Elisaweta Belobradowa über den Magnetismus von Bessarabien und der dortigen Bulgaren

| aktualisiert am 28.11.19 um 17:34
Foto: BGNES

Die historische Landschaft Bessarabien, die ihren Namen dem walachischen Fürstengeschlecht Basarab zu verdanken hat, gehörte bis Ende des 10. Jahrhunderts zum bulgarischen Staat. Später wurden diese Territorien von Kumanern, Petschenegen und Mongolen und im 14. Jahrhundert von den Bessaraben erobert. 1812 wurde Bessarabien dem Osmanischen Reich einverleibt, nachdem die Region nach einem der türkisch-russischen Kriege auch von Russland erobert wurde. Belege über die dortige Ansiedlung von Bulgaren aus Jambol, Sliwen, Karnobat und der Umgebung gibt es seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Insbesondere nach den Russisch-türkischen Kriegen 1768-1774 flüchteten die bulgarischen Aussiedler massenweise vor den Repressionen im Osmanischen Reich und ließen sich in Bessarabien nieder. Ein zusätzlicher Anreiz für sie war dabei, dass Russland ihnen Grund und Boden versprach, den sie auf unbestimmte Zeit nutzen dürfen. In den ländlichen Regionen brauchen sie 30 Jahre keine Steuern zu entrichten und in den Städten – fünf Jahre lang. Außerdem wurde den Bulgaren finanzielle Unterstützung beim Bau ihrer neuen Häuser zugesichert. Dort angekommen fanden sich unsere Landsleute aber in einer endlosen dornüberwucherten Ebene wieder, die nie zuvor bebaut wurde. Mit viel Ausdauer und Fleiß ist es den Bulgaren gelungen die Gegend veredeln, die einstige Einöde in eine Getreidekammer, die eigenen Gärten in paradiesische Flecken Erde zu verwandeln, wo die unterschiedlichsten Obst- und Gemüsearten gedeihen. Dabei sahen sie ihre bulgarischen Wurzeln als das Wertvollste an, was sie haben. Sie glaubten, dass ihnen nichts und niemand etwas anhaben kann, solange sie diese Wurzeln pflegen. Auf diesem Glauben basiert ihre große Liebe zu Bulgarien und die Ehrerbietung, mit denen die bessarabischen Bulgaren auch heute von ihrer Urheimat sprechen, obwohl viele von ihnen sie nie besucht haben.

Die Entstehungsgeschichte der Gemeinschaft der bessarabischen Bulgaren, die heute auf dem Territorium zweier Länder (Moldawien und der Ukraine) leben, behandelt ein neues Buch: „Eine Begegnung mit Bessarabien“. Die Autorin Elisaweta Belobradowa wurde während ihrer neuntägigen Reise durch diese Gegend von starken Gefühlen überwältigt.

Während dieser Reise war auch ein Aufenthalt in Rumänien vorgesehen, in Städten, die mit der bulgarischen Geschichte verbunden sind. Wir hatten in Bessarabien sehr viele interessante Erlebnisse. Ich habe ein Interview mit einer 94jährigen Bulgarin gemacht, die die Hungersnot (in den Jahren 1932 und 1933) in der Ukraine überlebt hat. Zu einem solchen Holodomor ist es auch in Bessarabien gekommen. Der Privatbesitz der Bulgaren dort wurde konfisziert, ihre Grundstücke und das Vieh verstaatlicht, die Männer nach Sibirien deportiert und innerhalb eines Jahres begann die Bevölkerung Hungers zu sterben.

Elisaweta Belobradowa wollte diese Gegend vor allem wegen der Legenden besuchen, die man in unserem Land über die bessarabischen Bulgaren erzählt. Ihren Worten zufolge unterscheiden sich Life-Begegnungen vollkommen von dem, was man in den Medien zu sehen und zu hören bekommt.

Sie hat das Leben und die Probleme der Bulgaren in Bessarabien aus erster Hand kennengelernt und beschrieben. Eines dieser Probleme war die Möglichkeit der Kinder der bessarabischen Bulgaren, die bulgarische Sprache zu erlernen. Mittlerweile wurde dieses Problem gelöst, aber auf eine in Moldawien und der Ukraine unterschiedliche Weise.

In Moldawien gibt es kein Problem damit. Bulgarisch kann man überall lernen, doch alle Schulen werden als moldawische Schulen angesehen“, schildert die Autorin ihre Eindrücke vor Ort. „Bulgarisch wird als zweite Sprache erlernt, Russisch ist die offizielle Sprache im Land und alle Lehrfächer werden auf Russisch unterrichtet. In der Ukraine ist es anders. Dort hat das bulgarische Gymnasium eine Autonomie. Die Ukraine verfügt über eine strikte Gesetzgebung und diese sieht vor, dass die russische Sprache aus dem Bildungsprogramm genommen wird. Das ist ein Teil der Politik der Ukraine, die darauf ausgerichtet ist, den Einfluss Russlands auf ihre inneren Angelegenheiten zu begrenzen. Die Ukrainer haben keine Einwände dagegen, dass die Minderheiten ihre Muttersprachen erlernen. Allerdings soll die ukrainische die russische Sprache an den Schulen ablösen. Wenn die bulgarischen Kinder sich entscheiden, Bulgarisch als zweite Sprache zu erlernen, dann brauchen sie nicht mehr Russisch zu lernen, sondern Ukrainisch, Bulgarisch und eine westliche Sprache.“

Die bessarabischen Bulgaren müssen natürlich auch noch andere Schwierigkeiten meistern, beispielsweise den Mangel an einer stabilen Infrastruktur und an Autobahnen. Diese sind für sie besonders wichtig, damit sie problemlos ihre Waren transportieren und Handel betreiben können. Die Lösung dieses Problems liegt in der Hand der ukrainischen Regierung, die Worten der bessarabischen Bulgaren zufolge diese Region vernachlässigt.

Übersetzung: Rossiza Radulowa


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