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Die Epidemie als Herausforderung und Möglichkeit

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Das aus dem Altgriechischen stammende Wort „Epidemie“ bedeutet „etwas auf das Volk bezogene“, während „Pandemie“ etwas ist, dass alle Völker betrifft. In der Menschheitsgeschichte haben solche „Prüfungen Gottes“ stets geopolitische Folgen gehabt. Es hat aber auch immer Völker gegeben, die die Gunst der Stunde zu nutzen gewusst haben. Sie haben nicht nur die Prüfungen überstanden, sondern sich auch über die anderen durchsetzen können.

Während der sogenannten „Justinianischen Pest“ Mitte des 6. Jahrhunderts wurde das Oströmische Reich (das wir heute als Byzanz bezeichnen) stark entvölkert. Gründe sind u.a. in einer Wetteranomalie zu suchen. Der antike Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea beschrieb die Lage in den Jahren 535/536 so: „Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei. Seitdem aber das Zeichen zu sehen war, hörte weder Krieg noch Seuche noch sonst ein Übel auf, das den Menschen den Tod bringt.“ Das kühler gewordene Wetter verursachte Missernten und Hungersnöte. Die Hunnen drangen ihrerseits erneut ins Reich ein; auch die Slawen machten sich südlich der Donau breit. Alten Chroniken zufolge starb im damaligen China 80 Prozent der Bevölkerung an Hunger.

Auch während des nachfolgenden Kaisers Justinian II. kam es zu einer erneuten Verdunklung der Sonne, was heutige Wissenschaftler auf einen großen Vulkanausbruch zurückführen. Das gesamte Jahr über konnte man in Byzanz Nordlichterscheinungen beobachten. Eine Seuche machte sich breit, die Mediziner aus heutiger Sicht als Pest identifizieren. Die Justinianische Pest wüte und erlebte 18 Wellen – bis in das Jahr 750. Die Bulgaren nutzten die Gelegenheit und festigten ihr Reich auf der Balkanhalbinsel. Diese Ereignisse, die in den Augen der Byzantiner eine wahre Apokalypse waren, fanden ihre Widerspiegelung in etlichen Darstellungen, darunter auf den in Vinica (heue Nordmazedonien) entdeckten Keramikikonen, auf denen ein Bulgare und ein Slawe als zwei der Apokalyptischen Reiter dargestellt sind. Byzanz veränderte sich derart, dass es sogar gezwungen war, slawische Rechtsnormen in seine Gesetzgebung aufzunehmen, um es den eingewanderten neuen Volkern Recht zu machen und im Endeffekt als Staat zu überleben.

Schauen wir weiter in die Geschichte: Nach 1347 erzielten die osmanischen Sultane berauschende Erfolge, die einige Historiker auf die in jener Zeit in Europa wütenden Pest zurückführen. Der „schwarze Tod“ raffte in einigen Teilen des Alten Kontinents bis zur Hälfte der Bevölkerung dahin. Die Pest kam übrigens aus China nach Europa und das nicht ohne „Hilfe“ mongolischer Eroberer. Man darf jedoch nicht vergessen, dass jede Epidemie sowohl für die Verteidiger, als auch für die Angreifer ein Feind ist. Die Erfolge der Osmanen haben andere Ursachen. In Justinians Zeiten schaffte es das Byzantinische Reich, einen Teil der Eindringlinge aufzunehmen und einzuschmelzen. Im 14. Jahrhundert hatte sich das Bild jedoch gewandelt. Byzanz war ein ruinierter Staat – ein Schatten seiner selbst. Alle Angreifer wollten das glorreiche Erbe antreten und auf den Ruinen ihren eigenen (multinationalen) Staat errichten. Am erfolgreichsten erwiesen sich die Osmanen, die ungeachtet von Glauben und ethnischer Herkunft, geschickt die Politik des byzantinischen Staates kopierten und für ihre Expansion Menschen und Ressourcen zu nutzen verstanden.

Historiker sind der Auffassung dass auf die Pest des 14. Jahrhunderts im damaligen West- und Osteuropa auf unterschiedliche Weise regiert wurde. Mit Hilfe von Aufständen konnten die abhängigen Bauern Westeuropas etliche der ihnen aufgezwungenen Pflichten abschütteln. Man begann sie für ihre Arbeit zu bezahlen, weil die Arbeitskraft knapp geworden war. In Osteuropa hingegen vertiefte sich die Anhängigkeit der Landbevölkerung.

So gewagt auch Parallelen in der Geschichte sind, haben die Pandemien in den verschiedenen Epochen ähnliche Folgen gehabt. Stets fand eine rapide Entwertung des Geldes statt, die Preise ihrerseits stiegen bis sich ein Gleichgewicht einpendelte. Der demographische Kollaps und die gestörten Wirtschaftsbeziehungen führten zu einer Erhöhung des Preises der menschlichen Arbeit.

Übersetzung und Redaktion: Wladimir Wladimirow

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