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Die lebendigen Traditionen des Dorfes Banitschan

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Foto: Facebook/Volkskulturhaus von Banitschan

Im kleinen südwestbulgarischen, im Piringebirge gelegenen Dorf Banitschan, sind einige jahrhundertealte Traditionen bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben. Sie tragen Informationen über das Leben, die Weltanschauung, Überzeugungen und Beziehungen der dortigen Bevölkerung. Zu diesen Traditionen gehört auch das Stricken von bunten Wollsocken nach einstigem Brauch.

„Diese Socken sind wie ein Brief von unseren Vorfahren, den wir mit unseren Augen lesen und mit dem Herzen fühlen müssen, um die Geisteskraft, das unauslöschliche Familiengedächtnis und die phänomenale Kreativität der Frauen aus Banitschan zu erhalten und zu verewigen“, sagte Rumjana Dschibowa, Sekretärin des Volkskulturhauses von Banitschan.  „Auch heute glauben die Leute: Wenn man einem geliebten Menschen Socken schenkt, schenkt man ihm zugleich seinen Segen, Wärme, ein Stückchen Zuhause.“


Die Socken aus Banitschan zeichnen sich durch ihre Farbkombinationen und Ornamente aus. Die Modelle sind neun an der Zahl und jedes hat einen Namen. Die Farben, die für die einzigartigen Muster verwendet werden - Weiß, Rot, Grün, Blau und Gelb - haben alle symbolischen Charakter und sollen das Böse abwenden. In den handgestrickten Socken von Banitschan sind einige der ältesten bulgarischen Motive enthalten. Dieser riesige Reichtum an Farben und Figuren ist nirgendwo anders in Bulgarien anzutreffen.

„Sie sind ein Gebet an alle Naturkräfte, dass die Frau, die sie trägt, gesund ist, Wohlstand und Ansehen genießt“, erläutert Rumjana Dschibowa. „Sie erzählen von unserer Vergangenheit, der wunderschönen Natur, strahlen Lebensfreude und Gefühlswärme aus.“

Die Socken in Banitschan zeugten vom sozialen Status und Familienstand ihrer Besitzerin und waren ein Zeichen für Geschicklichkeit und Reichtum. Die Großmutter, die dem Baby auf die Welt half, musste ihm eigenhändig gestrickte Socken schenken, als eine Art Segen, dass es gesund und glücklich ist und selbst Kinder zeugt. Die Socken waren untrennbarer Teil der Hochzeitsfeier. Heute kann man sie im Socken-Museum im Dorf bewundern.

Es gibt Socken aus Banitschan in über 25 Ländern auf 5 Kontinenten. Im Jahr 2018 haben sie es sogar in die britische Königsfamilie geschafft, als Hochzeitsgeschenk für Harry und Megan. Zwei Monate später traf ein Dankesbrief von Königin Elizabeth II in Banitschan ein.


Das Dorf ist nicht nur für seine Socken bekannt, sondern auch für seine authentische Frauentracht. Ihr größter Augenfang ist die Schürze. Ihre 14 Modelle wurden in die elektronische Bibliothek der bulgarischen Polarstation auf der Insel Livingston in der Antarktis hochgeladen.

„Die Frauen aus Banitschan haben in die Schürze ihre Gebete mit eingewoben, deren Trägerin möge gesund, glücklich und fruchtbar sein“, erklärt Rumjana Dschibowa. „Farbenfroh und adrett, werden die Schürzen nicht nur zur Schönheit, sondern auch zum Schutz getragen. Diese Farben, Symbole und Motive sind nur in unserem Dorf zu finden. Die Schürzen sind mit einem Kreuzstich bestickt, weil das Kreuz ein universelles Schutzsymbol ist. Alle Figuren auf der Schürze - von den einfachsten geometrischen Elementen bis zu den komplexen Kombinationen – haben eine schützende Funktion.“

Rumjana Dschibowa und Tanya Katscharowa haben auch eine gestickte Karte ihres Dorfes angefertigt und 6 Monate dafür gebraucht. Sie ist 70 cm breit und 100 cm lang. Darauf sind alle Stickereien von der Frauentracht aus Banitschan enthalten - über 23 Symbole und 23 altüberlieferte Stickereimotive. Für diese 900.000 Nadelstiche haben sie 5.000 Meter Fäden aus natürlicher Baumwolle verwendet. Das Interessante ist, dass dies genau der Entfernung vom Dorf Banitschan bis zum Zentrum der Gemeinde, der Stadt Goze Deltschew, entspricht.

„Diese Karte entführt den Betrachter in eine schönere Welt – eine Welt voller Harmonie, Güte, Einvernehmen und Erhabenheit“, sagt Rumjana Dschibowa. „Und mit dieser Karte wird unsere Vergangenheit lebendig, diese Karte scheint zu sprechen und uns den Geist unserer Vorfahren zu vermitteln. Darauf haben wir die meisten Kirchen abgebildet, die wir pro Kopf der Bevölkerung haben, unsere beiden Mineralquellen, die zwei Flüsse, die weißen und roten Zwiebeln und die meisten Storchennester, denen sich unser Dorf rühmt. Das sind die anderen Symbole von Banitschan, die nirgendwo anders zu sehen sind.“

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: Facebook/Volkskulturhaus von Banitschan

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