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Waldpilze – eine Lebensgrundlage für bulgarische Dorfbewohner und teure Zutat in der westeuropäischen Küche

Foto: BGNES

In der Woche, in der die Bulgaren im In- und Ausland zum dritten Mal in diesem Jahr die Möglichkeit haben, ihre Stimme abzugeben, gewinnt der Appell: „Geht nicht Pilze sammeln, geht zu den Wahlurnen“ wieder an Aktualität. Er war in den Jahren der Wende sehr populär, als die Wahlbeteiligung gering war und die Menschen sich von den politischen Parteien und ihren Vorsitzenden betrogen fühlten. Die Parteien der Wendezeit gehören bereits der Geschichte an, aber der Ausdruck „am Wahltag Pilze sammeln“ wird seine Bedeutung auch künftig behalten... Die Rede ist diesmal aber nicht von den Kandidat-Politikern, die wie Pilze aus dem Boden schießen, sobald Wahlen anstehen, sondern um die Pilze im Wald, die in einigen Dörfern in den Rhodopen die Lebensgrundlage der Menschen dort bilden.


In diesem Jahr haben die in unserem Land begehrtesten Pilze einen neuen Rekordpreis erzielt. Trotzdem können sich immer weniger Pilzsammler leisten, von morgens bis abends durch den Wald zu streifen, um nach Pilzen zu suchen. Die Dörfer entvölkern sich, aber auch die Arbeitslosigkeit nimmt ab. Das Pilzsammeln ist aber ein Saisonjob, der stark vom Wetter abhängig ist. Die Sommermonate in diesem Jahr waren sehr heiß und trocken, was die Pilzernte buchstäblich ruiniert hat.

„Seit dem 15. Juli ist die Pilzernte in ganz Europa extrem schlecht. Auch in unseren Nachbarländern gab es keine Pilze. Die Preise haben Rekordwerte erzielt und ein Kilo Steinpilze kostet jetzt 50 Lewa. Das passiert zum ersten Mal, seitdem ich mich mit Pilzen befasse“, sagte Julian Kolew, Besitzer eines der führenden bulgarischen Unternehmen für die Verarbeitung und den Export von Waldpilzen. Er ist Diplom-Ingenieur, befasst sich aber seit mehr als 30 Jahren mit Pilzhandel. Julian Kolew exportiert seine Produkte nur nach Europa und sagt, dass bulgarische Pilze unter den Top 5 der besten der Welt sind, abgesehen von China.

„Ich würde nicht sagen, dass Covid-19 für uns ein Problem war, aber wir hatten zum Beispiel dieses Jahr vom 15. Juli bis 15. Oktober keinen Ertrag, weil diese drei Monate sehr trocken waren. Darüber hinaus ist unser Geschäft saisonal - vom 15. November bis zum 15. April haben wir keine frischen Pilze und das sind 6 Monate. So gesehen haben wir in Jahren wie diesem nur drei Monate lang einen Ertrag. Das ist das Hauptproblem - wir müssen den Menschen das ganze Jahr über Beschäftigung bieten, um die Struktur eines Unternehmens zu erhalten, in dem es vielfältige Arbeitsaktivitäten gibt.“


In heimischen Wäldern sind ungefähr 200 Pilzarten anzutreffen, aber die mit einem kommerziellen Wert sind nur 14-15 an der Zahl. Daher sind jene, die gesammelt werden, gut erkennbar und das Risiko ist minimal, sie mit Doppelgängern oder giftigen Pilzen zu verwechseln. „Jetzt haben wir wieder wärmeres Wetter und die Pilze haben zu sprießen begonnen. Diese Woche soll das Thermometer aber wieder auf Null sinken. Damit ein Pilz wachsen kann, sind Temperaturen um die 12-14 Grad notwendig. Bei 5°C kann man nicht mit Pilzen rechnen“, erklärte Julian Kolew.

„Steinpilze werden hauptsächlich nach Italien verkauft und Pfifferlinge nach Deutschland und Frankreich. Pilze sind kein Grundnahrungsmittel, sondern eine Delikatesse, deshalb werden ihre Preise immer höher. Unsere Konkurrenten sind unsere Nachbarländer - Rumänien, Nordmazedonien, Serbien, die Türkei. Pilze gibt es auch in Litauen, Lettland, Estland und Polen. Wir alle exportieren in einen gemeinsamen Markt, in 7-8 Länder, hauptsächlich in Westeuropa. Der Preis richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Für jede Lieferung wird ein Preis vereinbart. Und was die gefrorenen Pilze angeht, gab es letztes Jahr aufgrund der Grenzschließung viele unverkaufte Pilze in den Unternehmen in Europa und auch in unserem Land. Die Preise in diesem Frühjahr waren extrem niedrig, weil die bereits vorhandene Produktion verwertet werden musste“, sagte abschließend Julian Kolew.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: BGNES


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