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Die Kirche von Bojana – eine Stätte des UNESCO-Weltkulturerbes

Foto: Archiv

In welchem Maßstab die Landkarten in ihrem Besitz auch sein mögen - Bulgarien ist und bleibt ein kleiner Punkt im Osten Europas. Wenn Sie jedoch die UNESCO-Karte der Stätten des Weltkultur- und Weltnaturerbes ausbreiten, werden Sie feststellen, dass dieses winzige Territorium mit grünen Markierungspunkten übersät ist. Sieben dieser Punkte markieren Kulturerbestätten, die unter dem Schutz der Weltorganisation stehen. Die berühmte Kirche von Bojana mit ihren einzigartigen Fresken von 1295 ist seit 1979 in dieser Welterbeliste vertreten.

Foto: Archiv

Gelegen ist das Gotteshaus im Dorf Bojana, das heute ein Stadtteil von Sofia ist. Wenn sie bereits einmal dort gewesen sind, wissen sie, dass dies ein ganz besonderer Ort ist. Viele Menschen teilen die Auffassung, dass von dort eine starke Energie ausgeht, die einem eine gelassene und heitere Stimmung verleiht. Durch die von Bajonetten durchlöcherte Tür der kleinen Kirche tretend, wird Sie die hohe Kunst im Inneren in ihren Bann ziehen. Für Mariana Hristowa-Trifonowa, die Leiterin der dem Nationalen Geschichtsmuseum angeschlossenen Kirche, ist die Arbeit weit mehr als nur ein Job. Sie sei eng mit der Kirche verbunden und seit Abschluss ihres Studiums hier tätig, erzählt Mariana Hristowa.

Foto: Albena Besowska

Mir hat die Kirche sehr viel gegeben. Nie werde ich den Augenblick im Jahr 1977 vergessen, als in einem Wandhohlraum im oberen Stockwerk der Psalter von Bojana entdeckt wurde. Selbst beim täglichen Blick auf die Fresken entdeckt man ständig neue Einzelheiten. Jedes Mal verneige ich mich aufrichtig vor diesem Werk, das für meine Begriffe von einem wahrhaft außergewöhnlichen Talent geschaffen wurde, das in jener weit zurückliegenden Epoche in der Lage war, die Abbildungen von Menschen, Tieren und Gegenständen so realistisch darzustellen. Dieser Schöpfer hat im Rahmen des Kanons eine enorme Meisterschaft an den Tag gelegt und eine Kunst hinterlassen, die in der Tat dem Weltkulturerbe zugehörig ist.

Foto: Archiv

Die Kirche von Bojana wurde mehrfach restauriert. Die erste Restauration wurde im Auftrag von Zarin Eleonora, der Gattin des bulgarischen Zaren Ferdinand, durch den österreichischen Restaurator Josef Bala vorgenommen. Weitere Restaurationsarbeiten folgen, in die zahlreiche bekannte einheimische Kunstrestauratoren eingebunden sind. Von Ende 1976 bis 2008 ist die Kirche für Besucher geschlossen.

Foto: BGNES

Seit einigen Jahren wächst das Interesse an der mittelalterlichen Kirche“, fährt Mariana Hristowa fort. „Interessant ist, dass im Vorjahr 4.000 Besucher mehr verzeichnet wurden als 2010. Offensichtlich informieren sie sich auf unserer attraktiven Homepage. 2011 fand eine internationale Konferenz statt, die dem 750-jährigen Ausmalungsjubiläum der Bojana-Kirche gewidmet war. Die Materialien der Konferenz wurden in Unterstützung der UNESCO in Form eines Sammelbandes herausgegeben. Auch haben wir anlässlich des Jubiläums 20 Videoklips aufgenommen, die in 20 Sprachen übersetzt wurden, einschließlich ins Japanische. Mit der Entdeckung der Namen Wassili und Dimitar, hinter denen man die bisher unbekannten Künstler vermutet, erreichte das Interesse an der Kirche ein neues Ausmaß.

Sebastokrator Kalojan und seine Gattin Dessislawa, Foto: Archiv










Die Kirche von Bojana ist von zahlreichen Legenden umwoben. Einer Sage nach soll der anonyme Meister von Bojana ein Selbstportrait verewigt haben. Allerdings handelt es sich bei beiden Abbildungen, die in den Legenden erwähnt werden, um Heiligenbilder, was Wissenschaftler vor Jahren nachgewiesen haben. Derweil entzieht sich die populärste Geschichte jeglicher Nachforschungen. Seit Jahrhunderten behaupten die Einheimischen, dass der Meister von Bojana in Desislawa, die Gattin von Sebastokrator Kalojan, verliebt gewesen sei. Beide sind als Stifter der Kirche bekannt. In der Tat bezaubert ihr Abbild durch Schönheit und sanftmütige Weiblichkeit.

Die Kirche von Bojana wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts für die Wissenschaft entdeckt“, erzählt Mariana Hristowa. „Der erste Forscher, der die Kirche besichtigt und in seinen Aufzeichnungen festhält, ist Wiktor Grigorowitsch – ein russischer Gelehrter, der 1844-45 die Balkanregion bereiste. In der Folgezeit wird sie von den Gelehrten Konstantin Jirecek, Stefan Verkovic u.a. beschrieben. Die erste Monografie mit einer vollständigen Dokumentation von Fresken, Architektur und historischen Daten stammt von Prof. Andre Grabar. Das 1924 erschienene Werk ist nach wie vor der Grundstein für nachfolgende Forschungen. Bis zu ihrer Ausrufung als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung im Jahr 1954 war die Bojana-Kirche ein funktionierendes Gotteshaus. Im September 1979 wurde sie auf der UNESCO-Tagung in Ägypten in die Weltkulturerbeliste der Organisation aufgenommen.

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In der Kirche zeichnen sich zwei Malschichten ab – aus dem 12. Jahrhundert und aus dem Jahr 1259, als der zweite Teil der Kirche ausgemalt wurde. Auch gab es einzelne Fragmente späterer Malerei aus dem 14. und 17. Jahrhundert, von denen einige in der Kirche exponiert sind. Die Restauration der Fresken wurde 2008 abgeschlossen. Die über 240 Darstellungen sind ausgesprochen realistisch. Sie entbehren der Kargheit und Asketik, die den Werken aus jener Zeit eigen war. Die Zeichnung des Meisters von Bojana ist lebendig. Es gibt weder Schablonen noch Häufigkeit. Jeder Mensch oder Heilige ist als eigenständige Persönlichkeit dargestellt, mit individuellen Zügen, die durch den Ausdruck der Augen, durch Gesten betont werden. So ist beispielsweise im Fresko „Das Wunder des heiligen Nikolaus im Meer“ sowohl Angst als auch Entsetzen, Flehen und Verzweiflung zu erkennen. Die Stifter Kalojan und Desislawa sind kategorisch naturgetreu abgebildet. Neben den Darstellungen von Zar Konstantin-Assen und Zarin Irina zählen sie zu den ältesten malerischen Portraits von reellen Persönlichkeiten, die in Bulgarien erhalten sind. Besonders ausdrucksstark sind die Stifterportraits, trotz Kleiderordnung, Posen-Vorgabe u.a.

Der heilige Nikolaus ist der Schutzherr des unteren Stockwerks, das als Dorfkirche diente. Hier sind 18 Szenen aus seinem Heiligenleben abgebildet, einige derer nur selten in der Kirchenmalerei anzutreffen sind. Die einzigartigen Darstellungen sind so zahlreich, dass es unmöglich ist, alle aufzuzählen. Hier befindet sich das älteste Portrait von Iwan Rilski, dem Schutzpatron des bulgarischen Volkes. Wie auch die laut Andre Grabar weltweit einzige Darstellung von Christus dem Knaben im Fresko „Jesus unter den Schriftgelehrten im Tempel“. Das dem heiligen Panteleimon geweihte obere Stockwerk war die Familienkapelle des Sebastokrators, des damaligen Stadtverwalters von Sofia. Das Dach wurde bereits durch Naturkatastrophen im Mittelalter stark beschädigt, wobei ein Großteil der Fresken unwiederbringlich verloren ging.

Foto: BGNES

Heute kann man die Kirche von Bojana nur in bis zu achtköpfigen Gruppen besichtigen, wobei der Aufenthalt auf maximal zehn Minuten beschränkt ist. Es könnte sein, dass sie warten müssen – eine gute Gelegenheit, um etwas mehr über die Geschichte der Kirche zu lesen oder den herrlichen Gartenpark zu erkunden. 1905 legte Ferdinand mit drei riesigen Mammutbäumen und anderen Edelhölzern den Grundstein für die beeindruckende botanische Sammlung. Im Park sind die auf dem Gelände entdeckten steinernen Leuchter sowie Marmorfragmente noch älterer Gebäude exponiert. Auch befindet sich dort die Grabstätte von Eleonora – der Gattin Ferdinands. Eleonora liebte diesen Ort und tat sehr viel, um die wertvollen Wandmalereien zu erhalten. Sie wies den Standort für den Bau einer neuen Kirche aus und vereitelte so die Abrisspläne für die kleine Kirche. Der Brunnen im Hof wurde 1882 von einem bekannten Sofioter Goldschmied errichtet und ganz im Sinne seines Stifters „für das eigene Seelenheil“ erschaffen.


Übersetzung: Christine Christov

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