlichen Gegenständen des genialen Pädagogen Janusz Korczak, der die Zöglinge seines jüdischen Waisenhauses freiwillig in das Vernichtungslager „Treblinka“ begleitet und mit ihnen in den dortigen Gaskammern umgekommen ist.

„In seinen Werken betrachtet er das Kind von der Geburt an als einen Menschen, der Rechte hat und von klein auf nach seiner Meinung gefragt werden sollte“, erläutert Anat Livne. „Für Janusz Korczak waren alle Menschen Brüder – unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Weitaus wichtiger für ihn war, wie ein Kind lebt, um glücklich zu sein.“


Der Lehrer hatte zwei Waisenhäuser - eines für jüdische und ein zweites für polnische Waisenkinder. Er hat auch eine eigene Sendung im polnischen Rundfunk moderiert, an der sich Kinder beteiligt haben. Die Leute kannten ihn als großen polnischen Pädagogen, aber nur die wenigsten wussten seinen Geburtsnamen - Henryk Goldszmit.

„Janusz Korczak hat keinen Unterschied zwischen den Kindern aus dem Ghetto und denen in seinen Waisenhäusern gemacht. Oft hat er verwaiste Kinder außerhalb seiner Waisenhäuser mit Essen versorgt, obwohl es schwer erhältlich war“, erzählt Anat Livne. Die deutschen Wächter waren derart von ihm beeindruckt, dass ein Offizier ihm angeboten hat, ihm aus dem Ghetto zu helfen, als die Deportationen in die Vernichtungslager begannen. Janusz Korczak hat es aber vorgezogen, bei den Kindern zu bleiben und ihnen bis zum letzten Atemzug Mut zuzusprechen.“


Kurz vor seiner Abführung ist es Janusz Korczak gelungen, einem Mitglied der Jugendorganisation „Dror“ eine Aktentasche mit unvollendeten wissenschaftlichen Abhandlungen über Pädagogik, mit Dokumenten aus dem Waisenhaus, persönlichen Gegenständen und etwas Geld zuzustecken. Die jungen Männer haben die Aktentasche in ein Versteck gestellt und nach dem Krieg nach Israel gebracht. Diese Aktentasche ist der letzte Nachlass des großen Wissenschaftlers und Pädagogen Janusz Korczak. Das Museum hat es geschafft, diesen verbliebenen Nachlass aufzufinden, der heute das Wertvollste in seiner Exposition ist.


Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: Archiv, gfh.org.il, Privatarchiv

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