Staatsarchiv stellt Radoj Ralin im Spiegel der Zeit vor

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Foto: Prof. Nikolaj Jordanow

Auch heute erscheint er vor unserem geistigen Auge, wenn wir an die ersten Demonstrationen vor der Wende 1989 denken – seine stattliche Figur, das Ziegenbärtchen und der zerzauste Haarschopf. Und wir glauben wieder seine Appelle nach Pluralismus, freien Wahlen und Menschenrechten zu hören.

Radoj Ralin hat nie seinen Rücken vor Autoritäten und Regimes gekrümmt, er verkündete lauthals die Wahrheit und ertrug stoisch die Konsequenzen. Vor dem 10. November 1989 machte er sich in seinen Epigrammen über die kommunistische Führung lustig, weshalb seine Bücher verbrannt wurden. Nach der Wende hat uns Radoj Ralin seine Befürchtungen im Zusammenhang mit unserer nicht mühsam erkämpften Freiheit auch nicht erspart. 30 Jahre nach dem Mauerfall, 51 Jahre nach der Verbrennung seines Sammelbands „Scharfe Paprika“ und 15 Jahre nach dem Tod von Radoj Ralin hat die Staatliche Agentur „Archive“ Portraitkarikaturen, Fotos und Dokumente in der Ausstellung „Radoj Ralin im Spiegel der Zeit“ zusammengetragen.

Die Ausstellung zeigt ca. 100 Portraitkarikaturen, die älteste ist aus dem Jahr 1944 und die jüngste aus dem Jahr 2007“, erzählt die Kuratorin der Ausstellung Iwanka Gesenko. „Auf der ersten können wir ihn als Teilnehmer am 1. Weltkrieg und Journalisten der Zeitung „Frontowak“ sehen. Neben den namhaften Künstlern Boris Dimowski, Nikola Mihajlow, Kalin Nikolow und Iwan Gasdow haben ihn auch viele andere Menschen gemalt, deren Unterschriften wir nicht entziffern können. Sein Antlitz ist selbst auf Restaurantservietten, Zigarettenschachteln, einfachen Notizblöcken etc. zu sehen, da er mit seiner ganzen Erscheinung seine Mitmenschen dazu animiert hat, ihn in der Schnelle zu portraitieren.

Laut Iwanka Gesenko wird der Dichter nicht nur mit seiner Kritik an der einstigen Führung in Erinnerung bleiben, sondern auch mit seinen hochwertigen Gedichten, über 100 Liedertexten, mit seinen Epigrammen, Aphorismen, Thesen, Antithesen etc. Außerdem war Radoj Ralin auch ein begnadeter Übersetzer.

Wir stellen auch seine Schreibmaschinen „Erika“ aus, die sein Arbeitswerkzeug war sowie ein angekohltes Exemplar seines Sammelbands mit Volksepigrammen „Scharfe Paprika“, welcher der Führung richtig eingeheizt hat“, erläutert die Kuratorin. „Bemerkenswert ist, dass Radoj Ralin uns eine Botschaft hinterlassen hat: Er hat zwischen die Seiten der Zeitschrift „Bulgarischer Journalist“ einen Briefumschlag mit Überresten der in der Heizzentrale des Polygraphischen Kombinat verbrannten 10.000 Exemplaren seines Buches gelegt. Und zwar direkt neben dem Artikel „Setzen wir die Waffe der Satire gekonnt ein“, der gegen ihn gerichtet ist.  Radoj Ralin hätte diesen Umschlag auch anderswo hinlegen können, doch die Botschaft an uns ist meiner Ansicht nach folgende: „Das, was von meiner Arbeit übrig ist, liegt neben dem, was mich niedergemacht hat.

Eigentlich stammen nur zwei der Epigramme aus dem Sammelband „Scharfe Paprika“ von Radoj Ralin selbst. Alle anderen sind Volksweisheiten, die der Dichter Petko R. Slawejkow zusammengetragen hat und deren Überschriften Radoj Ralin verfasst hat. Nachdem drei Sammelbände des Satirikers nicht veröffentlicht wurden, wollte er mit dem Sammelband „Scharfe Paprika“ zeigen, dass er seine Inspiration aus dem Volksschaffen schöpft. Die Führung schlug aber wegen der Karikatur von Boris Dimowski unter dem Epigramm „Ein voller Magen hat nichts für Wissenschaft übrig“ zu, weil sie meinte, dass die Unterschrift unter dem Schwein, das darauf abgebildet ist, dem damaligen Staats- und Parteichef Todor Schiwkow gehörte. Das erzählte uns der Sohn des Dichters Kin Stojanow. Anlässlich des 30. Jubiläums seit der Wende in unserem Land erinnerte er an zwei Epigramme seines Vaters:

Die Freiheit, ein unvergesslicher Termin, wird am zweiten Tage zum Regime“. Dieses Epigramm hat Radoj Ralin nach dem 9. September 1944 geschrieben, in der Hoffnung, dass eine Gesellschaft geschaffen wird, die es jedem einzelnen erlaubt, sich nach seinen Fähigkeiten und Talenten zu entwickeln“, erläutert Kin Stojanow. „Und das andere Epigramm wurde nach dem 10. November 1989 geschrieben und lautet folgendermaßen: „Geliebte Freiheit, du bist ein kurzer Lichtblick, kaum bist du da und schon wirst du vernichtet“. Darin sehen wir, dass alle Illusionen verworfen wurden und Kunst die einzige Stütze ist, der er bis zu seinem letzten Atemzuge treu geblieben ist.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: Diana Zankowa, BGNES und Archiv

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