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Plowdiw – Europäische Kulturhauptstadt 2019

Neues Leben für die alte Bischofsbasilika in Plowdiw

| aktualisiert am 25.11.19 um 12:00

Im Jahre 313 gab der römische Kaiser Konstantin der Große das Mailänder Toleranzedikt heraus, das „sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht [gewährte], der Religion anzuhängen, die ein jeder für sich wählt“. Die Christen begannen eifrig Kirchen zu bauen – eine der prächtigsten entstand in Philippopolis, dem heutigen Plowdiw.

In unmittelbarer Nähe zum Hauptplatz der südbulgarischen Stadt Plowdiw (dem antiken Philippopolis) liegen die Überreste einer großen frühchristlichen Basilika – die größte, die bislang auf heute bulgarischem Boden ausgegraben worden ist. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war man beim Bau des Boulevards unmittelbar vor der katholischen Kirche „Hl. Ludwig“ auf die Grundmauern dieses Bauwerks gestoßen. Daraufhin wurde der Boulevard weiter seitlich angelegt, die Erforschung der Basilika musste jedoch bis 2014 warten, als die Stiftung „Amerika für Bulgarien“ beschloss, die Finanzierung für eine umfassende Freilegung des als Bischofs-Basilika identifizierten Kirchenbaus zu übernehmen.

Die Bischofs-Basilika wurde Mitte des 4. Jahrhunderts errichtet und zählt zu den ersten und größten christlichen Kirchen in diesem Teil Europas“, erzählt Architekt Nikolaj Trajkow. „Sie hatte die Funktion einer Bischofskirche, denn wir haben eine Stifterinschrift entdeckt, in der der Bischof genannt wird, mit dessen Mitteln ein Teil des Mosaikfußbodens angefertigt worden ist. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika, die zusammen mit dem Atrium (Vorhof) ca. 100 Meter lang und 40 Meter breit ist. Einzigartig an diesem Bauwerk ist, dass es zwei Mal übereinander mit einem Mosaikfußboden ausgelegt worden ist. Beide Flächenmosaiken sind rund 2.000 Quadratmeter groß. Über dem ersten Musikboden hat man etwa 50 Jahre später einen weiteren gelegt“, erläutert Architekt Trajkow.

Die Mosaiken sind aus künstlerischer Sicht stark vom nahen Konstantinopel und den östlichen Teilen des Römischen Reiches beeinflusst. Sie weisen aber auch spezifische Eigenheiten auf. Der Mosaikfußboden ist größtenteils im sogenannten „Opus tessellatum“ ausgeführt, bei dem etwa gleichgroße kleine Steinchen (Tesserae) in den Mörtel eingedrückt werden. Die untere Mosaikschicht ist in den Tönen Weiß, Schwarz, Ocker und Rot gehalten. Die Motive bestehen aus geometrischen Figuren und Kreuzen.

Wahrscheinlich wurde die Stadt noch im 4. Jahrhundert von einem Erdbeben erschüttert, das die erste Mosaikschicht beschädigte. Teile des Fußbodens senkten sich, so dass es sich als notwendig erwies, einen zweiten Mosaikfußboden anzufertigen. Die zweite Mosaikschicht „spricht“ bereits die Sprache der Symbole. Die vielen Vogelarten beispielsweise versinnbildlichen das Paradies, die Unsterblichkeit der Seele und das Leben nach dem Tod.

Eine der wohl am meisten beeindruckenden Darstellungen befindet sich unmittelbar vor dem Eingang zur Basilika. Sie zeigt einen Pfau mit ausgebreiteter Federkrone. Um ihn herum befinden sich Medaillons mit verschiedenen anderen Vögeln.

Neben den Mosaiken, die übrigens die größten ihrer Art in Bulgarien sind, kamen überaus gut erhaltene Architekturfragmente ans Tageslicht, darunter Säulen, Kapitelle und eine Brunneneinfassung aus dem Atrium der Basilika.

„Entdeckt wurden zwei Inschriften“, setzt der Architekt fort. „Die eine Stele enthält eine Namensliste der Personen, die sich an der Leitung der Stadt beteiligt haben. Die sogenannte „Dionysos-Stele“ gehört ihrerseits zu den bedeutendsten und ausgezeichnet erhaltenen aus römischer Zeit, die in Plowdiw und Umgebung entdeckt worden sind. Sie ist 2,20 Meter hoch und etwas mehr als einen Meter breit. Bei der Inschrift handelt es sich um einen Dank an den Kaiser und 45 Bürgern aus Philippopolis – Mitglieder des Dionysoskultes, die die Stadt vor einem Goten-Einfall bewahrt haben.“

Ende des 4., Anfang des 5. Jahrhunderts begann das Gebäude zu verfallen. Zu jener Zeit mehrten sich die Überfälle einfallender Horden, bei denen die Stadt und die Basilika selbst in Mitleidenschaft gezogen worden sind.

„Es wurde ein Bruchstück einer mittelalterlichen Wandmalerei entdeckt, das darauf hinweist, dass später an der Stelle der Basilika eine kleine Kirche errichtet worden ist“, erzählt weiter Architekt Nikolaj Trajkow. „Leider ist von diesem Kirchenbau nichts anderen übriggeblieben. Im Bereich der Basilika wurde auch eine Nekropole ausgegraben, in der über 200 christliche Begräbnisse aus dem Mittelalter nachgewiesen werden konnten.“

Die letzten Spuren christlichen Lebens an dieser Stelle stammen aus dem 14. Jahrhundert. Danach ist dieser gesegnete Ort gänzlich in Vergessenheit geraten.

Die Bischofsbasilika des einstigen Philippopolis wird in diesem Oktober offiziell als neue Kulturattraktion der Stadt eröffnet werden. Beide restaurierten Mosaikfußböden sollen ausgestellt werden. Eine Exposition wird die Geschichte der Basilika Schicht für Schicht verdeutlichen und das auch mit Hilfe der virtuellen Realität.

„So können die Besucher, wenn sie sich an einer Stelle der Basilika befinden, sehen können, wie sie einst in der Spätantike ausgesehen hat“, sagte uns Architekt Nikolaj Trajkow abschließend.

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

Fotos: plovdivmosaics.org


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