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2012: Alexis Weissenberg – Alles ist Klang

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„Er war der schönste Pianist seiner Zeit. Elegant, stolz, als sei er 1929 mit dem Frack zur Welt gekommen. Aber nicht nur deshalb hat insbesondere Herbert von Karajan gern mit Alexis Weissenberg zusammengearbeitet.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich 2012 die Berliner Zeitung „Die Welt“ von dem in Bulgarien geborenen Pianisten.

Mit seinem Tod verlor die Menschheit einen glänzenden Pianisten, der es stets vermochte, bereits mit den ersten Takten das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Seine Interpretationen standen häufig abseits des Traditionellen, verzaubern jedoch auf ihre Weise mit ihrer hypnotisierenden Bildhaftigkeit. Weissenberg hatte eine zurückhaltende Präsenz auf der Bühne, schien aber gleichsam mit der Musik zu einem Ganzen zu verschmelzen. Er meinte, es gäbe nichts talentloseres, als das vorsichtige Spiel, und spielte selbst impulsiv, gleichzeitig aber perfekt und überzeugend. So in etwa kann man seinen Interpretationsstil charakterisieren, der ihm unverwechselbar eigen war und ihn gleich zu Beginn seiner Karriere nach oben katapultierte – Weissenberg wurde zu einem der beliebtesten Solisten und Partner der angesehensten Orchester und Dirigenten in der Welt...

Alexis Weissenberg wurde am 26. Juli 1929 in Sofia geboren. Den ersten Klavierunterricht erhielt er bereits in frühen Jahren von seiner Mutter und beteiligte sich schon bald an den Hauskonzerten der Familie. Der bekannte bulgarische Komponist Pantscho Wladigerow wurde etwas später sein Lehrer, auch für Komposition. In dessen Haus lernte er viele bedeutende Musiker kennen. Mit zehn Jahren gab Weissenberg sein erstes Konzert vor breitem Publikum. Er trug Stücke von Bach, Beethoven, Schumann, seines Lehrers Wladigerow und auch eine eigene Komposition vor.

Sein Lehrer erinnerte sich: Ich habe nicht an Wunderkinder geglaubt, doch als man ihn mir zum ersten Mal vorstellte und er sich ans Klavier setzt, begriff ich, dass er ein ausgesprochen großes Talent besitzt“, sagte in einem Interview Pantscho Wladigerow. „Es beeindruckt mich sein absolutes Gehör. Die Musik einer jeden Stilrichtung nahm er mit ganzer Seele auf. Die Konzerte von Mozart in A-Dur, c-Moll und d-Moll, die Sonaten Beethovens, wie auch Werke von Bach, Chopin und Liszt spielte er wunderbar.

1941 emigrierte die ganze Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft nach dem damaligen Palästina, wo Weissenberg wieder anständigen Klavierunterricht an der Jerusalemer Musikakademie bei Professor Schröder erhielt. Bereits mit 15 machte er seine erste große Konzerttournee, die ihn durch Südafrika führte.

Die Begegnung mit dem Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein bewog Alexis Weissenberg, seine Ausbildung in New York fortzusetzen, wo er von 1946 bis 1949 an der Juilliard School bei Wanda Landowska, Artur Schnabel und Olga Samaroff lernte. Wladimir Horowitz riet ihm, sich am internationalen Leventritt-Wettbewerb zu beteiligen, bei dem er 1947 den ersten Preis gewann. Es folgten weitere Preise, darunter beim „Youth Competition“ in Philadelphia. Auch seine ersten Schallplatten-Aufnahmen sorgten für internationale Aufmerksamkeit.

Nach einer Konzertpause zwischen 1956 und 1966, in der er sein Repertoire erweiterte, gelang ihm ein Comeback. Bemerkenswert war die Zusammenarbeit mit Herbert von Karajan, der ihn 1967 zu einer Aufnahme des berühmten Klavierkonzerts von Tschaikowski einlud. Mit seiner ungewöhnlichen Interpretation machte er auf sich aufmerksam und auch andere angesehene Dirigenten, wie Claudio Abbado und Leonard Bernstein suchten Kontakte.

Vladimir Horowitz, der das Idol von Weissenberg war, sagte einmal: „Wenn mir je einer folgen kann, dann ist es Alexis Weissenberg.“ Auch andere Pianisten, wie Glenn Gould fanden ihn bemerkenswert. „Alexis Weissenberg wurde angefeindet und verehrt, geliebt und gehasst. Kalt ließ der so scheinbar Kühle niemanden“, charakterisierte ihn „Die Welt“. „Meine Seele ist logisch, mein Körper jedoch temperamentvoll“, entgegnete Weissenberg, der auch ein äußerst empfindsamer Mensch war.

Weissenberg hatte seine Heimat nie vergessen – er trug sie stets im Herzen und jeder seiner Besuche in Bulgarien wurde sowohl für ihn, als auch für das Publikum zu einem Erlebnis. Im Jahr 2000 gab er seine Autobiographie heraus und es entstand über ihn ein Dokumentarfilm, betitelt „Ich liebe die Musik“. Im Mai 2007 wurde ihm in Sofia die Ehrendoktorwürde der Pantscho-Wladigerow-Musikhochschule verliehen.

In seinen späteren Lebensjahren musste sich Alexis Weissenberg aus Krankheitsgründen (er litt an Parkinson) von der Konzerttätigkeit zurückziehen, war aber weiterhin als Lehrer tätig. Sein innigster Wunsch war es, nach Bulgarien zurückzukehren und dort bis zu seinem Lebensende zu bleiben. Das Schicksal wollte es aber und er verstarb fern der Heimat, in Lugano in der Schweiz.

Deutsche Fassung: Wladimir Wladimirow

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