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Das Bistritza-Kloster "Heilige orthodoxe Joachim und Anna"

Foto: svetimesta.com
Das Bistritza-Kloster "Heilige orthodoxe Joachim und Anna" liegt 14 km vom Zentrum der bulgarischen Hauptstadt entfernt, in der Gegend Mali Dol, ca. 2 km südöstlich des Stadtteils Bistritza. Erbaut wurde es an der Stelle des Petersklosters aus dem 9.-10. Jahrhundert, welches wiederum auf einer frühbyzantinischen Nekropole entstanden war.

Die Geschichte des Klosters führt uns weit in die Antike zurück. Nach der Befestigung des Bojana-Passes lenkten die Byzantiner ihre Aufmerksamkeit auf den hoch gelegenen Bistritza-Pass. Dort stand einst eine römische Festung, neben der sich der Tempel einer römischen Gottheit erhob. In der heutigen Gegend Kalugerowi Liwadi, zu Deutsch "Mönchswiesen", oberhalb von Bistritza errichteten die Byzantiner zwei weitere Festungen. Auf dem Fundament des römischen Tempels erbauten sie ein christliches Gotteshaus. Es ist nicht ausgeschlossen, dass unter der heutigen Klosterkirche die Grundmauern eines noch älteren Sakralbaus schlummern. 1947 stieß man beim Bau der neuen Klosterkirche auf eine steinerne Grabstätte aus dem 4.-5. Jahrhundert. In dieser förderte man eine kleine Tonlampe, eine Kupfermünze sowie männliche und weibliche Skelette zu Tage. Die Bestattung stammt vermutlich aus der Entstehungszeit des Klosters. Man geht davon aus, dass die Grabstätte später als Krypta diente. Leider wurde sie mehrfach geplündert. Die in der Umgebung freigelegten Ziegel, Dachziegel und Bauspuren lassen vermuten, dass die alte Kirche nebst Grabstätte einst zu einem Dorf gehörten, dass bis in das frühe Mittelalter existierte.


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Nach Ansicht von Priester Dragomir Kotew, dem Autor der heimatkundlichen Bistritza-Studie, sei hier unter Fürst Boris I. im 9. Jahrhundert oder unter Zar Simeon (893-925) ein großes Kloster entstanden, das in der Zeit des Zweiten Bulgarischen Reiches (1185-1396) ausgebaut wurde und zum Klosternetz "Mala Sweta Gora" gehörte. In der Folgezeit wurden Festung und Kloster von den osmanischen Eroberern belagert, anschließend zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Später wurde hier ein Steinkreuz errichtet und der Ort als heilig erklärt. Am Festtag des Klosterpatrons versammelten sich die Leute aus dem Dorf um das heilige Kreuz- Letzteres wurde von Archäologen bei Ausgrabungen im 20. Jahrhundert zutage gefördert. Dort, wo einst das Kreuz stand, befindet sich heute der Kirchenaltar. Das Kreuz selbst erhebt sich vor der Apsis der Kirche auf der Ostseite.

In der Epoche der Bulgarischen Wiedergeburt lebt die Erinnerung an das Kloster im Gedächtnis der lokalen Bevölkerung weiter. Nach der Befreiung Bulgariens von der osmanischen Fremdherrschaft im Jahre 1878 entsteht hier eine Kapelle. Der Bau der heutigen Klosteranlage geht auf eine Vorhersehung der Prophetin Bona Welinowa zurück. Diese hatte 1925 an diesem Ort die Nacht des ersten orthodoxen Sonntags, also des ersten Sonntags nach der Osterfastenzeit, in Buße und Gebet verbracht und beschrieb am anderen Morgen detailliert die von den Türken zerstörte Kirche. In der Folgezeit begann man auf ihre Anweisung an diesem Ort zu graben. Als man dann auf das Fundament der alten Kirche stieß, erklärte Bona, die Kirche müsse erneut aufgebaut- und der heiligen Familie des Joachim und der Anna geweiht werden. Seitdem findet hier alljährlich am Sonntag nach Ostern ein Festgottesdienst statt. Die Kirche selbst wurde von 1936 bis 1950 aus Spendenmitteln sowie in Eigenarbeit der örtlichen Bevölkerung errichtet. Geweiht wurde sie am 6. August 1950. Der Legende nach soll irgendwo in der Umgebung der Schatz der letzten bulgarischen Herrscher vergraben sein, was den Schatzgräbern seit Jahren keine ruhige Minute lässt. Ganz in der Nähe der heiligen Gefilde sprudelt die kleine Klosterquelle, die von den Einheimischen "Popowtscho" genannt wird. Hierher kommen die Gläubigen an christlichen Feiertagen nach dem Gottesdienst, um heilkräftiges Wasser zu trinken, welches Augenleiden lindern soll. Auf dem Klosterhof erheben sich riesige Jahrhunderteichen, deren Standort man starke Energie zuschreibt.


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Seit kurzem kümmert sich Priester Jakob um die Belange des Klosters. Die Klosteranlage umfasst eine Klosterkirche, die Kapelle "Hl. Johan Rilski" und rechterhand ein massives Gebäude mit Küche und Zimmern. Auch beherbergt die Anlage die Ikonenwand aus dem Sofioter Palast, vor welcher Zar Boris III. sein Gebet tätigte, die nach 1944 in das Kloster gebracht wurde.

Seinen Festtag begeht das Kloster am 9. September - dem Ehrentag der heiligen Joachim und Anna. Dann strömen vor allem Menschen aus den umliegenden Dörfern Bistritza, Simeonowo und Dragalewtsi hierher, die heute Stadtteile von Sofia sind. Mehrere Familien laden auf dem Klosterhof zum Opferschmaus. Die meisten sind bereits in ihrer Kindheit mit ihren Eltern hierher gekommen, selbst unter den Kommunisten. Auch das Kloster selbst lädt zum Opferschmaus. Auf den umliegenden Wiesen versammelt man sich zu einem großen Volksfest mit vielen Liedern und Reigen. Mit dem Auto ist das Kloster "Heilige Joachim und Anna" über eine Asphaltstraße zu erreichen, die linkerhand von der Hauptstraße Bistritza-Schelesnitza abzweigt. Zu Fuß gelangt man auf einem Feldweg zu den heiligen Gemäuern, der am Dorffriedhof in südöstlicher Richtung seinen Anfang nimmt.

Übersetzung: Christine Christov

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