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Zahl der Erwerbsarmen in Bulgarien seit Jahresbeginn um 22 Prozent gestiegen

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Wenn auch mit niedrigem Einkommen, haben wir vor der Pandemie besser gelebt als jetzt. Wir haben jetzt viel weniger Arbeit, müssen aber jeden Monat unsere Strom- und Wasserrechnungen begleichen und in den Geschäften wird alles teurer. Manche Waren des täglichen Bedarfs sind sogar um doppelt so teuer geworden. Das sagte ein berühmter bulgarischer Musiker.

Das gleiche Problem macht den meisten bulgarischen Haushalten zu schaffen, die nun mit niedrigeren und unsicheren Einkommen leben müssen als vor einem Jahr. Die Arbeitsmarktbeobachtung der Konföderation der unabhängigen Gewerkschaften Bulgariens (KNSB)  belegt, dass die Zahl der Arbeitnehmer, die nur den Mindestlohn erhalten, um 22 Prozent gestiegen ist. Das sind um etwa 40.000 mehr Arbeitnehmer als im Vorjahr, die für einen Mindestlohn arbeiten. Dieser liegt in Bulgarien bei 650 Lewa (332,34 Euro). Die Rede ist von insgesamt 493.000 Bulgaren. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten gestiegen. Im Juni 2021 hat eine Person 1.069 Lewa (547 Euro) benötigt, um ihre monatlichen Ausgaben decken zu können.

Das Institut für Marktforschung der KNSB schätzt, dass etwa 700.000 Arbeiter in Bulgarien täglich 8 Stunden oder mehr arbeiten und schließlich in die Kategorie der Erwerbsarmen (Working Poor) fallen, weil ihre Löhne dem Mindestlohn entsprechen oder knapp darüber liegen. „Das ist für uns ein fundamentales Problem beim Funktionieren der Marktwirtschaft“, erklärte KNSB-Präsident Plamen Dimitrow. In Bezug auf die Lebenshaltungskosten sagte er:

Пламен Димитров

„Das ist ein Grundmaß für das Arbeitseinkommen, das dem Arbeitnehmer einen sozial akzeptablen Lebensstandard ermöglichen sollte. Das bedeutet, dass das Gehalt ausreichen muss, um dem Arbeitnehmer eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Sprich: Er sollte nicht nur über Geld für Nahrung und Unterkunft verfügen, sondern auch für  Freizeitaktivitäten. Die Europäische Kommission und das Europäische Parlament diskutieren intensiv über einen Richtlinienentwurf zu den aktuellen Mindestlöhnen in der EU. Wir bestehen darauf, dass in dieser Richtlinie die Verpflichtungen des jeweiligen Mitgliedstaats festgehalten werden, so dass der Mindestlohn in einer kurzen Zeit von 4-5 Jahren auf den Stand der Lebenshaltungskosten klettert“, so Plamen Dimitrow.

Durch das Prisma des Verbraucherkorbs betrachtet, sind die Lebenshaltungskosten ein Richtwert für die Höhe des Lohnes, der es der Familie ermöglichen sollte, für Nahrung, Wohnung, Bildung, Kleidung, Transport, Kommunikation sowie Erholung und Freizeit aufzukommen.

„Die Kosten für Nahrung in unserem Land machen mehr als 36 Prozent der Gesamtkosten einer Familie aus. Nur 6 Prozent davon sind für Nahrung, die in Esslokalen zubereitet wird“, sagte Violeta Iwanowa, stellvertretende Direktorin des Instituts für Sozial- und Gewerkschaftsforschung .

Виолета Иванова

„Im Jahr 2020 konnten 35 Prozent der Haushalte im Land ihre Unterhaltskosten decken. Der Warenkorb umfasst 479 Waren, wovon knapp ein Drittel Lebensmittel sind. Der Konsum von Alkohol und Tabak wird bei der Berechnung des Lohnes, der ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu bestreiten, nicht berücksichtigt. Die Nahrungsmittelpreise in Bulgarien sind in diesem Jahr um 3 Prozent gestiegen, die Preise für Nicht-Nahrungsmittel um fast 2 Prozent. Bei tierischen und pflanzlichen Fetten haben die Preise spürbar zugelegt, allein beim Sonnenblumenkernöl ist ein Wachstum von ca. 25  Prozent zu verzeichnen. Je schneller die Preise von Grundbedarfswaren steigen, desto größer wird ihr Anteil im Warenkorb und desto weniger Geld steht für andere Waren zur Verfügung.

Übersetzung: Rossiza Radulowa

Fotos: BGNES

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