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Politik und Gasversorgung – zwei große Unbekannte

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Der August fängt in Bulgarien politisch und wirtschaftlich heiß an. Schon am ersten Tag des Monats sind alle Augen auf den Präsidenten gerichtet. Mit einem Dekret hat er das 47. Parlament aufgelöst und mit einem Folgedekret sein viertes geschäftsführendes Kabinett ernannt. Die Neuwahlen wurden für den 2. Oktober angesetzt. Die vorrangige Aufgabe des geschäftsführenden Kabinetts ist die Organisation von fairen und demokratischen Wahlen. In Anbetracht der politischen und wirtschaftlichen Krise im Land und der geopolitischen Lage, kein leicht zu stemmender Auftrag. Die größte Herausforderung ist die Sicherung von genügenden Mengen Erdgas für den Winter. Erwartungsgemäß wird das Thema Gas während der Wahlkampagne die überragende Rolle spielen.

„Die Debatte über die Gasversorgung werrden von politischen Erklärungen und Anschuldigungen dominiert, Expertenmeinungen sind eine Ausnahme. Die ständigen Angriffe helfen, politisches Kapital anzuhäufen, doch sie sind kein Ausweg aus der Situation“, kommentierte Kalojan Stajkow, Chefökonom am Institut für Energiemanagement.

Erst vor wenigen Tagen gab der scheidende Premierminister Kiril Petkow bekannt, dass 7 Tanker mit Flüssiggas vereinbart wurden. Allerdings ist noch unklar, wann dieses Gas Bulgarien erreichen und ob der Preis für die Bulgaren akzeptabel sein wird. Die Opposition im Land befürchtet, dass es keine gesicherten Terminals gibt, an denen dieses Gas entladen werden kann.

„Mit der Verschärfung der Gaskrise in Europa sind die Kapazitäten der Terminals zur Regasifizierung von Flüssiggas erschöpft. Die Situation ist aber nicht nur für Bulgarien, sondern für ganz Europa schwierig“, erklärte Kalojan Stajkow in einem Interview für den BNR.

Kalojan Stajkow

Laut Experten der größten Oppositionspartei GERB werden die vereinbarten Gasmengen aus Aserbaidschan und die angekündigten sieben Tanker, was ungefähr 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Monat ausmacht, nicht ausreichen, um den Verbrauch von Oktober 2022 bis April 2023 zu decken. Im Fernsehen zeigten sie einen Brief von „Bulgargaz“ an die bulgarische Energieholding, in dem behauptet wird, dass es kein Gas gebe und auch nicht geben werde. Sie unterbreiteten die Idee für einen Zehnjahresvertrag, der die erforderlichen Mengen sichern soll.

„Natürlich ist der langfristige Vertrag eine Möglichkeit und selbstverständlich werden die Bedingungen darin viel besser sein als die Verträge für monatliche Lieferungen, sowohl in Bezug auf den Preis als auch auf die Mengen", betont der Ökonom und fügt hinzu, dass die Regierung die Politik in dieser Hinsicht bewusst führen, die Möglichkeiten abwägen und die beste Lösung wählen müsse. „Bulgargaz“ muss sich von der Angewohnheit lösen, 90% der gebrauchten Gasmengen durch einen langfristigen Vertrag mit einem einzigen Anbieter zu sichern, denn die Situation ist eine grundlegend andere und sie setzt eine aktivere Politik sowohl der Regierung als auch von "Bulgargaz" voraus, ist Kalojan Stajkow kategorisch. Ihm zufolge hätte unser Land früher reagieren müssen. Die Verhandlungen hätten mit Beginn des Krieges in der Ukraine oder im April beginnen sollen, als „Gazprom“ die Lieferungen nach Bulgarien eingestellt hat. Jetzt ist es sicherlich zu spät, betonte Stajkow.

Um die Sicherung der Gaslieferungen muss sich jetzt die geschäftsführende Regierung kümmern. Es wurden Stimmen laut, dass sie eine Kehrtwende machen und die Lieferungen von russischem Gas erneuern könnte, indem sie die Bedingungen von „Gazprom“ für die Zahlung in Rubel akzeptiert. Dass ein solcher Schritt möglich ist, bestätigt auch Kalojan Stajkow.

„Niemand hat gesagt, dass die Verhandlungen mit „Gazprom“ nicht geführt und die Zahlungssituation nicht geklärt werden kann, aber es bleibt die große Frage der Versorgungssicherheit. Denn es gibt Länder, die den neuen Bedingungen zugestimmt haben. Die an sie gelieferten Mengen sind dennoch zurückgegangen. Auf einen solchen Handelspartner kann man sich natürlich nicht verlassen," schlussfolgert der Wirtschaftsexperte.

Redaktion: Elena Karkalanowa nach einem Interview von Silwia Welikowa, BNR-Horizont

Übersetzung: Georgetta Janewa

Foto: Archiv, BGNES

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