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Die Festung Zari Mali Grad schützte die Eisenvorkommen bei Samokow

Die wiederaufgebaute mittelalterliche Kirche am Rande des Hl.-Spass-Hügels
Foto: Maria Dimitrowa-Pichot
Auf dem Hl.-Spass-Hügel, an dessen Fuße sich das Dorf Beltschin mit seinem heilenden Mineralwasser befindet, stand einst eine imposante römische Festung. Sie war von allen Seiten des Samokover Feldes zu sehen. Bis vor kurzem war von ihr nur in den Legenden die Rede. Ihr Name war Zari Mali Grad, was so viel bedeuten, wie „kleines Konstantinopel“.

Wie so oft waren die Schatzräuber die ersten am Ort. „Bis dahin war der ganze Hügel mit einem dichten, undurchdringlichen Wald bedeckt“, berichtet der Archäologe Wesselin Handschiangelow vom Geschichtsmuseum der nahen Stadt Samokow, in 55 km Entfernung von der Hauptstadt Sofia. „Wir kamen sofort, nachdem wir erfuhren, dass die Schatzräuber bereits graben. Sie hatten die Erde wie Schweizer Käse durchlöchert.“ Die Archäologen fanden im Laufe nur eines Monats des Jahres 2007 den südwestlichen Turm der Festung. Es stellte sich heraus, dass er Teil einer römischen Festung mit 6 Wachtürmen und einer Mauerlänge von knapp 400 Metern ist.

© Foto: Maria Dimitrowa-Pichot

Vollständig wird nur die nördliche Mauer mit den zwei Türmen restauriert, wovon man eine tolle Panoramaaussicht auf die Samokover Ebene genießen kann.

Eine weitere angenehme Überraschung gab es bei den Probebohrungen um die Opferstätte auf dem Hl.-Spass-Hügel. Sie war eine aus einer Reihe von heiligen Orten rund um das Dorf Beltschin. Diese Opferstätten tauchen bei uns im späten Mittelalter im 15. -16. Jahrhundert auf und wurden meistens mit Steinkreuzen gekennzeichnet. Die Forscher wurden durch die Entdeckung überrascht, dass es auf diesem Hügel Spuren von nachfolgenden Gotteshäusern gab, die von einer 1700jährigen ununterbrochenen christlichen Tradition zeugen.

Der früheste Tempel stammt vom Ende des 3. und Anfang des 4. Jahrhunderts u. Z.“, erzählt der Archäologe Wesselin Handschiangelow. „Auf ihm wurde eine frühchristliche Kirche in den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts errichtet. Später entstand ein wenig zur Seite auch eine Basilika aus dem Ende des 5. und Anfang des 6. Jahrhunderts. Nach ihrer Zerstörung wurde auf ihren Überresten eine mittelalterliche Kirche im 15. Jahrhundert errichtet. Als sie aufhörte zu funktionieren, anstand an diesem Platz die Opferstätte Hl. Spass, die bis vor kurzem funktionierte. Damit haben wir über 17 Jahrhunderte Christentum ohne Unterbrechung, trotz aller Verfolgungen in den fünf Jahrhunderten osmanischer Herrschaft. Wir möchten dieses kulturologische Phänomen als ein Symbol für die Festung und das Gebiet von Beltschin etablieren.

© Foto: Maria Dimitrowa-Pichot

Die südliche Mauer

Wie soll dieses Phänomen mit den vier nacheinander bestehenden Kirchen für die künftigen Generationen sichtbar werden?

Wir denken, dass es am besten ist die Chronologie der Gotteshäuser durch den Wiederaufbau bis zu unterschiedlicher Höhe und Umfang zu zeigen. Am klarsten können wir uns die Architektur der letzten, der mittelalterlichen Kirche vorstellen. Deswegen bauen wir sie ganz wieder auf. In ihr werden wir die Möglichkeit haben, alles zu zeigen, das mit dem Christentum verbunden ist und das wir hier gefunden haben. Bis zu einer niedrigeren Höhe zeigen wir die Überreste der Basilika aus dem 6. Jahrhundert, wo wir vor einem Monat einen sehr interessanten Fund gemacht haben. Es stellte sich heraus, dass es in der nördlichen Kapelle ein gemauertes Becken zu Christianisierung von Heiden gab. Ende des 5. Jahrhundert erfolgte die Massen-Christianisierung der heimischen thrakischen Bevölkerung. Nach dem 6. Jahrhundert gab es nur einen Taufbecken für Neugeborene, weil die Bevölkerung als getauft galt. Bis zu einer niedrigeren Höhe stellen wir die Mauern des ältesten christlichen Tempels aus dem 4. Jahrhundert wieder her. Von ihm ist die nördliche Hälfte des Gebäudes erhalten. Es gibt auch noch die Spuren eines heidnischen Heiligtums eines unbekannten Gottes. Das wird nur auf dem Boden angezeigt.

© Foto: Maria Dimitrowa-Pichot

„Hier haben wir über 17 Jahrhunderte Christentum ohne Unterbrechung“, sagt der Archäologe Wesselin Handschiangelow.

Der teilweise Wiederaufbau der vier christlichen Kirchen, die ineinander wie die russischen Matrjoschka-Puppen stecken, ist fast abgeschlossen. Was kann man von der ganzen Rekonstruktion erfahren?

Wir hatten das einzigartige Glück auf Strukturen zu stoßen, die uns viele Informationen darüber geben, wie gebaut wurde. Wir wissen, wie die Überdachung der Festungstürme aussah, weil wir ein solches gestürztes Dach mit Ziegeln gefunden haben. Unser größtes Glück war, dass bei einem Erdbeben Anfang des 7. Jahrhunderts die nördliche Fassadenmauer eines der Türme gefallen und dort heil liegen geblieben ist und uns zeigt, wie genau sie gebaut wurde. So erfuhren wir, dass sie drei Stockwerke hatte und es im zweiten eine Schießscharte gab. Deswegen wollten wir diese zwei Festungstürme und die Festungsmauer im ganzen rekonstruieren. In den Türmen werden wir die Funde in der Festung ausstellen.“

© Foto: Maria Dimitrowa-Pichot

In nur sechs Monaten wurde die fast ganze Festungsmauer wiederaufgebaut.

Die Wissenschaftler waren sich zuerst nicht klar, ob es eine militärische Festung ist oder eine Zitadelle. Ursprünglich war sie eine militärische Festung zum Schutz der Eisenvorkommen in der Ebene von Samokow. In der Zeit der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert gewährte die Festung der heimischen Bevölkerung Unterschlupf bei Angriffen der Barbaren. Die Festung befindet sich auf einem Kreuzpunkt dreier antiker Strassen.

Ich habe bisher acht ähnliche Festungen um die Ebene von Samokow aufgedeckt, die visuellen Kontakt miteinander haben. Sie schützten vor Eindringlingen die Eisen-Gruben, die früher eine strategische Bedeutung hatten. Wir waren sehr überrascht, dass wir im mittleren Teil der Festung, wo der Boden flach und besonders für Bebauung geeignet ist, keine Spuren von Bautätigkeit gefunden haben. Wir nehmen an, dass der Raum frei gehalten wurde, damit die zivile Bevölkerung bei den zahlreichen Angriffen von Eindringlingen im 6. Jahrhundert dort Schutz finden konnte. Dort hat man provisorische Zelte aufgestellt.“

Welche sind die wertvollsten Funde?

Besonders reich und interessant ist die Sammlung von antiken Münzen. Wir haben fast alle Münzen vom 4. bis zum 6. Jahrhundert mit den Zeichen aller Kaiser“, berichtet der Archäologe. Aber im Mittelpunkt der künftigen Exposition werden die gefundenen Waffen stehen – von Pfeilen bis zur Belagerungstechnik. Auch hier gibt es ein seltenes Exemplar. „Das ist ein Pfeil, der nicht mit dem Bogen, sondern mit der Hand geschleudert wurde“, erläutert Wesselin Handschiangelow. „Sie ist eine lange und sehr scharfe Eisenspitze mit einem Bleigewicht hinten und mit einem kurzen Holzgriff. Dieser Pfeil wurde an der Innenseite des Schildes angebracht. Solche Pfeile hatten nur die Offiziere der Armee von Kaiser Konstantin dem Großen.

Interessant sind auch gut erhaltene vertikale Webstühle und auch viel Schmuck der Goten – Gürtel, Applikationen und Gewandspangen, die ganz andere Ornamente als der Schmuck der hiesigen Thraker hatten. Die Goten waren sehr gute Metallurgen, was ihre Präsenz in dieser Region erklärt. Alle Funde werden in den zwei wiederhergestellten Türmen der nördlichen Festungsmauer zu sehen sein.

© Foto: Maria Dimitrowa-Pichot

Eine Zahnradbahn soll die Besucher von der wiederaufgebauten Hl.-Petka-Kirche am Fuße des Hügels bis zur Festung auf seiner Spitze befördern.

Es ist geplant hier Festivals zu veranstalten, die das Leben und die Kämpfe der Menschen von damals dem Publikum zeigen werden. Es sollen auch Werkstätten der damaligen Handwerker rekonstruiert werden. Auch ein Kinderpark mit verschiedenen Möglichkeiten zum Springen und Klettern soll entstehen.

Was es alles im nächsten Jahr auf dem Hl.-Spass-Hügel geben wird, kann man aus dem Computermodell des künftigen Festungskomplexes in YouTube sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=xoOxL-oWP3U

Übersetzung: Vladimir Daskalov

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