Bulgarischer Nationaler Rundfunk © 2021 Alle Rechte vorbehalten

Alte Hochzeitsbräuche werden wieder modern

БНР Новини
Foto: Нели Прахова

Als vor Jahren Newena Schekowa ihre eigne Hochzeit vorbreitete, besann sie sich alter bulgarischer Hochzeitsbräuche. Heute hilft sie jenen Paaren, die ebenfalls den alten Traditionen folgen wollen.

Newena hat mittlerweile ihr eigenes Geschäft aufgebaut. Es floriert – zunehmend mehr Bulgaren wollen wie ihre Ururgroßeltern heiraten. Vielleicht ist das ein Ausdruck der unausgesprochenen Sehnsucht nach einem idyllischen Familienleben, wie wir es von unseren Vorfahren her kennen...


Das Besondere an der traditionellen bulgarischen Hochzeit ist, dass jedes Detail ein ganz bestimmte symbolische Bedeutung besitzt“, erzählt uns Newena Schekowa. „So werden dem Paar ganz bestimmte Segenswünsche auf den Weg gegeben. Früher war man davon überzeugt, dass wenn ein bestimmtes Element der Hochzeit nicht so ausgeführt wird, wie es das Ritual fordert, irgendetwas im Eheleben schief laufen werde. Heutzutage wählt man nur jene Elemente des Rituals aus, mit denen sich das jeweilige Paar identifiziert, d.h. die Gefallen finden. Alles andere folgt von der organisatorischen Seit her den modernen Hochzeiten. Mein Team und ich wirken als Berater und bei Wunsch auch als Organisatoren der ganzen Hochzeit. Zu den häufig gewählten traditionellen Elementen gehören das Rasieren des Bräutigams, das Flechten der Haare der Braut, das Anlegen des Schleiers, das Abholen der Braut und ihr Abschied von den Eltern. Natürlich gibt es gewisse Unterschiede in Abhängigkeit von den ethnographischen Regionen.“


Die Hochzeit soll als aller erstes prächtig und schön sein, sagt die Hochzeitsberaterin. „Die jeweiligen Rituale finden an verschiedenen Orten statt – im Haus des Bräutigams, im Haus der Braut und dem der Paten. Für gewöhnlich werden sie nicht in Sofia durchgeführt, denn es gibt aus ethnographischer Sicht passendere und schönere Orte für traditionelle Hochzeiten in Bulgarien. Die Rituale finden in Architekturreservaten statt, wo es schöne alte Häuser gibt, die eine ausgezeichnete Kulisse bilden. Die gewählten Rituale werden aber genauestens eingehalten. Nehmen wir beispielsweise das Rasieren des Bräutigams. Unter das Kinn wird ein weißes Tuch gelegt, damit auch kein einziges Barthaar auf den Boden fällt. Früher glaubte man, dass man mit solchen Haaren bösen Zauber treiben könne. Bei der Vorbreitung der Braut herrschten ähnliche Vorstellungen. Ihre Haare durften nur von ihren Freundinnen geflochten werden. Während es im Haus des Bräutigams sehr lustig zugeht – es wird viel gesungen und getanzt, herrscht im Haus der Braut eine eher traurige Stimmung – es wird geweint, weil das Mädchen das Haus verlässt und in eine fremdes Haus, das ihres künftigen Mannes zieht. Die Hochzeitsgesellschaft bricht vom Haus des Bräutigams auf. Zuerst werden die Paten abgeholt und dann die Braut selbst. In der Zwischenzeit wird der Braut der Schleier aufgesetzt. Der Tradition nach muss sie zuerst Wiederstand leisten – auch das hat seine ganz bestimmte symbolische Bedeutung. Danach wird die Braut aus dem Haus geführt und es geht entweder zum Standesamt, in die Kirche oder einen anderen Ort, an dem die Trauung selbst stattfindet. Im Anschluss daran geht die ganze Gesellschaft zum Haus des Bräutigams, wo die Zeremonie des Empfangs der jungvermählten Frau stattfindet. Man macht sie mit ihrem neuen Haus vertraut und vor allem mit den wichtigsten Orten der Hausarbeit, wie beispielsweise die Feuerstelle, wo ebenfalls ganz spezielle Zeremonien stattfinden.


Viele der Kunden von Newena Schekowa sind Bulgaren, die im Ausland leben und arbeiten. Sie verspüren eine starke Nostalgie nach ihrer Heimat, die in einer Rückbesinnung auf die alten Traditionen zum Ausdruck kommt. Dabei kann eine traditionelle Hochzeit auch günstiger sein.

Nehmen wir zum Beispiel das Brautkleid“, erzählt die Hochzeitsberaterin. „Ein modernes Kleid für solche Anlässe kostet in Bulgarien umgerechnet mindestens 350 oder 400 Euro und kann sogar in die Tausende gehen. Eine Tracht hingegen, die in Handarbeit bestickt ist, ist bereits für 250 Euro zu haben, was bedeutend billiger ist. Was die Organisation anbelangt, gibt es kaum Unterschiede zu einer modernen Hochzeit – beide erfordern mehrere Monate bis zu einem Jahr Organisationsarbeit.


Je mehr Erfahrungen das Team von Newena Schekowa anhäuft, desto perfekter gelingen auch die kleinsten Details einer traditionellen Hochzeit. Auch die Kompromisse, die beide Seiten machen müssen, werden weniger und das sorgt zusätzlich für Sicherheit. Newena Schekowa organisiert mittlerweile nicht nur Hochzeiten sondern auch andere Ereignisse in Verbindung mit den bulgarischen Traditionen, in die die Teilnehmer eintauchen können.



Übersetzung: Wladimir Wladimirow

Fotos: Neli Prachowa, Georgi Welitschkow, Kalojan Spassow

mehr aus dieser Rubrik…

Die Störche im Dorf Banitschan sind auch im Netz ein Hit

Das Dorf Banitschan im Südwesten Bulgariens ist als das „Dorf der Störche“ bekannt. Seit einigen Jahren kann das Leben in einem der zahlreichen Storchennester rund um die Uhr online beobachtet werden. Die Idee dazu hatte das örtliche..

veröffentlicht am 11.04.21 um 11:05

Gabriela Stojanowa und ihr ethnographisches Museum im Dorf Gorna Glogowiza

Bereits als Schülerin begann Gabriela Stojanowa Antiquitäten zu sammeln. Im Laufe der Zeit hat sie eine solide Sammlung zusammengetragen, die seit 2010 im ehemaligen Gemeindesitz des Dorfes Gorna Glogowiza zu sehen ist. Wir laden sie zu einem..

veröffentlicht am 03.04.21 um 15:05

Lebendige Tradition - Pferderennen zum Todorstag

Der sogenannte Todorstag (Tag des Theodor) wird am ersten Samstag der großen Fastenzeit vor Ostern begangen, oder anderes ausgedrückt: er beendet die erste Fastenwoche der 7 Wochen dauernden Fastenzeit. Diese Woche beginnt nach dem..

veröffentlicht am 20.03.21 um 04:00